Missbrauch Missbrauchsfälle in Kirche: Regierung fordert Aufarbeitung

Barbara Leyendecker (l-r), Ulrich Wastl, Marion Westpfahl und Martin Pusch von der Münchner Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl bei der Vorstellung des Gutachtens zu Fällen von sexuellem Missbrauch im katholischen Erzbistum München und Freising. Foto: Sven Hoppe/dpa POOL/dpa/dpa
Barbara Leyendecker (l-r), Ulrich Wastl, Marion Westpfahl und Martin Pusch von der Münchner Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl bei der Vorstellung des Gutachtens zu Fällen von sexuellem Missbrauch im katholischen Erzbistum München und Freising. Foto: Sven Hoppe/dpa POOL/dpa/dpa

Das neue Missbrauchsgutachten zum Erzbistum München hat international Aufsehen erregt. Nun werden Forderungen nach mehr Kontrolle der katholischen Kirche laut. Ist die Geduld zu Ende?

München/Berlin - Nach der Veröffentlichung des Münchner Missbrauchsgutachtens hat die Bundesregierung die katholische Kirche zu einer umfassenden und transparenten Aufarbeitung aufgefordert.

Eine Regierungssprecherin sagte am Freitag in Berlin, das Gutachten für das Erzbistum München und Freising mache erneut auf "erschütternde Weise" das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs und der Pflichtverletzung kirchlicher Würdenträger deutlich. "Der Missbrauch und der anschließende Umgang mit diesen Taten macht fassungslos. Um so dringender sind nun die vollständige Aufklärung und die umfassende Aufarbeitung", sagte die Sprecherin von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD).

Papst Franziskus sprach sich in Rom für eine strenge Anwendung des Kirchenrechts aus: "Die Kirche treibt mit der Hilfe Gottes die Verpflichtung voran, den Opfern von Missbrauch durch unsere Mitglieder gerecht zu werden, indem mit besonderer Aufmerksamkeit und Strenge die vorgesehene kanonische Gesetzgebung angewandt wird", sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche. Direkten Bezug auf das Münchner Gutachten nahm der Papst nicht.

Keine reine innere Angelegenheit der Kirche

Ein Sprecher des Bundesjustizministeriums hob hervor, es handle sich nicht um rein innere Angelegenheiten der Kirche. Wo sich auch heute noch Anhaltspunkte für verfolgbare Taten ergeben, müssten die zuständigen Strafverfolgungsbehörden diese selbstverständlich ermitteln und konsequent verfolgen.

Tatsächlich prüft die Justiz derzeit, ob die Ergebnisse des Münchner Gutachtens strafrechtlich relevant sind. Die Staatsanwaltschaft München I untersuche derzeit 42 Fälle von mutmaßlichem Fehlverhalten kirchlicher Verantwortungsträger, bestätigte die Sprecherin der Behörde, Anne Leiding, der dpa.

Die Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW), die das Gutachten im Auftrag des Bistums verfasst hat, habe der Staatsanwaltschaft im August 2021 "41 Fälle zur Verfügung gestellt", sagte Leiding - und einen weiteren Fall im November 2021. "Sie betreffen ausschließlich noch lebende kirchliche Verantwortungsträger und wurden stark anonymisiert übermittelt", sagte Leiding. "Welche strafrechtlichen Normen verletzt wurden, ist noch Gegenstand der Prüfung."

Konsequenzen gefordert

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) forderte eine konsequente Aufarbeitung. "Das ist natürlich ein langer und schwieriger Blick in den Abgrund, insbesondere, weil es um viele menschliche Schicksale geht", sagte Söder am Freitag in München. Die Kirche müsse nun für eine schnelle und klare Aufarbeitung sorgen. Strukturen müssten so geändert werden, dass Derartiges in Zukunft verhindert werde. Und beim Umgang mit den Tätern müsse "null Toleranz" der Maßstab sein, so Söder.

Von mehreren Seiten wurde am Freitag die Forderung nach einer stärkeren Kontrolle der katholischen Kirche laut. "Ich glaube nicht mehr, dass die Kirche allein die Aufarbeitung schafft", sagte die Präsidentin des Zenralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, im Inforadio des rbb und brachte "einen Ausschuss im Parlament" ins Spiel.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, kritisierte im rbb: "Die Politik ist, wenn es um Aufarbeitung und Missbrauch im kirchlichen Bereich geht, bisher zu zurückhaltend gewesen." Der 2016 auf der Bundesebene eingerichteten Aufarbeitungskommission müssten "auch tatsächlich Kontroll-, Beratungs- und vielleicht auch Untersuchungsrechte eingeräumt werden", forderte er.

Kritiker fordern weltliches Recht

Im Gegensatz zum Papst pochen Kritiker darauf, dass die Kirche in vollem Umfang dem weltlichen Recht unterworfen wird. "Nachdem das eine Never-Ending-Story zu sein scheint, sollte der Staat alle Kindertagesstätten und Schulen unter Beobachtung stellen, bei denen es eine Trägerschaft der katholischen Kirche gibt, oder sogar über einen Entzug der Trägerschaft nachdenken", forderte der Strafrechtsprofessor Holm Putzke. Die Kirchen müssten von Gesetzes wegen genauso behandelt werden wie jede andere Vereinigung. "Für irgendeine besondere Rücksichtnahme, man kann es auch als "Beißhemmung" bezeichnen, besteht überhaupt kein Anlass", sagte Putzke der Deutschen Presse-Agentur.

Der Sprecher der Opferinitiative "Eckiger Tisch", Matthias Katsch, regte an, die Rolle der Justiz in einer Studie näher zu beleuchten. Er werde das in der Aufarbeitungskommission vorschlagen. Es sei zum Beispiel auffällig, dass Staatsanwaltschaften bisher noch nie eine Durchsuchung etwa in einer Bistumsverwaltung vorgenommen hätten, sagte Katsch am Freitag der Deutschen Presse-Agentur. Selbst wenn der Verdacht einer Mittäterschaft im Raum gestanden habe, sei dies unterblieben. Man könne vermuten, dass die Kirche jahrzehntelang von einem grundsätzlichen Wohlwollen katholischer Richter und Staatsanwälte profitiert habe.

Das vom Erzbistum München und Freising selbst in Auftrag gegebene Gutachten der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl kommt zu dem Ergebnis, dass Fälle von sexuellem Missbrauch in der Diözese über Jahrzehnte nicht angemessen behandelt wurden. Den ehemaligen Erzbischöfen Friedrich Wetter und Joseph Ratzinger, dem heute emeritierten Papst Benedikt XVI., wirft es Fehlverhalten in mehreren Fällen vor.

Auch dem aktuellen Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, wird formales Fehlverhalten in zwei Fällen vorgeworfen. Von mindestens 497 Opfern und 235 mutmaßlichen Tätern sprechen die Gutachter, gehen aber von einem deutlich größeren Dunkelfeld aus.

© dpa-infocom, dpa:220121-99-791592/7

 

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