SSV Jahn Regensburg Lennart Strufe: Der Mann mit dem "Schatten-Kader"

Koordiniert seit dieser Saison das Scouting beim SSV Jahn: Lennart Strufe. Foto: Fabian Roßmann

Auch wenn der Spielbetrieb wegen der Corona-Krise derzeit lahm liegt, müssen die Fußball-Clubs vorausdenken. Um den Kader der Zukunft noch besser planen zu können, hat der SSV Jahn Regensburg seit dieser Saison mit Lennart Strufe einen Koordinator für sein Scouting engagiert.

Sein Job sei doch wie früher das Fußball-Manager-Spiel am PC zu spielen. Das bekommt Lennart Strufe von seinen Freunden immer wieder zu hören. “Das stimmt nicht ganz”, sagt Strufe mit einem Schmunzeln. “Aber richtig ist: Für mich geht mit dem Job schon ein kleiner Kindheitstraum in Erfüllung.” Der 30-Jährige ist seit August eine Art Schattenmann beim SSV Jahn. Er ist seitdem als Koordinator für das Scouting beim Oberpfälzer Zweitligisten zuständig.

In Wuppertal geboren, hat Strufe seit er vier Jahre alt war, zunächst selbst Fußball gespielt. Nach zwei Kreuzbandrissen am Ende der Jugendzeit beim Wuppertaler SV endete seine aktive Laufbahn allerdings abrupt. „Dem Fußball wollte ich aber dennoch treu bleiben, denn ohne ihn ging es für mich einfach nicht“, blickt er zurück. Mit 18 Jahren hat er seine erste Jugendmannschaft trainiert und war seitdem im Nachwuchsbereich verschiedener Clubs tätig. Erst auf Schalke, dann in Mönchengladbach und zuletzt als Koordinator der Fußballschule bei der TSG 1899 Hoffenheim, zwischendurch war er ein halbes Jahr kaufmännischer Leiter beim Wuppertaler SV in der Regionalliga.

Vom Schüler zum Kollegen

Bei seiner letzten Station Hoffenheim kam es Ende 2018 zu einem Wiedersehen mit Christian Keller, dem Geschäftsführer des SSV Jahn. Strufe war einst Student unter dem Dozenten Keller an der Universität Heidelberg im Fach Sportmanagement. In Hoffenheim haben sie sich dann wieder zufällig am Rande eines Regionalliga-Spiels getroffen, ein halbes Jahr später kam der Anruf Kellers, ob sich Strufe den Job des Scoutingkoordinator beim Jahn vorstellen könnte. Damit wurde er vom Schüler zum Kollegen sozusagen.

Beim Jahn ist Strufe nun dafür mitverantwortlich, dass der Verein beim Personal der Profimannschaft auf alle Eventualitäten vorbereitet ist. Verlässt ein Spieler den Verein, braucht es Optionen, um die Position nachzubesetzen. Dafür wird ein sogenannter „Schattenkader“ erstellt. „Wir haben für jede Position immer drei, vier, fünf Spieler auf der Liste, die für uns besonders interessant sein könnten, wenn Bedarf entsteht. Dieses Ranking wird in der Diskussion mit allen Beteiligten ständig aktualisiert und neu bewertet“, erklärt Strufe. „Wenn in unserem Kader eine Position vakant ist, wollen wir schnell handeln können.“ Dabei bereitet sich der Jahn, je nach Ligazugehörigkeit im nächsten Jahr, auch auf verschiedene Szenarien vor.

Scouting erweitert

Um diesen Schattenkader zu erstellen und für den Jahn interessante Spieler aufzuspüren, erweitert der Zweitligist sein Scouting immer mehr. Waren es vor einem Jahr noch drei Scouts, so sind es inzwischen vier plus Strufe als Leiter des Bereichs. Neben den bisherigen Scouts Andreas Wagner, Ilija Dzepina und Markus Stegili kam zu dieser Saison mit Karl Müller, der vor allem im Norden scoutet, ein weiterer Scout hinzu. Damit kann der Jahn die für ihn relevanten Ligen im deutschsprachigen Raum gut abdecken.

