Straubing „Da fühlst dich erstmal komplett alleingelassen“

Der 94-jährige Josef Seidl bräuchte morgens Hilfe beim Waschen und Sockenanziehen, aber er findet keinen ambulanten Pflegedienst. Foto: sep

Jeden Tag bis zum Jahresende veröffentlicht die Lokalredaktion des Straubinger Tagblatts einen ihrer Lieblingstexte aus 2018. In dem zweiten Artikel der Serie geht es um einen 94-jährigen Straubinger, der einen ambulanten Pflegedienst bräuchte, aber keinen findet.

Manchmal ist Josef Seidl sehr schwindlig. Vor allem, wenn er sich bücken muss. Beim Sockenanziehen zum Beispiel. „Dann bin i weg“, erzählt der Rentner. Das hat was mit dem Inneren seines Ohrs zu tun. Kommt vor im Alter. Vor Kurzem ist Josef Seidl sogar „die Treppe rückwärts runtergefallen“. Weil ihm wieder so schwindlig war. „Grün und blau war ich am Bugel.“

Sein Enkel Michael Hofer beantragt deshalb einen Pflegegrad für seinen Opa. Josef Seidl bekommt Grad II. „Erhebliche Beeinträchtigung der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten“, bedeutet dieser Grad. Ein ambulanter Pflegedienst aus Straubing soll ihn von da an etwas unterstützen. „Aber keiner nimmt mehr auf“, sagt Michael Hofer. „Da fühlst du dich erstmal komplett alleingelassen.“

94 Jahre alt ist Josef Seidl. „94einhalb, ganz genau.“ Seit 40 Jahren lebt er an der Kreuzbreite, war Lastwagenfahrer. Wenn vorne beim Supermarkt an der Hauptstraße wieder ein Lkw steht, „da juckt’s mi scho no in die Füße. Aber mit meim Fahrzeug jetzt bin i auch mobil“, sagt er und zeigt auf seinen Rollator im Wohnzimmer. „Und bewaffnet bin i a.“ Der Rentner haut mit seinem Gehstock auf den Fußboden und grinst in seinem Ledersessel. Doch ein bisschen Hilfe täte ihm schon ganz gut, gibt er zu.

„Alle waren nett, keiner hat mehr Kapazitäten“

Bei der Pflege für seinen Opa geht es nur um „die Basics“, erzählt Michael Hofer. Füße, Gesicht und Rücken waschen, anziehen. Kleine Unterstützungen. Am besten morgens. „Da fühlt sich doch jeder den ganzen Tag wohler, wenn er in der Früh gleich frisch ist.“

Der 39-Jährige ist gelernter Krankenpfleger. Heute berät er Kliniken in Bayern zu medizinischen Produkten. Er hilft seinem Opa zusammen mit seiner Mutter so gut er kann. Kauft ein, unterstützt ihn beim Waschen. „Da Opa und ich, wir verstehen uns gut. Aber ich fahr’ 70.000 Kilometer im Jahr, für mich wäre ein Pflegedienst eine Entlastung.“

Über den AOK-Pflegenavigator hat Michael Hofer nach einem ambulanten Pflegedienst in der Stadt gesucht, Qualitätsberichte gelesen. Alle waren nett, sagt er. Aber keiner habe mehr Kapazitäten. Und wenn es seinem Opa so geht, haben sicher auch andere Menschen diese Probleme.

Der Süden ist voll, der Osten geht noch

Rita Hilmer ist nicht überrascht, dass der Mann so kurzfristig keinen Pflegedienst findet. Sie arbeitet bei der Senioren- und Wohnberatungsstelle der Stadt und informiert unter anderem zur häuslichen Pflege sowie Betreuung eines Angehörigen oder zu Tages- und Kurzzeitpflege. „Die Pflegedienste sind alle gut ausgelastet“, sagt sie.

Fünf ambulante Pflegedienste gibt es laut Rita Hilmer in der Stadt. Einer davon ist der Pflegedienst Protschka. „Es ist schwierig“, sagt Julia Rothammer, Altenpflegerin und Pflegeberaterin bei Protschka. „Bei uns kommt es drauf an, wo man wohnt.“ Im Süden der Stadt sei der Dienst sehr voll, „im Osten geht’s no“. Und genau im Süden der Stadt wohnt eben auch Josef Seidl.

