Straubing/Erding Lippenstift für die Seele: Kosmetikseminar für Krebspatientinnen

Sich schön fühlen trotz Krebs: Bei einem Kosmetikseminar lernen die Krebspatientinnen, wie man mit Rouge und Lidschatten ein bisschen Farbe zurück ins Leben bringen kann. Foto: igl

Im Gang riecht es beißend nach Desinfektionsmittel, die Wände des Raumes sind kahl, das Licht kühl - alles wirkt steril. An einem großen Tisch sitzen vier Frauen, irgendwo zwischen Mitte 30 und Mitte 60. Auf den ersten Blick sind sie alle sehr unterschiedlich. Eines verbindet sie aber: Sie leiden an Krebs und wollen trotzdem schön aussehen. Heute sind sie deshalb zu einem Kosmetikseminar für Krebspatientinnen der DKMS Life einer Tochtergesellschaft der DKMS (Deutsche Knochenmarkspenderdatei) ins St. Elisabeth Krankenhaus in Straubing zusammen gekommen.

Vor ihnen ausgebreitet sind Fläschchen, gefüllt mit pinken Flüssigkeiten, bunte Döschen mit Puder, Tuben mit Hautcremes, Bronzer und Lidschatten. Im Gegensatz zu den Krankenhausräumen ist die Stimmung bei den Damen aber alles andere als kühl. Neugierig untersuchen sie die Produkte vor ihnen. "Oh, das riecht aber gut", sagt die eine. "Ich muss später noch auf einer Beerdigung singen, ich hoffe, ich sehe nach diesem Seminar nicht aus wie ein Papagei", meint eine andere lachend.

Gut aussehen und sich besser fühlen

"Look good feel better" - so heißt das kostenlose Kosmetikseminar, das die Frauen im Elisabeth Krankenhaus besuchen. Krebspatientinnen sollen dort lernen, wie sie die Veränderungen an ihrem Körper kaschieren können, um so ein Stück Lebensfreude und Normalität zurückzubekommen. Die Teilnehmerinnen bekommen eine Tasche voll mit Kosmetikprodukten und Tipps und Tricks rund ums Augenbrauennachmalen und Kopftuchwickeln.

Gut aussehen und sich besser fühlen, darum geht es also. Doch haben Frauen mit Krebs nicht andere Probleme als ihr Aussehen? "Ja schon, aber die Krankheit greift nicht nur die Zellen an, sondern oft auch das eigene Selbstwertgefühl", meint die Seminarleiterin und Kosmetikerin Barbara Öder. Wegen der Chemotherapie trocknet die Haut aus und man verliert meistens seine Haare. Öder erklärt, dass es bei der Veranstaltung darum geht, sich in seiner eigenen Haut wieder wohlzufühlen. "Die Frauen sollen beim Seminar nicht lernen, wie man sich perfekt schminkt, sondern wie man sich wieder im Spiegel ansieht und sich denkt: 'Ich sehe wieder wie ich aus. Ich sehe schön aus'."

Die Frauen haben gerade ihre erste Anweisung bekommen: Sie sollen sich abschminken. Eine von ihnen streicht sich ein Wattepad über das Gesicht und meint lächelnd: "Ich habe alle meine Haare bei der Chemo verloren, aber dieser nervige Flaum auf der Oberlippe ist mir geblieben." Gabi ist 61 Jahre alt und hat vor rund vier Jahren erfahren, dass sie an Multiplen Myelom erkrankt ist. Dabei handelt es sich um einen bösartigen Knochenmarkkrebs. Er ist unheilbar. "Ich hatte früher sehr lange, blonde Haare. Diese zu verlieren war die härteste optische Veränderung für mich. Bevor ich die Hochdosis der Chemo bekommen habe, entschied ich mich dazu, sie mir alle abschneiden zu lassen. Dann war es wenigstens meine eigene Entscheidung."

Auf das Seminar ist Gabi durch ein Youtube-Video aufmerksam geworden. Eine Frau hat dort einfache Schminktipps gezeigt, die sie bei einem Kurs der DKMS gelernt hat. Dann wollte die 61-Jährige selbst dabei sein. "Man legt halt doch sehr viel Wert auf sein Aussehen, gerade wir Frauen. Und wenn man sich nicht wohlfühlt, geht es einem insgesamt schlechter."

"Alle sitzen im gleichen Boot"

Nun bekommen die Frauen die nächste Aufgabe von Kosmetikerin Barbara Öder. "Zuerst cremen wir unser Gesicht und den Hals ein, denn unserer Haut wird die Feuchtigkeit ständig entzogen - von der Heizluft und von der Chemo."

Zwei der Frauen haben keine Haare mehr, eine trägt eine Perücke. Die vierte Frau hat lange blonde Haare, sie hat erst vor Kurzem ihre erste Chemotherapie hinter sich gebracht. Während sie sich das Gesicht eincremt fragt sie die anderen Teilnehmerinnen: "Wenn ich all meine Haare verloren habe, wie pflege ich denn am besten meine Kopfhaut? Packt ihr da einfach auch Gesichtscreme drauf oder habt ihr irgendwelche Tipps?" Gabi antwortet prompt: "Selbst als ich nur noch zwei Haare auf dem Kopf hatte, hab ich die noch mit Shampoo gewaschen - einfach aus Gewohnheit."

Die Seminarleiterin findet diesen Austausch der Frauen untereinander genauso wichtig, wie die Schminktipps an sich. Denn man komme mit Menschen zusammen, die "im gleichen Boot sitzen" und das tue gut. Ihre Einschätzung wird sofort bestätigt: Bevor sich die Frauen dem nächsten Schritt auf der To-do-Liste widmen - das Auftragen des Lidschattens - nimmt eine der Frauen ihre Perücke ab und verkündet scherzhaft: "Die brauche ich jetzt nicht mehr, wir sind ja unter uns."

Danach zeigt Barbara Öder den vier Teilnehmerinnen, wie man seine Augenbrauen auf natürliche Weise nachzeichnet. Da man bei der Chemotherapie meistens auch seine Brauen verliert, erklärt Öder, dass die Teilnehmerinnen, die den Verlauf der Brauen noch erkennen können, sich daran orientieren sollen. Bei den übrigen Damen ohne Augenbrauen wird der richtige Anfangs- und Endpunkt mit Hilfe eines Pinsels bestimmt.

"Ich wollte mich nie isolieren"

Für Gabi war es anfangs schwierig, das Haus zu verlassen und alltägliche Dinge zu erledigen. Denn dann sei man immer mit den mitleidigen Blicken der Anderen konfrontiert. Sie glaubt, dass man als Kranker den Gesunden immer beibringen muss, wie man mit der Krankheit umgeht. Aus diesem Grund ist sie von Anfang an offen mit ihrer Krankheit umgegangen. "Ich habe mich immer wieder selbst dazu gezwungen unter Menschen zu gehen, denn ich wollte mich auf keinen Fall isolieren. Wenn man sich wohlfühlt, geht das aber natürlich ein bisschen leichter."

Termine in der Region:

Straubing:

Donnerstag, 26. Oktober und Donnerstag, 7. Dezember, Klinikum St. Elisabeth, 16 Uhr, Anmeldung: Nadine Feldmer, Tel. 09421/7101450

Erding:

Donnerstag, 16. November, Klinikum Landkreis Erding, 13.30 Uhr, Anmeldung: Frau Anke Hartmann, Tel. 08122/595415

Weitere Infos und Veranstaltungen unter  www.dkms-life.de

 

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