Idowa-Adventskalender (15) Simon Dorfner malt abscheulich schöne Porträts

Simon Dorfner ist diplomierter Maler. Foto: Simona Cukerman
Simon Dorfner ist diplomierter Maler. Foto: Simona Cukerman

Im Advent veröffentlichen wir jeden Tag eine Plus-Geschichte aus 2021 hier kostenlos in voller Länge. Hinter jedem Türchen wartet eine der Top-Geschichten des Jahres! Wenn Ihnen gefällt, was Sie lesen, schließen Sie doch ein Schnupperabo ab! Als Plus-Abonnent lesen Sie unsere besten Reportagen, Multimedia-Storys und exklusiven Meldungen aus Ihrer Region das ganze Jahr über in voller Länge auf www.idowa.plus.

In seinem Straubinger Atelier schafft der Maler Simon Dorfner Kunstwerke, die abscheulich und schön zugleich sind. Die interaktive Version des Artikels weiter unten nimmt Sie mit in die Gedankenwelt des Künstlers. Im Video gibt Autorin Simona Cukerman Einblicke in die Recherchearbeit.

Die Eingangstür knarrt. Aus der Musikbox dröhnt ein wilder Mix aus Jazz, Blues, Country-Musik und Deutschrap. Es riecht nach Farbe und Rauch. In der Mitte des knapp 110 Quadratmeter großen Ateliers steht ein Kratzbaum, auf ihm eine Schreibtischlampe, daneben eine kleine Kochplatte mit einem Espressokännchen darauf. "Keine Heizung, Toilette oder Lampen hier - aber alles, was ich brauche", sagt der diplomierte Maler Simon Dorfner. In der kalten Luft des Raums wird bei jedem Wort weißer, warmer Atem aus seinem Mund sichtbar.

Das Atelier versteckt sich zwischen Kraftzentrale und hübschen Einfamilienhäusern an der Bahnlinie im Straubinger Westen. Dort ist alles, was er braucht. Darin tut er das, was er tun muss, weil er gar nicht anders kann.

Der 30-Jährige hat an der Akademie für Bildende Künste in München studiert. "Sechs Jahre lang." Er war auch in Nürnberg, Innsbruck und kurz in Berlin. Doch nun ist er wieder hier - zu Hause. Durch die Stadt geht er oft mit rotem Hut auf dem Kopf, einem Pelzmantel auf den Schultern und dem schwarzen Schäferhund Alfi an seiner Seite. "Eigentlich ist es völlig verrückt, es macht keinen Sinn. Höchstens für einen selbst", sagt Dorfner über das Künstlerdasein.

Skizzen, Zeichnungen und Bronze-Statuen

"Auf einer Ausstellung ging eine ältere Frau an einem meiner Bilder vorbei und fragte sich laut, wie man ein Porträt nur so verunstalten kann - das fand ich schön", sagt Dorfner. Seine Bilder seien nicht unbedingt leichte Kost. "Rau, roh und ausdrucksstark würde ich einige Porträts beschreiben." Dabei bezieht er sich auf die Werke, die markante Gesichtszüge und Tränensäcke bei jungen Frauen zeigen. In der heutigen Welt idealisiere man vieles. "Die Darstellung einer Person ist wichtiger geworden, als das, was dahintersteckt." Und das sei schade. Denn die Welt sei auch roh. "Was wäre sie denn ohne Fehler", fragt Dorfner, ohne dabei eine Antwort zu erwarten.

Neben Skizzen, Zeichnungen und Bronze-Statuen, gibt es noch etwas in seinem Atelier zu entdecken: Bilder, die mit mehreren Zentimetern Farbe zugekleistert sind. Teigig und breiig - diese Malart wird als pastos bezeichnet. Man sieht Pinselstriche und "meine Finger, denn mit ihnen habe ich die Haare der Medusa gemalt".

Nicht überlegen, wie viel Zeit man reinsteckt

Das Bild sei bereits seit einem halben Jahr fertig, doch noch immer nicht trocken, weil die Farbschicht so dick aufgetragen ist. Eigentlich würde die Farbe bröckeln und runterfallen. Er mischt Bienenwachs dazu, so bleibt die Farbe elastisch. "Die Welt ist zu schnell geworden", sagt Dorfner, während er hastige Pinselstriche an einem der Porträts macht. "Menschen versinken in ihren Smartphones, wischen sich Blasen an ihren Daumen, weil sie die neusten witzigen Sekunden-Videos sehen wollen. So verfliegen Stunden. Immer mehr und immer schneller."

Und so sei es auch in der Kunst. "Früher hat ein Bild Zeit gebraucht. Handgewebter Leinenstoff, aufgekochter Knochenleim: Leinwand aufspannen, leimen und dann langsam anfangen, darauf zu arbeiten." So geht er auch vor.

"Früher waren Künstler mit drei weiteren gemeinsam mehrere Jahre mit einem Bild beschäftigt. Schlachtmalereien zum Beispiel - heutzutage ginge das nicht mehr." Obwohl ihm alles so schnelllebig vorkommt, lässt sich Simon Dorfner nicht unter Druck setzen. Mal dauert ein Bild drei Stunden, mal eineinhalb Monate. "Man darf nicht überlegen, wie viel Zeit man reinsteckt, denn man malt an einem Bild so lange, bis es fertig ist. Man kommt dem nicht aus. Es ist wie essen und trinken."

Wann ein Bild fertig ist, das wisse man nicht. "Wenn ein Kunde kommt und es kauft", sagt Dorfner und schmunzelt. In seinem Kopf sind die Bilder nie fertig. Sie stehen als Idee und als Ausführung, doch gibt es immer eine bessere. "Kein Bild ist fertig und keins ist perfekt."

Weitere Artikel

 

idowa-Newsletter kostenlos abonnieren

E-Mail-Adresse:
 
 
 

0 Kommentare

Kommentieren

null

loading