Sophias MUT Kein Essen für die Tonne mit foodsharing

Weggeworfene Lebensmittel sind fast schon alltäglich – genau das ist tragisch. Foto: Patrick Pleul/dpa

Jedes Jahr gehen in Deutschland über 18 Millionen Tonnen an Nahrungsmittel verloren. Das entspricht fast einem Drittel der Lebensmittelmenge, die wir jährlich verbrauchen. Das gab der WWF in einer Studie bekannt. Unvorstellbar, doch leider wahr. Zum Glück gibt es aber „foodsharing“

Montag. Zeit für den Wochen-Einkauf. In den Regalen: Mehr, als man in einem Jahr essen könnte. Es gibt alles. Immer und überall. Vor dem Supermarkt: eine Imbissbude. Daneben: der nächste Supermarkt. Betrachtet man diese Szene von außen ist das erschreckend. Denn was passiert mit den Lebensmitteln, die niemand kauft? Sie werden weggeworfen. Während überall auf der Welt Menschen verhungern. „Es wäre wichtig, Konzerne in Deutschland gesetzlich zu verpflichten, keine Lebensmittel mehr zu entsorgen, sondern zu spenden. So ist das zum Beispiel in Frankreich.“ Das ist der Vorschlag von Heike Oehler auf die Frage, was ein naheliegender Schritt der Politik bezüglich der Lebensmittelverschwendung wäre. Heike Oehler ist die Gründerin der lokalen „foodsharing“-Gruppe in Straubing. „Damit wäre auch die Seite verantwortlich, die die Lebensmittel produziert.“ Im besten Fall führt das auch dazu, dass nicht mehr so viel produziert werden würde wie derzeit.

14 Millionen Kilogramm an Lebensmitteln gerettet

Der Name „foodsharing“ beschreibt eigentlich, um was es geht. Dennoch schadet es nicht, die Initiative genauer anzuschauen. Seit der Gründung im Jahr 2012 hat „foodsharing“ mehr als 14 Millionen Kilogramm an Lebensmitteln vor der Vernichtung bewahrt. Ehrenamtliche überall in Deutschland, Österreich und der Schweiz nehmen überproduzierte und nicht gewollte Lebensmittel von teilnehmenden Supermärkten und Betrieben entgegen und verteilen sie kostenlos an Interessierte, Bedürftige und Organisationen. Die Lebensmittel wären sonst im Müll gelandet, da sie „entweder über dem Mindesthaltbarkeitsdatum oder am nächsten Tag nicht mehr zu verkaufen sind. Das ist zum Beispiel bei Backwaren, Obst und Gemüse so“, erklärt Pressebeauftragte Kerstin Bergmann. Die Lebensmittel sind aber in den allermeisten Fällen noch genießbar. Das Ziel von „foodsharing“: „Die Wertschätzung von Lebensmitteln zu steigern, Menschen zu sensibilisieren und gegen die Ressourcenverschwendung vorzugehen.“

Es ist so schnell passiert. Beim Wocheneinkauf bemühst du dich, nur das zu kaufen, was du wirklich brauchst und doch verschimmelt der Käse am Ende der Woche im Kühlschrank. Der Initiative helfen rund 200 000 registrierte Nutzer und über 37 000 freiwillige „Foodsaver“. Alles koordiniert über die Webseite foodsharing.de. Auch in der Region wird Essen ge- und verteilt. Es gibt beispielsweise lokale Gruppen in Regensburg, Landshut, Passau oder in Straubing. Sie treffen sich regelmäßig.

Anerkennung der Lebensmittel wäre wichtig

Heike Oehler gründete die Straubinger-Gruppe im Sommer 2016. Mittlerweile hat die Gruppe 26 aktive Foodsaver, darunter drei Botschafter und fünf Kooperationspartner. Heike Oehler erklärt die Arbeit in der Gruppe: „Als Botschafter organisieren wir neben Treffen der lokalen Gruppe auch Veranstaltungen, betreiben Öffentlichkeitsarbeit und sind Kontaktpersonen für alle Interessierten.“ Aber auch Kooperationen mit Betrieben, die ihre Reste spenden, und Einführung neuer Foodsaver gehören zu den Aufgaben.

