Sportwissenschaftler im Interview "Staatliche Hilfen für Bundesliga-Clubs wären absurd"

Zuletzt hatten ja Werder Bremen und auch Borussia Dortmund öffentlich in Erwägung gezogen, staatliche Hilfen in der Corona-Krise zu beantragen. Wie beurteilen Sie das?

Prof. Dr. Lange: Wenn man sich mal vor Augen führt, dass Hotels, Gaststätten, Schwimmbäder und weitere Branchen nicht wissen, wie sie diesen Sommer überstehen sollen, dann ist das in der Tat etwas, das man nicht nachvollziehen kann. Auch das trägt dazu bei, dass ein völlig abgehobenes Bild des Profi-Fußballs in der Öffentlichkeit entsteht. In den Clubs ist so viel Geld vorhanden, dass sie das selbst in den Griff kriegen müssen, anstatt auf staatliche Hilfen zu pochen.

Was denken Sie wären die Folgen, wenn ein Club dennoch staatliche Hilfen beantragen würde?

Prof. Dr. Lange: Das wäre absurd. Jeder Club, der so etwas auf den Weg bringt, der wird Empörung ernten – mit allen Konsequenzen. Der jeweilige Verein kann dann zwar hoffen, das Ganze irgendwie auszusitzen und dass es in einem halben Jahr vergessen ist, es kann aber auch passieren, dass das Interesse der Fans dann noch mehr verloren geht und sich dann auch Sponsoren zurückziehen.

"Geht nicht mehr ohne grundlegende Reformen"

Denken Sie, die Corona-Krise macht aktuell das sichtbar, was im Profi-Fußball jahrelang versäumt wurde?

Prof. Dr. Lange: Die Corona-Krise macht viele Missstände im Fußball erst so richtig sichtbar. Wir kriegen jetzt wochenlang „Geisterspiele“ präsentiert. Uns wird Woche für Woche das Scheitern des Profi-Fußballs vor Augen geführt. Immerhin hat die Deutsche Fußball-Liga (DFL) eines richtig gemacht: Man hat der Öffentlichkeit und der Politik vermittelt, dass auch Fußballspieler nur ein Beruf ist und es letztlich nur darum geht, diesem Beruf nachgehen zu dürfen.

Welchen Fußball wollen wir also Ihrer Ansicht nach?

Prof. Dr. Lange: Ich denke, es geht einfach nicht mehr ohne grundlegende Reformen. Wenn der DFB und die DFL weiter in ihrem Elfenbeinturm sitzen und über andere hinweg entscheiden, wird das sicherlich nicht mehr akzeptiert werden. Für einen ehrlicheren Fußball würde ich mir daher wünschen, dass auch die Fans eine wichtige Stimme bekommen, denn ohne sie wäre all das ohnehin nicht möglich. Nur so können die Gräben langfristig wieder geschlossen werden.

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