Doch es liegt nicht nur am Wohnort – auch die Pflegezeiten spielen eine große Rolle. Wunschzeiten neuer Patienten könne man oft nicht einhalten, sagt Julia Rothamer, da zu viele andere zur gleichen Zeit versorgt werden müssten. „Eine Grundpflege von einer Stunde ist da natürlich schwieriger zu integrieren, als wenn man jemandem nur mit seinen Kompressions-Strümpfen helfen muss.“

Das bestätigt auch Rita Hilmer. „Die Zeiten kann man sich meist nicht aussuchen.“ Der Pflegedienst müsse schauen: Was liegt auf der Strecke? „Es ist günstig, wenn man jemanden in der Nachbarschaft kennt, zu dem ein Pflegedienst kommt.“ Der kann dann anschließend vielleicht vorbeischauen.

Einen Vorwurf kann man den Pflegediensten natürlich nicht machen, sagt Michael Hofer. „Der Fachkräftemangel in der Pflege ist eklatant.“ Acht Jahre hat er als Krankenpfleger gearbeitet. „Ich würde es gerne wieder machen. Aber ich könnte nicht vernünftig davon leben.“ In seinem jetzigen Beruf sehe er jeden Tag Pflegermangel im klinischen Bereich. „Aber solange etwas Profit abwerfen muss, wird sich nix ändern.“ Hofer wünscht sich, dass Politiker mehr Ahnung von Pflege hätten. „Pflege ist so viel mehr. Sie sollte wieder einen Wert haben.“

Den Grünen liegt das Thema Pflege sehr am Herzen, sagt Feride Niedermeier, die Fraktionsvorsitzende im Stadtrat. Sie kennt sich aus mit dem Thema, beruflich. „Spontan“ könne wohl kein Dienst mehr aufnehmen, erklärt sie. „Das können nur Pflegedienste, die super aufgestellt sind. Aber wer ist das heutzutage schon?“ An Beispielen wie dem von Josef Seidl könne man direkt erkennen, „wo es brennt“.

Fachkräftemangel auch in der ambulanten Pflege

Eine Pflege-Expertin ist Heike Adelhardt, Beraterin bei der AOK. Sie ist zuständig für Straubing, den Landkreis Straubing-Bogen sowie Stadt und Landkreis Dingolfing-Landau. Einen Anspruch auf Pflege-Beratung hat seit dem 1. Januar 2009 jeder. Montags bis freitags berät sie bei Antragstellungen, informiert über Leistungen der Pflege- und Krankenkasse, macht Hausbesuche. Verschafft einen Überblick im Pflegewelt-Dschungel. Ein Full-time-job. Bald bekommt sie eine zweite Kollegin, die sie unterstützt. „Ein spannendes Berufsfeld und eine umfangreiche Klientel.“ Aber auch Heike Adelhardt sagt: „Das mit den Wunschzeiten ist vorbei.“ Aufgrund des demographischen Wandels sei der Bedarf an Pflegebedürftigen einfach gestiegen – und steigt weiter. Fachkräftemangel sei in jedem Bereich ein Thema, auch im ambulanten Pflegedienst, erklärt sie. Und eine Tour lässt sich eben nur erweitern, wenn das Personal da ist. Da seien auch ihr oft die Hände gebunden.

„Leider haben nicht alle vorgesorgt“, sagt Heike Adelhardt. Warum auch, wenn man doch gesund ist? Doch schnell kann die Not groß sein. Daher plädiert sie dafür, sich auch schon vorher über das Thema Pflege zu informieren, eine Pflegevollmacht auszufüllen, an später zu denken – auch, wenn es noch gar nicht nötig ist.

Mit Nachbarn sprechen, in Kontakt kommen, Pflege thematisieren – dazu animiert Heike Adelhardt. Das kann die Suche nach einem Pflegedienst vereinfachen. Pflege solle kein Tabu-Thema sein.