Neben des Anliegens, dass Unternehmen ihre Lebensmittel spenden sollen, wünscht sich Heike Oehler noch mehr. Sie fände beispielsweise eine Änderung der Regelungen und Normen der Lebensmittelverarbeitung und eine Anpassung des Mindesthaltbarkeitsdatums gut. „Ich würde mir einfach ein ernstgemeintes, umgesetztes und gelebtes Anerkennen der Lebensmitteln wünschen.“ Dazu gehört auch, die Verbraucher aufzuklären. Die bisher knapp 300 Abholungen von Lebensmitteln in Straubing haben bisher über 3050 Kilogramm Lebensmittel gerettet.

 

So kannst du mithelfen:

1. Melde dich auf foodsharing.de an. Jetzt kannst du Essenskörbe erstellen oder abholen. Außerdem hast du so eine Übersicht über alle „Fair-Teiler“-Stellen in deiner Umgebung.

2. Oder du wirst gleich zum „Foodsaver“: Dafür machst du dich am besten auf foodsharing.de/Wiki mit dem Konzept vertraut und bestehst dann ein kleines Quiz.

3. Im nächsten Schritt gehst du zu einem Treffen in deiner Region und nimmst an ein paar Einführungsabholungen teil. Im Anschluss erhältst du deinen Foodsaver-Ausweis.

4. Das gerettete Essen kannst du selbst verwenden oder weitergeben. Was übrig bleibt, stellst du als Essenskorb ins System oder bringst es zu einem „Fair-Teiler“. Dort können sich dann Interessierte melden, um die Lebensmittel abzuholen. Oder du spendest die Lebensmittel an soziale Einrichtungen.

 

Nicht nur Lebensmittel

Die Initiative „foodsharing“ engagiert sich auch in anderen Bereichen. Wir haben nachgefragt.

Umdenken: „foodsharing“ zeigt Probleme der globalisierten Welt und regt so zum Umdenken an. „Über das Wissen zu Klimawandel, Umweltzerstörung und globaler Ausbeutung hinaus zeigen wir Wege, um zu handeln.“

Integration, Gemeinschafts- und Gesellschaftsbildung: Durch die Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinschaften, unter anderem mit „Menschen in sozialen Schwierigkeiten, Menschen mit Behinderung, Menschen ohne Arbeit, älteren Menschen und geflüchteten Menschen“ erfahren diese wieder Kontakt auf Augenhöhe, ohne verurteilt zu werden.

Bildungsarbeit: „foodsharing“ veranstaltet Workshops in Schulen zu Themen wie Nachhaltigkeit, gesunde Ernährung und Lebensmittelverschwendung, gemeinschaftliche Kochevents und Diskussionsrunden, sowie Vorträge und Lesungen.

Politik und Öffentlichkeitsarbeit: Die Initiative setzt sich für einen Wegwerf-Stopp in Supermärkten ein und fordert mehr Transparenz. Die Initiative unterstützt „alternative Ernährungskonzepte, wie die Solidarische Landwirtschaft“, engagiert sich gegen „Verpackungs-Wahnsinn“ und „unnötige Handelsnormen, die zu großen Teilen zu der Lebensmittelverschwendung beitragen.“

Vernetzung: Durch gemeinsame Aktionen mit anderen Nachhaltigkeits-Initiativen entstehen oft auch längerfristige Kooperationen. Einige Beispiele für Vernetzung: gemeinsame Kochevents oder „Schnippelpartys“, Nachbarschaftsgruppen, „urban-gardening“-Aktionen, Fahrraddemos, Tauschläden, Repair-Cafés oder auf Festivals.

Hier findest du weitere Teile von Sophias MUT.

 

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