SSV Jahn Regensburg Humor und harte Arbeit: Scott Kennedy lebt seinen Traum

Neuzugang beim SSV Jahn Regensburg: Scott Kennedy. Foto: SSV Jahn

Vor fünf Jahren wechselte Scott Kennedy aus Kanada in die Landesliga nach Traunstein. Nun verwirklicht er beim SSV Jahn Regensburg seinen Traum vom Fußballprofi.

Rainer Hörgl hat im Fußball schon vieles gesehen. Den langjährigen Funktionär kann man getrost als alten Hasen im Fußballgeschäft bezeichnen. Er hat bereits einige Stationen als Funktionär hinter sich und entsprechend unzählige Spiele gesehen. Auch im Frühjahr 2015 schaute er sich eines an. Ein alter Freund, mit dem er zusammen die Fußballlehrer-Ausbildung gemacht hatte, und der seit vielen Jahren in Kanada tätig war, kam zu einem Testspiel mit seiner kanadischen Jugendmannschaft nach Deutschland. Nach Gersthofen, um genau zu sein. Hörgl fiel dabei ein Spieler ganz besonders auf. "Was ist dieser lange Innenverteidiger für einer?", erkundigte er sich. Dieser lange Innenverteidiger war Scott Kennedy, damals gerade einmal 18 Jahre alt. Ein junges Talent, das, so fand Hörgl heraus, mütterlicherseits sogar deutsche Wurzeln hat. Hörgl war zu dieser Zeit beim Landesligisten SB Chiemgau Traunstein tätig – und holte Kennedy nach Bayern.

Von Beginn an hatte Kennedy den großen Traum, Fußballprofi zu werden. In der Landesliga war er davon freilich ein gutes Stück entfernt. "Wir haben angefangen, zusätzliche Trainingseinheiten zu machen", erzählt Hörgl, der Kennedy damals in seiner Ferienwohnung aufgenommen hatte. In Traunstein wurde er schnell Stammspieler und brachte gute Leistungen. Nach einem Jahr ging's weiter nach Amberg. "Da war er erstmals auf sich alleine gestellt, aber er hat sich gut durchgebissen", blickt sein Entdecker zurück.

Kevin Kühnlein kann sich noch gut an den Sommer 2016 erinnern. Damals war der FC Amberg gerade aus der Regionalliga in die Bayernliga abgestiegen, hatte einige Spieler verloren und war auf der Suche nach Neuzugängen. Kühnlein war Kapitän der Mannschaft, als Probespieler machte Kennedy ein Testspiel an seiner Seite. Anschließend wurde auch Kühnlein zu seiner Meinung befragt. "Ich habe mich damals für ihn ausgesprochen. Er hat ordentlich gespielt, war mir gleich sympathisch und ich habe gemerkt, der Junge will", erinnert er sich.

Ein braves Kerlchen? "Kann auch dazwischen hauen"

Der FCA hat Kennedy verpflichtet und er bestritt einige Spiele an der Seite von Kühnlein in der Amberger Innenverteidigung. "Er hat ein paar Wochen gebraucht, hat es dann aber sogar überraschend gut gemacht", sagt Kühnlein. Er beschreibt Kennedy als Innenverteidiger mit einem starken linken Fuß, der zudem schnell sei. Obwohl er damals körperlich schmächtig war, sei er dennoch robust gewesen. "Das hat man ihm auf den ersten Blick nicht zugetraut, er wirkt wie ein braves Kerlchen, aber er konnte auch dazwischen hauen."

Besonders lustig, erzählt Kühnlein, war die Kommunikation mit dem Deutsch-Kanadier. Die Whatsapp-Nachrichten von damals hat er leider nicht mehr. "Aber ich kann mich noch erinnern, dass er immer versucht hat, auf Deutsch zu schreiben, das spricht klar für ihn. Manchmal sind dabei auch extrem lustige Sachen rausgekommen", sagt Kühnlein und fängt an zu lachen.

Das zeigt durchaus Kennedys Charakter: "Er wollte immer lernen, egal ob sprachlich oder fußballerisch." Kühnlein beschreibt Kennedy zudem als "bodenständig, extrem gut erzogen, ehrlich, ein feiner Kerl, der viel arbeitet. Er ist zudem ein Teamplayer. Er ist keiner, der vom ersten Tag an große Töne spuckt, anfangs etwas zurückhaltend – es dauert ein bisschen, bis er warm wird. Aber er hatte im Team ein sehr hohes Ansehen und kann auch ein echt witziges Kerlchen sein."

Kennedy und der Österreicher Dialekt

Das kann auch Benedikt Pichler bestätigen. Der 23-Jährige spielte bereits beim SV Grödig in der Regionalliga in Österreich, als Kennedy nach einem Jahr in Amberg 2017 dorthin wechselte. Ein Jahr später wechselten die Gleichaltrigen gemeinsam nach Klagenfurt. Von Beginn an haben sie sich sehr gut verstanden und sind gut befreundet. "Wir haben uns immer ein bisschen duelliert, aufgezogen und damit gegenseitig gepusht – immer auf eine freundliche Art", beschreibt Pichler das Verhältnis.

