Eine Familie erfüllt sich den Traum vom eigenen Bauernhof. In einem kleinen Weiler in der Hallertau finden die Grünwiedls Ruhe. Doch so weit draußen hört niemand ihre Hilferufe.

Sebastian Grünwiedl (43) versinkt am Küchentisch in seiner Zeitung. Neben ihm flackert eine Kerze, draußen ist es dunkel. Den Kopf stützt er in die rechte Hand, er ist müde von der Stallarbeit. Müde, aber zufrieden. Jahrelang hatten er und seine Frau Anna (39) Groschen um Groschen gespart. Vor wenigen Monaten endlich reichte das Geld für den eigenen Hof. In Straßhäusl, einem Weiler der Gemeinde Volkenschwand (Kreis Kelheim), hat sich das Ehepaar Grünwiedl den Traum von der eigenen Landwirtschaft erfüllt. Es ist der Abend des 10. März 1921. Grünwiedl sieht den Schatten vor dem Stubenfenster nicht.

Plötzlich knallt es draußen in der Dunkelheit. Die Glasscheibe im Küchenfenster zersplittert. Eine Revolverkugel bohrt sich durch Grünwiedls Handgelenk, zerschmettert seinen Wangenknochen und reißt ein Loch in seinen Schädel. Grünwiedl rutscht vom Stuhl. Die Welt um ihn verschwimmt. Anna rennt in die Stube und schreit beim Anblick ihres Mannes auf. Am Boden liegend hört Grünwiedl noch einen Schuss. Die Kugel trifft Anna in den Bauch. Grünwiedl sieht noch, wie Annas Schürze rot wird, dann verliert er das Bewusstsein.

Als Grünwiedl aufwacht, weiß er nicht, wie lange er schon auf dem Boden liegt. Quälende Schmerzen im Kopf, die Hand taub. Neben ihm liegt Anna in einer Blutlache. „Halt durch Annal, ich hol’ Hilfe“, presst er zwischen den Lippen hervor. Dann durchfährt es ihn wie ein Blitz. Die Kinder.

Für unsere Serie „Tatort Ostbayern“ haben wir uns durch die Akten von spektakulären Kriminalfällen der Vergangenheit gewühlt. Wir sprechen mit Angehörigen, Opfern oder Ermittlern und erzählen Geschichten hinter den Verbrechen, die Ostbayern beschäftigt haben. Alle Teile der Serie lesen Sie gesammelt auf www.idowa.plus. Sie sind erstmals 2018 in den Zeitungen unserer Mediengruppe erschienen.