SSV Jahn Regensburg André Becker: Torgefahr mit Köpfchen

André Becker traf in der vergangenen Regionalliga-Saison in 22 Spielen 20 Mal. Zukünftig geht er für den SSV Jahn in der 2. Bundesliga auf Torejagd. Foto: imago

Regionalliga-Torjäger André Becker wechselt zum SSV Jahn Regensburg. Wie tickt der 1,97 Meter große Mittelstürmer? idowa hat bei seinem bisherigen Club Walldorf nachgefragt.

Max Müller ist Innenverteidiger und als solcher nicht unbedingt für Offensivaktionen zuständig. Anfang März, beim Auswärtsspiel beim FSV Mainz 05 II war der Kapitän des Fußball-Regionalligisten FC-Astoria Walldorf dann aber doch einmal offensiv erfolgreich, als Vorlagengeber. Er servierte seinem Kumpel André Becker den Ball per Kopf so gut, dass ihn dieser nur noch über die Linie drücken musste. Über eine solche Situation hatten sie im Vorfeld oft gesprochen. „Wir haben oft Späße gemacht, dass ich mal ein Tor schieße oder ihm eines auflege. Für die Situation hatten wir sogar schon einen Torjubel abgemacht“, erzählt Müller. Doch Becker läuft in die komplett andere Richtung und lässt Müller stehen. „Das habe ich ihm nicht verziehen, damit habe ich ihn noch eine ganze Weile aufgezogen“, scherzt Müller im Rückblick. Für André Becker war es der 20. Treffer im 22. Saisonspiel. Es war sein letzter im Walldorf-Trikot. In dieser Woche hat ihn Zweitligist SSV Jahn Regensburg als Neuzugang vorgestellt.

Der 23-jährige Becker war zuletzt ein gefragter Mann. Neben dem Jahn sollen auch noch andere Zweitligisten Interesse an ihm bekundet haben. Dass Becker als Torschützenkönig in der Regionalliga Südwest solche Begehrlichkeiten wecken würde, war vor einem Jahr noch nicht absehbar, denn der Weg dahin verlief für Becker nicht geradlinig. 2015 wechselte er aus Mannheim, wo er in der U19-Bundesliga gespielt hat, nach Walldorf. In seinen ersten beiden Spielzeiten kam er dabei bereits im Regionalliga-Team zu einigen Einsätzen, in der Saison 2018/19 kickte der hochgewachsene Stoßstürmer dann aber nur noch für die zweite Mannschaft in der Verbandsliga. Wie Max Müller aus Erzählungen weiß, war das damals der Wunsch Beckers. „Er ist ein cleverer Junge und weiß sich selbst gut einzuschätzen und einzuordnen. Zu dem Zeitpunkt hatte er gemerkt, dass es in der 1. Mannschaft schwer werden würde und er wollte selbst in der 2. Mannschaft Spielpraxis sammeln. Das gibt es nicht oft im Fußball, davor kann man nur den Hut ziehen“, sagt Müller. „Das zeigt aber sehr deutlich seinen Charakter: André sucht sich seine Wege, wie er selbst der beste Spieler oder die beste Person wird.“

Höhen und Tiefen

Walldorf-Trainer Matthias Born sagt: „Mit seinen 23 Jahren hat André schon einiges erlebt, hatte Höhen und Tiefen – das war Verletzungen, der starken Konkurrenz oder auch der Doppelbelastung mit seinem Studium geschuldet.“ Seit vergangenem Sommer hat Becker nun mehr Zeit, sich auf den Sport zu fokussieren – und das zahlte sich aus. „Er hat davon profitiert, hatte den Kopf frei. Er hatte nun auch mal Zeit, um individuell zu trainieren“, sagt Born. Er spricht von einer hohen Disziplin und Eigenverantwortung, die Becker an den Tag gelegt habe. „Er hat Sonderschichten im Kraftraum geschoben, hat sich um die Pflege rund ums Training gekümmert. Er war meistens einer der ersten, die kamen und einer der letzten, die gingen.“ Auch in den etwas schwierigeren Zeiten, erzählt Born, habe Becker nie aufgesteckt: „Er ist jemand, der an sich glaubt und hat sein Ziel nie aus den Augen verloren. Auch in den Tiefphasen hatte er das Selbstvertrauen und den Glauben daran, es zu packen.“ Für seine weitere Entwicklung, glaubt Born, könne es sogar gut sein, dass Becker nun schon Tiefen durchlebt hat.