Klaus Aschenbrenner ist Berater der Fachstelle für pflegende Angehörige beim Caritasverband für Stadt und Landkreis. Täglich führt er Gespräche und hilft bei Fragen rund um die Pflege, erzählt er. Er denkt nicht, dass es Engpässe in der Versorgung gibt. „Ich glaube, wir haben ausreichend Pflegedienste.“ Aber auch er sagt das, wovon die anderen Pflege-Experten überzeugt sind: „Es kann einfach nicht jeder um 8 Uhr versorgt werden.“ Aschenbrenner empfiehlt, sich an Beratungsstellen zu wenden. So könnten Probleme, wie keinen ambulanten Pflegedienst zu finden, grundsätzlich schon minimiert werden.

„Das will jeder, bevor das Geld verfällt“

Was für ihn derzeit eher ein Problem darstellt, ist der Entlastungsbeitrag von 125 Euro. Mit dem Pflegestärkungsgesetz wurde der 2017 festgesetzt. Mit dem Entlastungsbetrag können eine Haushaltshilfe oder Dienstleistungen von 125 Euro im Monat finanziert werden. „Zu viele beantragen das jetzt. Es will natürlich jeder, bevor das Geld verfällt. Völlig zu Recht.“ Deshalb kann es hier schon mal zu Engpässen kommen. Der Berater betont, dass Stadt und Landkreis gut zusammenarbeiten, wenn es um das Thema Pflege geht und lobt die Gesundheitsregion Plus.

Die Gesundheitsregion Plus ist ein Förderprogramm des Bayerischen Gesundheitsministeriums. Ziel ist es, Akteure des Gesundheitswesens vor Ort besser zu vernetzen. In der Gesundheitsregion Plus gibt es auch eine Arbeitsgruppe Pflege. Diese Arbeitsgruppe hat unter anderem ein Heft als Leitfaden veröffentlicht, das bei Fragen im Pflegebereich schnell weiterhilft. Hier findet man zum Beispiel wichtige Ansprechpartner oder welche Leistungen es für zu Hause gibt.

Eine Frau, die war „nett bis dort hinaus“

Josef Seidl hat dann doch noch einen ambulanten Pflegedienst gefunden. Einen aus Bogen. Wenn’s „a gscheida“ is, sei es auch egal, woher der Dienst kommt, sagt sein Enkel. In der Nähe des 94-Jährigen versorgt der Pflegedienst aus Bogen noch jemanden, deshalb passt das, sagte eine Mitarbeiterin des Pflegedienstes zu Hofer. Glück gehabt. Nun kommt von Montag bis Freitag eine Pflegerin und unterstützt den Rentner morgens. „Das ist einwandfrei, die Frau war nett bis dort hinaus“, schwärmt der 94-Jährige. Doch er und sein Enkel wollten das Problem trotzdem thematisieren. „Keinen Pflegedienst finden? Das ist doch befremdlich in einer Stadt wie Straubing“, meint Michael Hofer. Und einigen anderen gehe es sicher auch so.

Seidl sagt, er habe mal mit dem Gedanken gespielt, ins Heim zu gehen. Um alles einfacher zu machen. „Aber mir geht’s doch so noch gut.“

Zeitung lesen, rätseln, in den Garten gehen und „a bissl umanadagrein“ – all das macht ihm noch Spaß. Mittags gibt’s „Essen auf Rädern“ vom BRK – „des passt immer“ – abends eine Brotzeit. Sein Enkel hat den Kühlschrank ja voll gemacht.

In ein Heim, nein, da gehört er noch nicht hin, sind er und sein Enkel sich sicher. „Die vom Pflegedienst hat mich gfragt, wie alt ich bin. Das hat sie dann ned begreifen können, dass ich scho 94 Jahre alt bin“, erzählt der Rentner stolz.

Sollte wirklich einmal etwas passieren, und niemand ist da, hat der 94einhalb-Jährige ein Notrufarmband ums Handgelenk. Dann genügt nur ein Drücken auf den roten Knopf – und schon kommt Hilfe. Seidl will so lange es geht weitestgehend selbstständig bleiben. „Ich bin der letzte von fünf Geschwistern. Der Fahnenträger.“

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