Soziale Netzwerke Eine kluge Maus stellt sich den Ratten

Wer sich hinter einem Nutzernamen in einem Chatportal befindet, ist nicht immer ersichtlich. Foto: Nicolas Armer/dpa

Wie alt bist du? Hast du einen Freund? Wo wohnst du? Fragen wie diese bekommen viele über soziale Netzwerke gestellt. Oft steckt dahinter aber nicht der vermeintliche Bekannte. Expertin Birgit Zwicknagel will darüber aufklären. Zu Besuch in einer Chamer Schule.

Ein junges Mädchen schreibt seit Wochen mit einem gleichaltrigen Jungen über WhatsApp. Sie erzählt von ihren Hobbys und Haustieren, verrät, wo sie wohnt und zur Schule geht und was sie mit ihren Freundinnen unternimmt. Eines Tages hält auf ihrem Schulweg ein Auto neben ihr. Der vermeintlich Jugendliche ist über 40 Jahre alt und möchte, dass sie zu ihm ins Auto steigt. Das Mädchen bekommt Angst und rennt weg. Birgit Zwicknagel von den Stamsrieder Computermäusen im Landkreis Cham steht vor einer Klasse an der Gerhardinger-Realschule in Cham. Erschreckte Jugendliche blicken ihr entgegen, als sie diesen Vorfall erzählt. Er hat sich in der Gegend ereignet. Sie ist keine Gegnerin von modernen Medien und sozialen Netzwerken. Sie möchte den Schülern nur zeigen, dass sie Vorsicht walten lassen: „Denn nicht jeder meint es gut mit euch.“

Fast jeder hebt die Hand, als Birgit Zwicknagel fragt, wer Snapchat oder Instagram hat. Viele der Zwölfjährigen sind überrascht, wie leicht es ist, dass Fremde den Wohnort herausfinden, wenn sie ihren vollständigen Namen angeben. Und wie schnell sich ein vertrauliches Gespräch entwickelt. Ist der Jugendliche durch Name oder Bild als Junge oder Mädchen zu erkennen, kann der Chatpartner zielgerichtet loslegen. Er wird zu dem, was der Jugendliche im Netz sucht: Freund/in mit den gleichen Hobbys, Vorlieben und Meinungen. Vertrauter oder Seelentröster. Daher am besten ein neutrales Motiv als Profilbild wählen. Statt des kompletten Namens den Vornamen verdrehen (aus Lisa wird SaLi) oder sich gleich einen Künstlernamen geben. Einige Mädchen werden unruhig. „Mein Papa hat mich mit meinem richtigen Namen angemeldet“, gesteht eines. „Ändern“, rät die Expertin. „Die Eltern wissen nicht immer alles besser.“

Wird ein Chatpartner immer
aufdringlicher, diesen am besten blockieren. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Falls die Fragen in einem Chat zu persönlich werden, kommt die Stop-Hand: „Das geht dich nichts an.“ Diesen Satz übt Birgit Zwicknagel mit den Schülern ein: „Hast du Haustiere? Auf welche Schule gehst du? Wo wohnst du?“ Wird jemand immer aufdringlicher und akzeptiert ein Nein nicht, diesen am besten blockieren. Birgit Zwicknagel weiß aus Erfahrung, dass manche sich unter Druck setzen lassen und ein freizügiges Bild verschicken. Auch dann lässt der Chatpartner nicht locker, möchte mehr Bilder und droht mit der Veröffentlichung dieser. „Der mag dich nicht, der nutzt dich nur aus“, warnt die Expertin. Aber: „Nicht jeder ist ein Straftäter.“ Es gibt auch andere Beispiele: Ein Junge lernte über ein Computerspiel einen Gleichaltrigen kennen, mit dem er auch heute noch, acht Jahre später, befreundet ist. Das erste Treffen fand mit den Eltern vor der Polizeiinspektion statt. Beide Seiten hatten Bedenken, dass sie an eine „Ratte“ gekommen waren. So nennt Birgit Zwicknagel diejenigen, die es im Internet nicht gut mit Kindern und Jugendlichen meinen. Sie selbst sei eine Maus – und die möchte Jugendliche vor Kummer und Ärger bewahren.

Folgende Seiten empfiehlt Birgit Zwicknagel Jugendlichen, die Probleme haben: www.kopfhoch.de, Telefon: 08005458668, die „Nummer gegen Kummer“: 116111. Besonders im Landkreis Cham agieren die Computermäuse. Infos unter: www.computermäuseverein.de.

 

musical.ly

Birgit Zwicknagel findet viele Apps gut, musical.ly nicht. Privatsphäre und Datenschutz seien katastrophal. „Selbst wenn ich ein Video als privat einstelle, kann es sein, dass es öffentlich im Netz landet.“ Deshalb sollte man sich überlegen, ob man die selbstgedrehten Videos auch auf dem Chamer Marktplatz abspielen würde. „Reicht es, wenn ich die App lösche?“, fragt ein Mädchen. „Nein. Du musst jedes Video entfernen“, erklärt Zwicknagel. Der Account bleibt bestehen, der Nutzer hat keine Möglichkeit, diesen zu löschen.
 

Kettenbriefe

Die Klasse hebt die Hand, jeder hat schon mal einen erhalten. Einige versprechen beim Weitersenden Glück. Andere drohen, dass jemand stirbt. Birgit Zwicknagel erzählt von einer elfminütigen blutrünstigen Sprachnachricht. „Wenn diese ein Drittklässler erhält, könnt ihr euch vorstellen, wie sehr ihn die ängstigt.“ Also jeden Kettenbrief löschen – das hat weder Glück, noch Unglück zur Folge.    

Mobbing

Mitgelacht ist mitgemacht. Daher: Einschreiten und nicht schweigen!

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