Schon bevor sie vergangene Saison zusammen gespielt haben, war André Becker für Max Müller ein Begriff. „Man verfolgt ja immer die Jugendmannschaften aus der Gegend, vor allem die, die ein paar Jahre über oder unter einem sind“, sagt er und fügt mit einem Schmunzeln an: „Da habe ich schon gehört, dass damals in Mannheim ein großer Stürmer mit einer starken Präsenz spielte.“ Klar, mit seinen 1,97 Meter fällt Becker auf. Die Größe war auch mit ein Grund, warum sich Müller und Becker sofort super verstanden haben. „Wir waren die einzigen wirklich Großen und konnten so das Krafttraining gut gemeinsam machen“, erzählt Müller. Aber auch menschlich passte die Chemie der beiden von Beginn an. Als „liebenswert, hilfsbereit und bedacht“ beschreibt er seinen bisherigen Mitspieler. Trainer Born sagt über den Menschen Becker: „Er ist ein schlauer Kopf, ein absoluter Teamplayer, der in der Mannschaft ein gutes Standing hat, beliebt und kommunikativ ist. Er hat auch ein gutes Gespür für die Stimmung im Team, wenn zum Beispiel jemand ein offenes Ohr braucht.“ Neben dem Platz, verrät Müller, interessiert sich Becker vor allem für Autos, hat auch deswegen Elektrotechnik studiert. Zudem gehe er gerne ins Fitnessstudio, um Extra-Einheiten zu machen.

Einer wie Koller

Auf dem Platz sei Becker ein klassischer Mittelstürmer, sagt Born und vergleicht ihn am ehesten mit dem früheren BVB-Stürmer Jan Koller. „Als er zu uns kam, war er schon ein besonderer Spieler. Alleine durch seine Statur und seine Linksfüßigkeit hebt er sich von anderen ab“, blickt Born zurück. Er bescheinigt dem 23-Jährigen eine „unheimliche Torgefahr“. Becker habe ein gutes Gespür für den Raum, könne seinen Körper gut einsetzen und finde auch auf engem Raum gute Lösungen: „Er sucht mit Hirn den Abschluss und ballert nicht einfach nur drauf.“ Bei der Größe von 1,97 Metern nicht überraschend, beschreibt ihn sein Ex-Trainer auch als kopfballstark: „Es gibt auch große Spieler, die kein gutes Kopfballspiel haben. André hat aber ein gutes Timing und gute Laufwege dafür.“

In Walldorf war Becker in der zurückliegenden Saison meist die zentrale Spitze im 4-3-3-System, kann laut Born aber auch mit einem zweiten Stürmer um sich herum agieren. „Er hat auch von seinen starken Nebenleuten profitiert“, sagt Born. Kapitän Müller bestätigt: „Wir haben uns allgemein im Offensivspiel sehr verbessert.“ Letztlich hat Becker knapp die Hälfte der 41 Astoria-Saisontore erzielt. „Er hat gleich im ersten Spiel drei Tore gemacht. Danach haben sich viele gefragt, wie lange der Lauf anhält. Aber er hat das bestätigt und konstant seine Tore gemacht“, erinnert sich Born. Und es hätten sogar noch mehr sein können: „Es war nicht so, dass André eine Chance pro Spiel hatte und dann getroffen hat, er hat sich wirklich viele Chancen erarbeitet.“ Hätte er seine Chancen noch konsequenter genutzt, mutmaßt Born, „dann hätte er vielleicht 35 statt 20 Toren gemacht.“

Für die Mitspieler ist ein Typ wie Becker im Sturmzentrum sehr wertvoll, wie Verteidiger Müller erklärt: „Er war alleine aufgrund seiner Statur schon ein Fixpunkt in unserem Spiel. Wir haben schon versucht, guten Fußball zu spielen und den Ball am Boden zu halten. Aber wenn es eng wurde, konnte man auch ihn einfach mal anspielen. Er ist eine typische Neun, kann auch als Wandspieler fungieren und ist für seine Größe relativ schnell.“

Jahn-Spiel passt zu Becker

Auch das sehr aktive, auf schnelles Umschaltspiel ausgelegte Jahn-Spiel passt gut zu Becker, ist sein bisheriger Coach überzeugt: „Die Grundhaltung ist nicht so unterschiedlich zu unserem Spiel.“ Er beschreibt das Anlaufverhalten, das schnelle Reagieren, die Laufbereitschaft und auch das Umschaltspiel durchaus als Stärken in Beckers Spiel.

Dass er nun den Sprung in die 2. Bundesliga gut meistert, trauen sie ihm in Walldorf auf jeden Fall zu. „Definitiv“, sagt Müller. „Mit Erik Wekesser hat vergangenes Jahr ja schon ein Spieler von uns bewiesen, dass es geht. Ich glaube fest daran, dass es auch André schafft. Wenn man zwei Ligen höher wechselt, braucht man wahrscheinlich eine Anlaufzeit – die wird er, so wie ich das die letzten Jahre verfolgt habe, beim Jahn aber auch bekommen. Dann bin ich mir zu einhundert Prozent sicher, dass er seine Spiele und Tore für Regensburg machen wird.“

Er werde sich sicher an die 2. Liga gewöhnen müssen, an das Athletische, an das Tempo, blickt Trainer Born voraus. Dann glaubt aber auch er, dass sich Becker behaupten wird. „Er bringt alles dazu mit“, sagt er. „Das Athletische, das fußballerische Können und – das ist oft das Wichtigste – bei ihm spielt auch der Kopf zu 100 Prozent mit.“

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