Welche das sind? „In Deutschland schauen wir vor allem von der 2. Liga bis zur Regionalliga, dazu kommen die ersten beiden Ligen in Österreich, der Schweiz und immer mehr auch Dänemark.“ Dort hat der Jahn mit Stürmer Andreas Albers ja erst vor dieser Saison einen guten Griff getätigt. Dass der Jahn mit den großen Playern des Marktes finanziell nicht mithalten kann, ist den Regensburgern freilich bewusst. „Aber es gibt genügend gute Fußballer auf dem Markt. Man muss nur manchmal an anderen Stellen und etwas länger schauen“, sagt Strufe dazu. Um mögliche neue Spieler für den Jahn zu finden, gehen die Verantwortlichen sehr systematisch vor. „Wir arbeiten hier sehr strategisch, diskutieren lange und tiefgehend und machen keine Schnellschüsse“, erklärt Strufe.

Spielidee und Charakter im Fokus

Er befindet sich dabei auch in einem intensiven und regelmäßigen Austausch mit Christian Keller und Trainer Mersad Selimbegovic, um auszuloten, welche Positionen vakant werden könnten und welche Spieler gefragt sind. „Dabei wird alles auf die Jahn-Spielidee heruntergebrochen, wir suchen also Spieler, die zu unserer Art des Fußballs passen, die aber auch charakterlich zum Club und ins Mannschaftsgefüge passen“, erklärt der Koordinator. Die Entscheidung darüber, welche Spieler infrage kommen, werden beim Jahn einheitlich getroffen. „Wenn bei der Abstimmung eine Hand unten bleibt und einer kein gutes Gefühl hat, dann ist ein Spieler im Normalfall raus“, so Strufe.

Mit Blick auf die Planung des Kaders für die kommende Saison sei man schon „sehr weit“: „Wir haben klare Vorstellungen davon, wie der Kader im nächsten Jahr in etwa aussehen könnte.“ Unter anderem gilt es dann, mit Andi Geipl und Kapitän Marco Grüttner zwei Spieler zu ersetzen, die das Gesicht des Teams in den vergangenen Jahren stark geprägt haben. „Diese Abgänge tun der Mannschaft im Sinne einer mentalitätsstarken Truppe schon weh“, sagt Strufe. Man sei aber einerseits der Auffassung, dass es jüngere Spieler im Kader gibt, die in diese Rollen reinwachsen können, man schaue aber auch extern nach Spielern, die solche Löcher füllen könnten. „Und bei Spielern, die wir suchen, achten wir ja ohnehin immer darauf aggressive Spielertypen mit einer guten Mentalität im Sinne der Jahn Markenwerte zu finden“, sagt er.

Fußballfreier Tag? Gibt es nicht

Der gebürtige Wuppertaler ist fußballverrückt, das vermittelt er im Gespräch. „Einen fußballfreien Tag gibt es bei mir eigentlich nicht“, sagt er. Neben dem Job als Leiter der Scoutingabteilung trainiert er auch die U13-Mannschaft des Jahn. „Mir macht das einfach sehr viel Spaß, mit den jungen Talenten zu arbeiten“, sagt Strufe.

Da er die gleiche Altersstufe auch in Hoffenheim trainiert hat, kann der 30-Jähirige den Nachwuchs gut vergleichen. „Von den Rahmenbedingungen her sind wir hier natürlich noch weit weg von einem Verein wie Hoffenheim, das sind aber auch viele Bundesligisten. Was die Trainings- und auch Spielerqualität anbelangt sehe ich das in den jüngeren Jahrgängen nur bedingt“, schätzt er ein. Strufe teilt sich ein Büro mit Jugendleiter Christian Martin. Ob in absehbarer Zeit auch eigene Talente für die Jahnprofis infrage kommen? „Immer gerne – wenn die Qualität stimmt“, sagt Strufe. Ein Wunsch der Verantwortlichen wäre es schon, in den Jahn-Schattenkader in den nächsten Jahren auch wieder das eine oder andere Eigengewächs einzubauen. Erst einmal steht aber der Kader für die kommende Saison im Fokus. Die Zusammenstellung ist dabei nicht ganz so leicht wie beim Fußball-Manager-Spiel, einen Traumjob hat Lennart Strufe beim Jahn aber dennoch gefunden.

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