Sportwissenschaftler im Interview "Geisterspiele": kein Heimvorteil mehr, keine Stimmung

Nun fand ja gestern der Bundesliga-Klassiker schlechthin statt: Borussia Dortmund gegen Bayern München. An sich ja ein echtes Schmankerl für jeden Fußball-Fan. Sportlich ging es um das Duell in der Meisterschaft und das Dortmunder Stadion ist weltweit für seine grandiose Stimmung bekannt. Wegen der „Geisterspiele“ war aber keinerlei Stimmung geboten. War es für Sie noch ein echter Klassiker?

Prof. Dr. Lange: Ich habe mir das zwar angeschaut, aber es fehlte für mich eigentlich alles an Dramatik, was dieses Duell sonst so mit sich bringt. Daher habe selbst ich das ziemlich emotionslos verfolgt. Man merkt auch, dass es aktuell keinen Heimvorteil mehr gibt. Es kann ja keine Stimmung mehr von den Rängen auf das Spielfeld überschwappen. Daher fehlten für mich auch die Emotionen auf dem Platz.

Hat das für Sie derzeit nicht auch irgendwie etwas von einem Freizeit-Kick, den man sich nebenbei im Stadtpark ansieht? Qualitativ zwar nicht vergleichbar, aber auch dort steht man teilnahms- und emotionslos daneben und schaut sich das so ein bisschen an.

Prof. Dr. Lange: Das ist eine gute Metapher und ein guter Vergleich. Man sieht halt nur dieses Fußballspiel, aber der Reiz daran ist längst nicht damit vergleichbar, was vor der Corona-Krise in den Stadien durch Gesänge und Choreografien da war. Der Unterhaltungsfaktor bleibt weitestgehend auf der Strecke.

"Fußballer dürfen in der Gesellschaft keinen Sonderstatus bekommen"

Finden Sie, es war die richtige Entscheidung, diese Bundesliga-Saison noch weiterzuführen?

Prof. Dr. Lange: Das kann man gar nicht so pauschal beantworten, weil das ja auch immer davon abhängt, wie die Pandemie verläuft. In der Hinsicht sieht es ja momentan wieder besser aus. Vor diesem Hintergrund war die Entscheidung, die Saison fortzusetzen, sicherlich richtig. Allerdings hätte ich das vor zwei Monaten noch ganz anders gesehen. Insofern war es zum damaligen Zeitpunkt schon sehr skurril, dass damals derart offensiv die Debatte geführt wurde, ob Fußballer eine Art „Sonderstatus“ bekommen und wieder spielen dürfen.

Inwiefern fanden Sie das skurril?

Prof. Dr. Lange: Weil es ganz massiv zur Spaltung hinsichtlich des Fußballinteresses beigetragen hat. Auch dadurch ist der Profi-Fußball in der öffentlichen Wahrnehmung in eine Krise geraten. Viele Fans wenden sich bereits jetzt davon ab und in einem zweiten Schritt vielleicht auch Sponsoren.

Hat es Sie überrascht, dass durch die Saison-Unterbrechung so viele Profivereine derart schnell in finanzielle Probleme geraten sind?

Prof. Dr. Lange: Das hat mich in der Tat sehr überrascht. Es gibt da zwar auch plausible Gründe dafür, weil die Clubs häufig das Geld, das sie einnehmen, sofort wieder ausgeben. Wie man jetzt weiß, ist es in einigen Fällen sogar so, dass Clubs sogar Geld ausgeben, das sie noch nicht einmal bekommen haben, wie zum Beispiel Fernsehgelder. All das deutet darauf hin, dass sich auch die Vereine perspektivisch völlig anders aufstellen müssen.

Den dritten Teil des Interviews lesen Sie auf der nächsten Seite.

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