Social Distancing

Weißer Ring rechnet mit Zunahme von häuslicher Gewalt


Ein als Silhouette abgebildeter Mann droht einer Frau mit der Faust. Foto: Jan-Philipp Strobel/dpa/Illustration/Archivbild

Ein als Silhouette abgebildeter Mann droht einer Frau mit der Faust. Foto: Jan-Philipp Strobel/dpa/Illustration/Archivbild

Von Redaktion idowa und mit Material der dpa

Wenn Menschen über längere Zeit eng aufeinanderhocken, liegen die Nerven schnell blank. In Zeiten der Ausgangsbeschränkungen fürchtet der Weiße Ring, Deutschlands größte Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer, dass die Fälle von häuslicher Gewalt steigen.

"Je länger die Situation anhält, desto mehr steigt die Gefahr. Die ganze Sache belastet natürlich die Menschen in den Wohnungen, die Aggressivität steigt, und dann kommt es zu Zwischenfällen", sagte der Landesvorsitzende für Bayern-Nord, Josef Wittmann, der Deutschen Presse-Agentur.

Sein Kollege aus Südbayern, Manfred Hofmann, erläutert: "Fälle von häuslicher Gewalt hat man sonst schwerpunktmäßig um Weihnachten, wo zum Beispiel Paare viel Zeit miteinander verbringen." Das bayerische Innenministerium ist jedenfalls alarmiert: "Gerade Stressfaktoren wie zum Beispiel räumliche Enge, gesundheitliche oder ökonomische Sorgen und Aspekte des "Social Distancing" könnten zu vermehrten Fällen von häuslicher Gewalt führen", teilte ein Sprecher mit. Belastbare Aussagen zur aktuellen Situation könne man aber noch keine treffen.

Im vergangenen Jahr waren im Freistaat rund 20 000 Fälle registriert worden. Den Opfern - nach Angaben des Bundesfamilienministeriums zu vier Fünfteln Frauen - rät Wittmann, die Polizei zu rufen. "Es ist ja Gott sei Dank in Bayern so geregelt, dass nicht mehr das Opfer vom Ort der Handlung entfernt wird, sondern der Täter." Hofmann empfiehlt zudem, ein Kontaktverbot zu beantragen. Auf jeden Fall aber sollten die Betroffenen den Sachverhalt aufschreiben.

Bayerns Justizminister Georg Eisenreich (CSU) kündigte an, die Opfer auch in den aktuellen Krisenzeiten nicht allein zu lassen. "Der Schutz von Opfern häuslicher Gewalt gehört zu den Kernaufgaben der Justiz. (...) Für Gewaltschutzanträge sind unsere Familiengerichte immer erreichbar."

Der Weiße Ring rechnet im Zuge der Corona-Krise auch mit vermehrten Betrugsversuchen. So werde etwa der Enkeltrick abgewandelt: Die Betrüger gäben sich jetzt als erkrankte Angehörige aus, die Geld für Medikamente bräuchten. In anderen Fällen böten dubiose Online-Händler Schutzbekleidung und Masken an, doch nach der Bezahlung erfolge keine Lieferung. Neu sei die Masche, dass vermeintliche Handwerker an der Tür stünden und Zutritt verlangten - "nach dem Motto: Mal schauen, ob bei Ihnen alles Corona-Viren-sicher ist. Wenn die Handwerker dann weg sind stellt man fest, dass Wertsachen fehlen", berichtet Hofmann.

Bisher haben sich den beiden Landesvorsitzenden zufolge aber noch nicht mehr Menschen als sonst an den Weißen Ring gewandt, etwa unter dem zentralen Opfertelefon 116 006 oder über die Online-Beratung. Im Gegenteil: "Seit Corona werden die Anfragen beim Weißen Ring weniger", berichtet Wittmann. Eine Erfahrung, die derzeit vielerorts gemacht wird - wenn der Peiniger die ganze Zeit in der gleichen Wohnung ist, kann das Opfer schlecht telefonisch Hilfe rufen. In Frankreich wurde deshalb laut "Süddeutscher Zeitung" ein Codewort eingeführt. Wenn eine Kundin in einer Apotheke "eine Maske Nr. 19" verlangt, rufen die Angestellten dort die Polizei.