Sophias MUT Lichtverschmutzung: INTERREG-Projekt informiert über Folgen für Menschen, Tiere und Umwelt

Die Plejaden über dem Bayerischen Wald. Ein offener Sternenhaufen, den man auch mit bloßem Auge sehen kann. Vorausgesetzt, es ist dunkel genug. Foto: Bayerwald-Sternwarte e.V..

In Mitteleuropa wird es nirgendwo mehr vollständig dunkel. Auch wenn uns das nicht eimal auffälllt, hat die Lichtverschmutzung Folgen für Menschen, Tiere und die Umwelt. Ein INTERREG-Projekt macht auf diese Folgen aufmerksam. 

Vor fast 200 Jahren veränderte die Erfindung der Glühbirne das Leben auf der Erde entscheidend. Die Ära des Feuers als Lichtquelle war langsam, aber sicher beendet. Trotz vieler Erleichterungen für den damaligen Alltag bringt das künstliche Licht nicht nur Vorteile. Der Begriff „Lichtverschmutzung“ ist heute ein immer größeres Thema.

Alle Lebewesen sind an den Wechsel von Tag und Nacht angepasst. Licht ist dabei der Zeitgeber für die innere Uhr. Der äußere Rhythmus bestimmt also die Rhythmen im Körper. Eigentlich. Denn diese Abläufe werden durch künstliche Beleuchtung gestört.

Folgen für den Menschen

Beim Menschen steuert hauptsächlich das „Schlafhormon“ Melatonin die innere Uhr. Jedoch nur bei ausreichender Dunkelheit. Kunstlicht und Licht mit hohem Blauanteil – zum Beispiel von Bildschirmen oder LED-Beleuchtung – führe zu einem Melatoninmangel. Der habe negative Auswirkungen auf den Schlaf, die Regeneration und Immunabwehr. So fassen Experten des INTERREG-Projekts „Lichtverschmutzung – gemeinsame Lösungsansätze“ rund um die wissenschaftliche Koordinatorin Dr. Julia Freund die weltweite Forschung zusammen. Das grenzübergreifende Projekt der EU macht auf die Folgen von Lichtverschmutzung aufmerksam. Auch wenn es wissenschaftlich noch nicht erwiesen ist, gibt es Hinweise darauf, dass ein gestörter Schlaf-wach-Rhythmus durch Melatoninmangel zu schlechterer Leistungsfähigkeit, Depression oder Burn-out führen kann. Doch der Mensch ist selbstbestimmt. Er kann die Rollläden herunterlassen und das Handy ausschalten. Tiere und Pflanzen können das nicht. Sie sind daher auf Schutz angewiesen.

Folgen für die Tiere

Nachtaktive Insekten orientieren sich meist am Licht der Sterne. Durch Straßenlaternen und private Beleuchtung finden sie sich schwerer zurecht. Oft sterben Insekten bei Schwirrflügen um Kunstlicht oder verbrauchen dabei Energie, die ihnen später für die Fortpflanzung oder Bestäubung fehlt. Ein Großteil der Pflanzen ist jedoch auf nächtliche Bestäubung angewiesen.

Andere nachtaktive Insekten hemmt künstliches Licht. Sie bleiben ruhig sitzen und warten auf die Dunkelheit. Ohne zu wissen, dass diese unter einer Straßenlaterne nicht kommt. Tagaktive Insekten beeinflusst das künstliche Licht ebenfalls. Sie sind länger aktiv und verbrauchen mehr Energie. Da Insekten ein Teil der Nahrungskette sind, bedeutet ihr Verschwinden auch das Sterben anderer Arten.

Vögel stört die Lichtverschmutzung gleichermaßen. Zugvögel brauchen den Sternenhimmel als Wegweiser und das Tageslicht zur Nahrungssuche. Immer wieder werden Vögel durch künstliches Licht von der Flugbahn abgelenkt. Dabei müssen sie sich auf den langen Routen ihre Kräfte einteilen.

Auch Fledermäuse sind betroffen. Die sowieso bedrohten Tiere fliegen durch künstliche Beleuchtung später aus ihren Quartieren. Dadurch bleibt weniger Zeit zur Nahrungssuche. Fledermäuse finden außerdem immer weniger natürliche Aufzuchtsmöglichkeiten für ihre Jungen und weichen daher zum Beispiel auf beleuchtete Kirchtürme aus. Bei einigen Arten ist die Entwicklung der Jungtiere durch Kunstlicht verzögert. Das kann dazu führen, dass Jungtiere bis zum Winterschlaf noch nicht ausgewachsen sind und weitere Pflege brauchen.

Sogar die Unterwasserwelt ist heller als früher – besonders am Ufer. Das lenkt Fischwanderungen ab oder verhindert, dass frisch geschlüpfte Meeresschildkröten das Wasser finden.

Folgen für Bäume und Blumen

Pflanzen passen ihren Stoffwechsel dem Lauf der Jahreszeiten an. Sie orientieren sich an Tages- und Nachtzeiten. Stadtbäume bekommen so früher Blätter und werfen ihr Laub später ab. Das kann die Bäume erschöpfen. Wiesenblumen, die nächtlicher Beleuchtung ausgesetzt sind, bilden weniger und später Blüten. Das ist schlecht für die Weitergabe ihrer Samen.

Richtig beleuchten

Die entscheidende Frage ist: Ist diese Menge an nächtlichem Licht wirklich nötig? Nach Schätzungen der „International Dark-Sky Association“ entstehen jährlich weltweite Stromkosten von drei bis sieben Milliarden US-Dollar für unnötige Beleuchtung. Dazu kommen 21 Millionen Tonnen an CO2.

Doch was ist richtige Beleuchtung? Ganz grob: „Unnötige Beleuchtung, Blauanteile und streuendes Licht minimieren“, sagt Dr. Julia Freund. Also: Nur das beleuchten, was wirklich Beleuchtung braucht. Am besten schwach und von oben. Systeme, die nur zu einer bestimmten Zeit aktiviert sind oder Bewegungsmelder haben, sind Alternativen. Genauso Reflektoren an Hauswänden. Dekogegenstände, die nachts im Garten leuchten, passen nicht zu einem naturnahen Garten, erklärt Dr. Julia Freund. Auch bei der Innenbeleuchtung sollte möglichst wenig Licht nach draußen gelangen. Eine Stunde vor dem Schlafengehen ist indirektes und gedimmtes Licht besser. Das heißt: Handy oder Fernseher aus. Auch wenn sich der Blauanteil vieler Geräte filtern lässt, „schaut man trotzdem direkt in eine Lichtquelle, was sich massiv auf den Biorhythmus auswirkt.“ Eine Alternative: „Abends draußen die Sterne beobachten“, empfiehlt die Expertin. So bekommt jeder ein Gespür für die Nacht.

Noch ist der nächtliche Bayerische Wald ein dunkler Fleck auf der Karte. Das beizubehalten, ist die Aufgabe des INTERREG-Projekts. Vorträge, Ausstellungen und ein geplanter Sternenpark sollen die Menschen für Lichtverschmutzung sensibilisieren. Damit die Nacht nicht zum Tag wird.

Alle bisherigen Teile von Sophias MUT gibt es zum Nachlesen hier.

Weitere Artikel

 

idowa-Newsletter kostenlos abonnieren

E-Mail-Adresse:
 
 
 

0 Kommentare

Kommentieren

null

loading