Straubing Der Bürgermeister der Herzen: Georg Bräuherr ist tot

Georg Bräuherr ist am Sonntag im Alter von 93 Jahren gestorben. Foto: privat

Er war ein unvergleichlich herzlicher Bürgermeister, einer, den alle kennen und der jeden kannte: Georg Bräuherr. Am Sonntag ist das Straubinger Urgestein im Alter von 93 Jahren gestorben.

Er selber nannte sich mal einen „Handwerker der Politik“. Und der ehemalige Oberbürgermeister Fritz Geisperger befand bei seinem 70. Geburtstag, eigentlich gebührte ihm „eine Medaille für Menschlichkeit in der Politik“. Die Straubinger haben Georg Bräuherr bei den Stadtratswahlen 1978 satte 26 000 Stimmen gegeben. 18 Jahre lang war er „hauptamtlich ehrenamtlicher Bürgermeister“, der Straubinger, den wirklich alle kennen und der wirklich alle kannte, der für die Drei-Minuten-Strecke vom Gäubodenhof zum Rathaus 20 Minuten brauchte, weil ihm alle, die ihm entgegenkamen, oder zumindest ihre Familien ein Begriff waren und er mit jedem ein paar nette Worte wechselte. Er war der unvergleichliche Sonnyboy der Straubinger Kommunalpolitik. Einer, der Herzlichkeit, Optimismus, großväterliche Wärme und große Liebe für sein Straubing ausstrahlte. Einer, für den das Attribut bayerisch-barock erfunden worden ist. Einer, der mit jedermann schnell ins Gespräch kam und jedem Gegenüber überzeugend das Gefühl vermittelte, dass er sich für ihn als Mensch ehrlichen Herzens interessiert, egal wo er alle sechs Jahre seine Kreuzchen auf dem Wahlzettel macht. Am Sonntag ist Altbürgermeister Georg Bräuherr 93-jährig gestorben.

Das Schicksal hat ihm übel mitgespielt die letzten Jahre. Er hat innerhalb kurzer Zeit eine Tochter, einen Sohn und schließlich seinen Dreh- und Angelpunkt, seine Frau Angela verloren, die über 60 Jahre an seiner Seite war und ihm immer den Rücken gestärkt und vor allem freigehalten hat. Nach einer großen Feier zum 90. Geburtstag stand ihm deshalb damals nicht der Sinn.

Und dennoch stand er bis zum Schluss mitten im Leben. Er war immer wieder bei Veranstaltungen präsent, er ließ sich sehen, selbst wenn er zunehmend gebrechlich war und auf Krücken angewiesen. Auch bei der Eröffnung seines geliebten Gäubodenvolksfests war er heuer noch dabei. Schließlich war er viele Jahre der Volksfest-Bürgermeister. Und alle freuten sich uneingeschränkt, wenn sie ihn sahen. Das war für ihn immer Lebenselixier. Er sagte sein unverwechselbares „Servus, Grüß Gott, Habe die Ehre“ und hatte für jeden ein gutes Wort. Bürgernähe hat er nie als hehres Ziel apostrophiert, er hat sie einfach praktiziert.

24 Jahre war Georg Bräuherr Mitglied des Stadtrats, 18 Jahre Bürgermeister, bis er sich 1990, zeitgleich mit dem damaligen OB Ludwig Scherl aus der aktiven Politik zurückgezogen hat. Unruhestand konnte man das wohl nur nennen.