Besonders mit dem Österreicher Dialekt habe sich Kennedy "immer ein bisschen angreifbar gemacht", sagt der Offensivspieler mit einem Schmunzeln. Kennedy habe versucht, den Dialekt und die Redewendungen aufzuschnappen und selbst anzuwenden. "Das war oft richtig witzig", blickt Pichler zurück. Ob Kennedy bis heute verinnerlicht hat, dass Holundersaft nicht "Holländer-Saft" heißt? Pichler weiß es nicht. Auf den ersten Blick sei Kennedy zwar ein eher ruhiger Typ. "Aber wenn man ihn gut kennt, dann ist er ein richtiger Witzbold", so der Österreicher.

"Bisd deppert?"

Als Pichler vor einem Jahr von Klagenfurt nach Wien gewechselt ist, musste Kennedy neue Wege finden, um zum Training zu kommen. Denn zuvor wurde er oft von Pichler im Auto mitgenommen oder fuhr mit dem von seinem Mitspieler geliehenen Fahrrad. Da er zentral wohnte, brauchte er selbst kein Auto. "Bisd deppert? Wie soll i jetzt ins Training kommen? Was ist mit meinem Taxi?", habe er damals zu hören bekommen, erzählt Pichler.

Kennedy ist laut Pichler aber weit mehr als nur witzig. "Er ist auch ein sehr positiver Mensch. Egal, wie schlecht es aussieht, er war immer positiv und einer der ersten, der gesagt hat: Weiter geht's!" Zudem bringe der Verteidiger eine vorbildliche Einstellung mit. Sie seien am Trainingszentrum meistens die ersten gewesen, die gekommen sind, und die letzten, die gegangen sind. Sie hätten die Einheiten vor- und nachbereitet, sich um die Körper gekümmert. In der gemeinsamen Zeit sei Kennedy auch "viel robuster" geworden, so Pichler. "Er ist jemand, der weiß, wohin er will, und viel dafür tut."

Intelligenter Spieler mit Potenzial

Entsprechend verwundert es Pichler auch nicht, dass Kennedy nun den Schritt in die 2. Bundesliga wagt. "Es war nicht die Frage, ob er die Chance wahrnehmen würde, wenn sie sich bietet." Er traut ihm auch zu, dass er sich in Regensburg durchsetzt: "Auf jeden Fall. Er hat viel Potenzial, ist sehr schnell, groß und bringt alles mit, was ein guter Innenverteidiger braucht. Er ist zudem kopfball- und zweikampfstark und ein sehr intelligenter Spieler."

Alles Attribute, die ihm auch sein Entedecker und heutiger Berater Rainer Hörgl zuschreibt. Dieser ist von Kennedys Entwicklung und dem Wechsel nach Regensburg nicht überrascht. "Ich wäre eher überrascht gewesen, wenn es jetzt nicht passiert wäre", sagt er. Vielmehr hatte er schon im vergangenen Jahr ein vergleichbares Angebot erwartet, nachdem Kennedy eine sehr starke Saison gespielt hatte. "Aber mit Gewalt wollten wir damals nichts machen", sagt er. Jetzt sei sein Schützling "bereit": "Er weiß, um was es geht, auch, dass er für die 2. Bundesliga nochmals eine Schippe drauflegen muss." Der Sprung zum Jahn sei der größte, den Kennedy die letzten Jahre gemacht habe, ist sich Hörgl bewusst. "Bis jetzt war es immer so, dass er die nächste Stufe nach ganz kurzer Zeit gut angenommen hat."

Kennedy "durchleuchtet" - Hörgl beeindruckt vom Jahn

Das erhofft man sich nun auch beim Jahn. "Er kann uns schnell helfen, ich glaube, er braucht nicht lange, um sich anzupassen und zu integrieren", sagt Trainer Mersad Selimbegovic. Den Jahn hat Kennedy sehr bewusst als nächsten Schritt ausgewählt, wie Hörgl betont: "Der Jahn hat ein klares Konzept, einen klaren Plan. Auch die Herangehensweise, wie sie Scott gescoutet und durchleutet haben, war beeindruckend", sagt er. "Scott ist für den Jahn nicht irgendein Spieler, weil man eben noch einen Verteidiger gebraucht hat, sondern da stecken viele Gedanken dahinter."

Kevin Kühnlein will sich, sobald es wieder möglich ist, ein Spiel von Kennedy im Trikot des SSV Jahn Regensburg anschauen – jetzt ist er ja zurück in der Oberpfalz. Und Benedikt Pichler? Der wartet, dass sein Handy klingelt. "Scott weiß, dass es auch mein Traum ist, einmal in der Bundesliga zu spielen. Wenn wir das nächste Mal telefonieren, wird er mich sicher aufziehen und mir sicher auf seine ganz spezielle Art sagen, dass er dem Ziel jetzt einen Schritt näher gekommen ist", sagt Pichler und lacht.

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