Streaming Überangebot: Drei Probleme, die sich durch den Start von Disney+ ergeben

Und wo streamst du? Mit Disney+ ist ein weiteres Portal dazugekommen. Foto: Monika Skolimowska/dpa

Immer und überall Serien und Filme schauen - das Streamen hat unser Fernsehen revolutioniert. Seit Dienstag mischt auch Disney im Streaming-Geschäft mit. Aber: Mehr Auswahl heißt nicht automatisch ein besseres Angebot. Drei Probleme, die dadurch entstehen.

1. Der Markt zerfasert: Streaming wird immer unübersichtlicher.

Ein gemütlicher Abend auf dem Sofa, dazu ein spannender Film. Aber welcher? Wer streamt, steht hier vor einer lästigen Entscheidung, die einem den Abend rauben kann. Mit mehr Diensten wird diese noch schwieriger, denn der Streaming-Markt zerfasert und wird immer unübersichtlicher. Kein Streamingdienst hat alles im Angebot. Wer alles sehen will, muss also alles abonnieren.

Das geht sogar so weit, dass Filmuniversen zerrissen werden. Marvel zum Beispiel: "Thor", "Ant-Man" oder die "Avengers"-Reihe - Disney+ hat jede Menge Filme aus dem Superhelden-Universum im Angebot. Logisch, denn dem Unternehmen gehört das Marvel-Studio. Ein Teil der Filme fehlt aber: die "Iron Man"-Reihe, "Hulk", die "Spider Man"-Filme oder "Ant-Man and the Wasp". Sie gibt es aktuell nur auf Netflix. Der Grund: Probleme mit den Streaming-Rechten. Denn der Großteil der fehlenden Filme gehört nicht Disney, sondern wurde vor der Übernahme des Marvel-Studios produziert und über andere Filmverleihe veröffentlicht. Und die entscheiden, wo ein Film geschaut werden kann.

Einzige Ausnahme: "Ant-Man and the Wasp". Hier hat Disney vor dem Start seines Streamingdienstes einen Deal mit Netflix geschlossen. Ausbaden müssen dieses Durcheinander letztlich die Nutzer.

2. Jede Menge Tabubrüche für Aufmerksamkeit: Wir stumpfen ab!

Auffallen um jeden Preis und damit möglichst viele neue Nutzer anziehen - so lässt sich das Erfolgsrezept von Netflix zusammenfassen. Und das verschärft sich mit mehr Konkurrenz. Viele Eigenproduktionen des Streamingdienstes brechen Tabus, sorgen für einen Aufschrei, für Shitstorms und nebenbei für viel Aufmerksamkeit.

Bestes Beispiel dafür: "Tote Mädchen lügen nicht". Die Netflix-Serie, die seit Staffel zwei nur noch lose auf dem gleichnamigen Jugendbuch von Jay Asher basiert, handelt vom Selbstmord der 17-jährigen Hannah Baker, die ihren Mitschülern schockierende Kassetten hinterlässt. Netflix zeigt ungeschönt, wie sich das Mädchen das Leben nimmt. Zum Start der ersten Staffel wurde das kontrovers diskutiert: Trotz Warnhinweisen zu Beginn jeder Episode fürchteten Psychologen, dass viele Jugendliche Hannahs Schritt nachahmen. Mittlerweile hat Netflix die umstrittenste Szene, die Hannahs Selbstmord zeigt, zensiert. Man wolle damit dem Rat vieler Ärzte folgen. Zwei Jahre hat dieser Schritt auf sich warten lassen. Und mal ehrlich: Bis dahin hat der Aufschrei viele Zuschauer angezogen.

Allerdings haben diese Tabubrüche einen Preis: Wir stumpfen ab. Wir erwarten das Krasse. Bleibt es aus, langweilen wir uns. Und wir verlernen völlig, uns liebevollen Produktionen zu widmen.

3. Plötzlicher Tod: Serien werden ohne Vorwarnung abgesetzt.

Möglichst viele Leute ansprechen, heißt auch: möglichst viel produzieren. Denn nur wer stetig neues Material zum Streamen liefert, kann seine Abonnenten halten und neue gewinnen. Netflix veröffentlicht jede Woche neues Material. Das ist an sich noch kein Problem. Allerdings wird es eins, denn mit mehr Konkurrenz müssen alle Anbieter noch schneller und vielfältiger produzieren.

Für viele Serien bedeutet das den Todesstoß: Sie werden vorzeitig abgesetzt, denn eine Serie ist nur dann erfolgreich für die Streamingdienste, wenn sie neue Kunden anlockt und gehypt wird. Alte Serien, die schon weit fortgeschritten sind, oder kleine Serien, die nicht auffallen, haben da kaum Chancen. Sie lassen sich nicht so gut vermarkten. Und sie geraten in einen Teufelskreis, denn Streaming-Anbieter überlassen nichts dem Zufall.

Netflix berechnet zum Beispiel alles mit einem Algorithmus, der sehr früh voraussagen kann, ob eine Produktion erfolgreich ist. Das steht bereits nach 28 Tagen fest, wie Cindy Holland, Serien-Chefin von Netflix, in einem Interview mit dem "Hollywood Reporter" verrät. Und dieser Algorithmus gibt uns Nutzern auch vor, was uns gefallen könnte. Das bedeutet aber auch, dass er uns bestimmte Serien und Filme vorenthält, sie sozusagen verschluckt. Wir bekommen sie gar nicht erst zu Gesicht, sie werden also erst recht nicht angeklickt und bleiben dann sowieso hinter den Erwartungen. Das ist der Grund, warum viele Serien nach nur wenigen Staffeln und mittendrin enden.

Die Folge: Serienmacher müssen ständig bangen. Sie produzieren unter Angst vor einem plötzlichen Ende. Das bestätigt auch Timothy Olyphant, der in der Netflix-Serie "Santa Clarita Diet" eine der Hauptfiguren gespielt hat. Er berichtet in einem Gespräch mit "TVline" von der ständigen Angst am Set: "Jedes Mal, wenn ich mich umdrehe, haben sie schon wieder eine Serie abgesetzt." Und kurz darauf traf es auch seine Serie.

Diese Paranoia sieht man den Produktionen oft an. Sie sind so gestaltet, dass sie nach einer Staffel ohne Probleme enden könnten und trauen sich kaum noch, viele Fragen offenzulassen. Das wiederum bringt ein weiteres Problem mit sich: Die Macher verzichten auf künstlerische Freiheit, sie bleiben bei dem, was Erfolg garantiert. Dadurch wird die Film- und Serienwelt immer mehr zum Einheitsbrei.

Fazit

Schuld an dieser Entwicklung sind nicht die Streamingdienste. Schuld daran sind wir: die Konsumenten. Wir müssen aufhören, das zu schlucken, was uns serviert wird. Wir müssen uns aus den Fängen der Algorithmen lösen und uns auch mal Filmen und Serien widmen, die unser Interesse nicht allein dadurch wecken, dass sie möglichst viele Tabus brechen. Wir müssen unseren Streaming-Konsum überdenken, bewusster und achtsamer auswählen, was wir anschauen. Nur dann können wir unser Fernsehprogramm selbst gestalten und legen es nicht in die Hände anderer.

Weitere Artikel

 

idowa-Newsletter kostenlos abonnieren

E-Mail-Adresse:
 
 
 

0 Kommentare

Kommentieren

null

loading