Ausgezeichnet wurde er unter anderem mit der Goldenen Bürgermedaille und dem Bundesverdienstkreuz. Fritz Geisperger hat das Erfolgsrezept von Georg Bräuherr einmal auf den Punkt gebracht. Bräuherr habe den tollsten Lebenstrick angewandt, den es gebe. „Er hat seine Aufgabe zu seinem Hobby gemacht, wobei die Hinwendung zum Menschen immer im Vordergrund stand.“

Im November 2009 hat Bräuherr seine Biografie vorgelegt, „So war es – mein geliebtes Straubing“. Es gibt darin Episoden aus der Kindheit, in der es vom Lehrer noch Tatzen gab und selbst die Frau Oberlehrer beim Kramer anschreiben ließ. Es gibt Anekdoten aus seinen beruflichen Anfängen im Büro beim legendären Fraulein Dietl, wo mittags immer der „Engel des Herrn“ gebetet wurde. Manches könnte aus dem „Königlich-bayerischen Amtsgericht“ stammen. Aus der guten alten Zeit, die tatsächlich nicht immer so gut war. Und schließlich erinnerte er sich, wie ihn der spätere Umweltminister Alfred Dick mit dem Trick, sein Freund Toni Seibold habe auch schon unterschrieben, zur Unterschrift auf der CSU-Beitrittsurkunde bewegte. Seibold übrigens umgekehrt auf dieselbe Weise.

1966 kandidierte Bräuherr erstmals für den Stadtrat und wurde prompt gewählt. Die Geburtsstunde eines außergewöhnlichen kommunalpolitischen Talents, eines Unikats. Man muss nicht hinzufügen, dass seine Biografie in Straubing ein Bestseller wurde. Bei der Buchvorstellung 2009 platzte der Rittersaal mit 500 Gästen fast aus den Nähten. Bräuherr hätte die Veranstaltung eigentlich lieber im Gäubodenhof gesehen. OB Markus Pannermayr hat ihn damals aber überzeugt, „Schorsch, ein paar Leute kennen dich ja doch, der Platz dort wird nicht reichen“.

Kommunalpolitik hat Georg Bräuherr nie primär als Parteipolitik betrachtet. Er hat nie polarisiert. Er hat überzeugend vermittelt, dass ihn die Menschen interessierten. Dazu passt sein Bonmot bei dieser Buchvorstellung. Am Schluss eines schönen, runden Abends hat er sich bedankt, besonders auch beim früheren OB Reinhold Perlak, mit dem er sich immer sehr gut verstanden hat: „Sei mir nicht bös, dass ich mich im Wahlkampf für Markus Pannermayr eingesetzt hab.“ Das kam von Herzen, das war Georg Bräuherr. Seine Fans, übrigens längst nicht nur Zeitgenossen seines Alters, standen bei Autogrammstunden vor der Tür des Tagblatt-Leserservice Schlange. „Ich bin doch kein Filmstar“, hat er da verblüfft die Begeisterung kommentiert.

1922 in Straubing geboren, erlebte er Arbeitsdienst, Zweiten Weltkrieg, amerikanische Gefangenschaft. Danach krempelte er, der geborene Optimist, die Ärmel hoch und bekam von Fräulein Hedwig Dietl, Chefin der gleichnamigen Brauerei, die Berufschance, die sein Leben prägen sollte. Er wurde Brauerei-Kaufmann und später Geschäftsführer der Traditionsbrauerei. 1950 heiratete er seine Angela, eine charmante Wienerin. Fünf Kinder schenkte sie ihm und alles Verständnis der Welt für seine zeitraubende Bürgermeistertätigkeit. 1961, nach dem Tod Hedwig Dietls, schied er als einer ihrer Erben aus. Später war er für die Gartenbauzentrale Straubing, für die Schlossbrauerei Irlbach tätig und engagierte sich bei der Bundeswehr, zuletzt im Rang eines Oberstleutnants der Reserve.

Vor allem aber war und bleibt er in unser aller Erinnerung der Bürgermeister der Herzen, über alle Parteigrenzen hinweg und egal wer gerade dieses Amt aktuell bekleidet. Und ganz ehrlich: Auch wenn ihm das begnadete Alter von 93 vergönnt war, in beneidenswerter Präsenz bis zuletzt, kann ich mir wie viele andere Straubinger gar nicht vorstellen, dass es ihn nicht mehr geben soll mit seinem charmanten „Servus, Grüß Gott, Habe die Ehre!“

 
 

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