Spanien Wallfahrt mit Wertschätzung

Beim Pilgern gilt: "Der Weg ist das Ziel." Die Pilger kommen auf dem Jakobsweg an vielen kleinen Dörfern vorbei und sammeln unzählige Eindrücke von Land und Leuten. Foto: Josef Raith

Unterwegs am Jakobsweg nach Santiago de Compostela - das ist eine Inspiration für Körper und Geist.

Völlige Erschöpfung trifft auf pure Erleichterung und ein wahres Glücksgefühl. Für diesen kostbaren Moment waren Pilger mit Sack und Pack auf den steinigen Berg-, Feld- und Waldwegen Nordspaniens unterwegs, für diese unvergessliche Stunde haben sie sich gequält, geschunden, verausgabt, Entbehrungen ertragen und die letzten Energiereserven abgerufen.

Jetzt sind sie am Ende ihrer Kräfte. Platt, matt, müde, aber auch selig, restlos zufrieden und im Gleichgewicht innerer Übereinstimmung. Sie haben das Weltkulturerbe der UNESCO, das Ziel einer langen, bisweilen anstrengenden und beschwerlichen Reise erreicht; sie sind angekommen in Santiago de Compostela, an der Endstation des Jakobsweges. Ein ergreifender, ein magischer Augenblick, der für immer im Bewusstsein bleiben wird.

Schlafsäcke und Kleidungsstücke, die überstandene Strapazen bestätigen, Handtücher und Fahrräder liegen am Vorplatz der majestätischen Kathedrale, in der sich die letzte Ruhestätte des Apostels Jakobus befindet. Einige Wallfahrer wollen nur noch rasten, verweilen, meditieren, reflektieren und diesen einmaligen Moment mit allen Sinnen genießen, der für Mühen, Blessuren, Klagen und Zweifel entschädigt. Andere zeigen offen ihre Freude und aufrichtige Dankbarkeit, sie singen, tanzen, musizieren. Ihre Gesichter strahlen wie das wärmende Licht der kräftigen Nachmittagsonne. Ein Tag in der Stadt, der sich zwischen Frühling und Spätherbst so oft wiederholt, dass er zum vertrauten Bild an diesem Treffpunkt geworden ist.

Ruhe und Rückzug in sich selbst

Ende April kommt die große Gruppe in die Gänge. Dann ziehen die entschlossenen Fußgänger und Radfahrer, die sich mit "buen camino" (guten Weg) grüßen, allein oder in Gesellschaft schweigend, betend, in Gedanken versunken oder sparsam kommunizierend durch die fruchtbaren Landschaften der Regionen Navarra, Rioja, Kastilien und Galicien. Jährlich werden es mehr, die diese Gegend Schritt für Schritt erkunden. 2018 waren es schon knapp 328.000 offiziell registrierte Jakobsverehrer, die mit der Stempelsammlung in ihren Pässen den Aufenthalt an zentralen Stellen beglaubigen konnten - eine neue Rekordmarke, die wachsenden Zuspruch feststellt und die internationale Wertschätzung dieser weltbekannten Wallfahrt verdeutlicht.

Erstaunlich viele junge Menschen aus allen Teilen der Welt folgen den Schildern mit den gelben Pfeilen und dem Sonnensymbol. Nationalität und Sprache mögen sie trennen, nicht aber die Erwartung, durch Ruhe, Rückzug und Einkehr zu sich zu finden. Sie eint die Hoffnung auf eine außergewöhnliche Erfahrung und die bekennende Nähe zum Glauben. Unterschätzt werden darf der Gehweg über Berg und Tal jedoch nicht. Um die 800 Kilometer lang ist die "Camino Frances", die französische Strecke, die von St. Jean Pied de Port in Frankreich über die Pyrenäen führt. Fünf Wochen sollten zur Bewältigung dieser Distanz schon eingeplant werden. 35 Tage, die an die Substanz gehen können, die sorgfältige Vorbereitung verlangen, eine gute Fitness und die Bereitschaft, manche Defizite in den spartanisch ausgestatteten Herbergen zu ertragen.

Ältere Semester sind allemal gut beraten, die individuelle Konstitution und Kondition, Anspruch und Leistungsvermögen wohl zu bedenken und realistisch einzuschätzen. Für die Herrschaften der Generation jenseits der Altersklasse 60 ist die Bus- und Wanderkombination, die das Bayerische Pilgerbüro anbietet, eindeutig die bessere Wahl und ein idealer Ansatz, um sich eine Vorstellung von der anregenden Spiritualität des Jakobsweges zu verschaffen. Länge und Dauer der Spaziergänge sind angemessen und seniorengerecht. Selten beträgt das Pensum mehr als zwölf Kilometer und drei Stunden. Es geht auch Jakobsweg "light" - eine Idee leichter, bequemer, angenehmer, schonender.

Treibstoff für das eigene Wohlbefinden

So ungleich die persönlichen Voraussetzungen sind, so verschieden sind auch die Gründe für die Teilnahme am Bittgang. Eines der ersten und stärksten Motive: Abstand gewinnen zu den Pflichten, Umschalten auf die Auszeit vom gewohnten Lebensrhythmus, Regeneration durch Entschleunigung und Entspannung. Wenn diese Ein- und Umstellung in der Kürze der Zeit gelingt, dann wird die Tour zum Treibstoff für das physische und psychische Wohlbefinden, zu einer Tankstelle für Körper, Seele, Geist und Nerven.

