Straubing Wenn Fremdenfeindlichkeit zum Alltag gehört

Hamide trägt das Kopftuch freiwillig. Ihre Eltern hatten ihr anfangs sogar davon abgeraten. Foto: Melanie Nusko

Hamide aus Straubing trägt ein Kopftuch. Anfeindungen und Fremdenfeindlichkeit sind für die 17-Jährige keine Seltenheit. Warum sie trotzdem bei ihrer Entscheidung bleibt.

Wenn Hamide Schwarz trägt, geht sie ein Risiko ein. Das weiß sie. Trotzdem hat sie sich heute für einen schwarzen Rucksack entschieden. Die 17-Jährige geht zur Bushaltestelle. Viele Menschen warten ungeduldig auf den Bus. Der Rucksack ist schwer. Hamide stellt ihn neben sich ab. Ein paar Meter weiter entdeckt sie eine Freundin. Hamide läuft zu ihr. Ihren Rucksack lässt sie stehen. Als Hamide zurückkommt, ist niemand mehr da. Die Menschen sind nicht mit dem Bus weggefahren, sondern gegangen. Sie hatten Angst. Angst vor Hamides Rucksack. Warum? Hamide trägt ein Kopftuch – die Leute hielten sie wohl für eine Terroristin. Situationen wie diese sind für Hamide Demir aus Straubing keine Seltenheit – im Gegenteil. Anfeindungen wie „Kopftuch-Schlampe“ oder „Geh zurück, wo du hergekommen bist“ gehören für die 17-Jährige schon fast zum Alltag. „Meist sagen die Leute solche Dinge nur im Vorbeigehen auf der Straße“, erzählt Hamide. „Aber ich bin aus Straubing. Wo soll ich denn hin? Ich bin schon daheim.“ Hamide ist in Straubing geboren. Ihr Vater in Lübeck. Ihre Mutter und ihre beiden Omas und Opas kommen aus der Türkei. Als deutsch sieht sich die 17-Jährige nicht. „Wäre ich deutsch, müsste ich mir nicht erst einen Platz in der Gesellschaft suchen.“ In Deutschland ist Hamide die Türkin und in der Türkei die Deutsche.

Wenn Hamide einen Fehler macht, leidet eine ganze Gruppe

Auch beim Einkaufen merkt Hamide, dass die Menschen sie als anders betrachten. „An der Kasse reden die Leute in ganz schlechtem Deutsch mit mir.“ Wenn Hamide antwortet, reagieren die Menschen oft überrascht. Meist kommen dann Sätze wie: „Oh, Sie können aber gut Deutsch!“ Auch wenn die Leute es nicht böse meinen, für Hamide ist das kein Kompliment. Mit diesem Vorurteil hat die 17-Jährige oft zu kämpfen. Manchmal reden Menschen schlecht über sie, obwohl Hamide neben ihnen steht. Sie denken, sie versteht sie sowieso nicht. Manchmal spricht Hamide die Leute an. Ein Gespräch ist daraus noch nie entstanden. „Die sind dann geschockt und versuchen ihr Verhalten zu überspielen“, erzählt sie. Meist sagt die 17-Jährige aber nichts. „Ich will mir dadurch die Laune nicht verderben.“ Hamide bleibt immer höflich – egal wie beleidigend die Aussagen sind. „Menschen denken eben in Schubladen und wenn ich mich dann auch noch aggressiv präsentieren würde, würde ich die Vorurteile nur bestätigen“, erklärt sie. Macht Hamide einen Fehler, leidet eine ganze Gruppe darunter. Nämlich alle Muslime. „Die Leute verallgemeinern das eben.“

Nach den Anschlägen in Paris werden die Anfeindungen mehr

Mit gerade einmal zwölf Jahren entscheidet sich Hamide dazu, das Kopftuch zu tragen. Das war im Mai 2015. Ihre Eltern raten ihr damals davon ab. Sie haben Angst um ihre Tochter. „Mein Vater hat mir gesagt, dass sich dann einiges für mich ändern wird“, blickt Hamide zurück. Ihre Mutter gibt Hamide den Tipp, sich nie völlig schwarz zu kleiden. Zu hoch sei das Risiko, für eine Terroristin gehalten zu werden. „Damals war ich noch sehr jung und konnte mir nicht vorstellen, was meine Eltern meinen.“ Nur wenige Monate später kommt die erste Härteprobe auf Hamide zu: die Flüchtlingskrise. Kurz darauf folgen die Anschläge der Terrorgruppe IS (Islamischer Staat) in Paris im November 2015. Hamide erlebt plötzlich häufiger Anfeindungen. „Im Bus haben Leute angefangen, an meinem Kopftuch rumzuziehen“, erzählt sie. Trotz allem bleibt Hamide bei ihrer Entscheidung. „Mein Glaube ist mir wichtiger als das, was die Leute sagen.“ Hamide trägt ihr Kopftuch ihrem Stil entsprechend, sie verbindet damit Freiheit. „Ich wollte mich darin auch selbst widerspiegeln.“ Ihre Freunde stehen nach der Entscheidung hinter ihr. Verteidigen sie, wenn sie jemand beleidigt.

„Ich hatte bisher Glück im Unglück“

Vorurteilen, wie sie werde gezwungen, unterdrückt oder sei dumm, versucht Hamide entgegenzuwirken. Sie will ihren Platz in der Gesellschaft finden, nimmt an interreligiösen Dialogen teil, beantwortet Fragen. „Ich möchte einfach, dass sich die Leute informieren, bevor sie urteilen.“ Obwohl Hamide schon einiges wegen ihres Kopftuchs erleben musste, ist sie optimistisch. Von Bekannten weiß sie, dass es noch schlimmer sein könnte. „Eine Freundin von mir, die auch ein Kopftuch trägt, wurde mitten in der Münchner Innenstadt von einem Passanten angespuckt. Andere Frauen werden einfach von Treppen geschubst“, zählt Hamide auf. „Ich hatte bisher Glück im Unglück.“

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