Impulsgeber sind zudem die nachhaltigen Kultur- und Naturerlebnisse. Die sportliche Herausforderung kann eine Ermutigung sein und nicht zuletzt das religiöse Bekenntnis, die Ehrfurcht vor dem Beispiel des Jakobus, der mit Petrus, Andreas und Johannes den Kreis der vier erstberufenen Aposteln gebildet hatte und beim Paschafest im Jahr 44 auf Veranlassung von König Herodes Agrippa in Jerusalem enthauptet wurde.

Die Konzentration auf bedeutende Stationen in einem dosierten Rahmenprogramm mindert die Faszination des spanischen Streifzugs keineswegs, der in Pamplona beginnt. Die Hauptstadt der autonomen Provinz Navarra, 630 Kilometer vom Glaubenszentrum entfernt, ist ein touristisches Schwergewicht. Der zugkräftige Werbeträger ist die jährliche Fiesta de San Fermin Anfang Juli, bei der jeden Morgen sechs schnaubende Stiere und sechs wilde Ochsen durch die engen Gassen zur Plaza de Toros getrieben werden. Ein spektakuläres, nicht ganz ungefährliches Sommer-Schauspiel, an dem schon der amerikanische Schriftsteller und Nobelpreisträger Ernest Hemingway (1899-1961) Gefallen gefunden hatte. Sein bevorzugter Rückzugsort war das Café Iruna.

Wasser, Wein und das Hühnerwunder

Innerhalb einer Woche entsteht eine stattliche Sammlung von Eindrücken und Wahrnehmungen, die sich einprägen. Jedem Panorama, jedem Weiler und Kleinod gebührt Beachtung: den kleinen Dörfern, die sich den Zauber vergangener Zeiten aufgehoben haben, und den Weinfeldern, in denen die Reben des kräftigen Rioja reifen. Interesse verdient die Gedenkstätte auf der Bergkuppe "Alto de Perdon", die 92 Opfern des Franko-Regimes gewidmet ist. Berühmt sind Wahrzeichen wie die malerische Brücke in Puente la Reina mit den steinernen Bögen am Fluss Arga, die im elften Jahrhundert angelegt wurde und mehrere Zweige des Jakobweges verbindet, ebenso das Kloster Irache mit dem Pilgerbrunnen und zwei Zapfhähnen für Wasser und Wein.

Der edle Tropfen sprudelt freilich nicht in rauen Mengen. Großzügigkeit muss bei dem Bedarf und Durst schon aus ökonomischen Erwägungen Grenzen haben. In die Rubrik sagenhafte Kuriositäten passt das Hühnerwunder von Santo Domingo de la Calzada, wo in einem Käfig über der Tür zur Sakristei der Kathedrale ein Gockel und eine Henne an das traurige Schicksal eines jungen Mannes aus dem Rheinland erinnern, der des Diebstahls für schuldig befunden und hingerichtet wurde.

Aller Bewunderung würdig ist immer wieder die architektonische Kunst genialer Baumeister wie Johannes von Köln, dem das Erzbistum Burgos ein monumentales Gotteshaus verdankt. Überwältigend sind die Dimensionen der Kathedrale "Santa Maria", deren Vollendung nach der Grundsteinlegung anno 1221 bis ins 15. Jahrhundert gedauert hat. Dieses ehrwürdige Bauwerk - ebenfalls Weltkulturerbe der UNESCO - ist ein Juwel unter den sakralen Denkmälern der Kirche. In der ersten Reihe bemerkenswerter Zeugen der Vergangenheit steht zudem die 94 Meter lange und 63 Meter breite Kathedrale in Compostela, die mit einer Gesamtfläche von 23.000 Quadratmetern der größte romanische Leuchtturm der Christenheit ist. Bei hohen Festen treten acht Männer in Aktion, die das 50 Kilogramm schwere Weihrauchfass schwenken. In nächster Zeit wird sich diese Zeremonie jedoch nicht wiederholen. Einige Abschnitte sind wegen Sanierungsmaßnahmen bereits abgesperrt. Im Heiligen Jahr 2021, wenn der Jakobustag wieder auf einen Sonntag fällt, soll das Projekt der Erneuerung abgeschlossen werden.

Ein unverhofftes Geschenk auf der Wegstrecke

Eine Bereicherung sind vor allem auch die unverhofften Begegnungen, die der Zufall ermöglicht. Wie in der alten Santiagokirche in Villafranca del Bierzo, an deren Seitentür dem Pilger Schuld und Sünde vergeben werden. Ein Mann sitzt in einer Bank, er spielt Gitarre und singt. Leise, sanfte, weiche Melodien erfüllen den Raum, die mit der Stille des unscheinbaren Ortes eine Einheit zu bilden scheinen. Er stimmt eine Ballade von Van Morrison an: "Sometimes I feel like a motherless child…" Viel zu viele einsame, ausgegrenzte, vernachlässigte, verlorene Seelen fühlen sich als mutterloses Kind. Berührende Minuten, die unter die Haut und zu Herzen gehen.

Eine intensive Wirkung entfalten auch Gebet und Gesang bei den kurzen Andachten mit Prälat Walter Wakenhut aus Sauerlach in freier Natur. Wie am Cruz de Ferro, unweit des einstigen Ruinendorfes Foncebadon. Jeder Passant legt an diesem schlichten Kreuz einen Stein ab. Aus Stein geformt sind vor dem Hügel auch drei Werte, auf die es ankommt: Love, Peace, Compassion - Liebe, Friede, Mitgefühl. Mehr würden die Welt und die Menschheit heute nicht brauchen.

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