Serie: Kneipenkultur Musikszene im Wirtshaus: Wo spielt noch die Musik?

Live-Musik in der Bar, wie hier im „Klarl“ in Straubing, ist auch in Ostbayern seltener geworden. Die Gründe sind laut Wirten und Berufsverbänden vielfältig.
Live-Musik in der Bar, wie hier im „Klarl“ in Straubing, ist auch in Ostbayern seltener geworden. Die Gründe sind laut Wirten und Berufsverbänden vielfältig. Foto: Stefan Karl

In vielen europäischen Ländern gehört es zum guten Ton im Nachtleben: Aus den Bars und Lokalen dringt Live-Musik auf die Straße, Gassenhauer werden mitgesungen, das spontane Feierabend-Bier wird unverhofft zu einem Kunst- und Kulturgenuss. In den ostbayerischen Lokalen ist das selten geworden.

Doch das war nicht immer so. Musikantentum gehörte einmal fest zur heimischen Wirtshauskultur dazu. Matthias Artmeier vom Bayerischen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga Bayern e.V.) sieht die Bar- und Kneipenmusik auf dem Rückzug: „Es ist richtig, dass Musikantentum und Live-Musik in den Gaststätten allgemein weniger geworden ist. Dies zeigen die Rückmeldungen unserer Mitglieder in den letzten Jahren.“ Doch woran liegt es, dass die heimische Bar- und Kneipenszene immer weniger Live-Darbietungen hervorbringt?

Michael „Eumel“ Aumer kennt die Musikszene in Ostbayern. Er ist bestreitet nicht nur selbst als Pianist und Keyboarder über 30 Soloauftritte pro Jahr, er ist auch gefragter Gast- und Studiomusiker und hilft bei einer großen Zahl an Bands aus der Region aus. „Es gibt Gott sei Dank noch musikerfreundliche Wirte, wie Wolfgang Knorr oder Fred Dick in Straubing. Mit denen steht und fällt alles“, sagt Aumer.

Jeden zweiten Donnerstag spielt Aumer in Wolfgang Knorrs historischer Weinstube „Klarl“ Barmusik – Lieder auf dem Klavier, dezente Hintergrundmusik, virtuos vorgetragen. „Das ist eine einzigartige Atmosphäre. Anders als bei einem Konzert steht die Musik nicht im Mittelpunkt des Abends. Die meiste Zeit bist du Beiwerk zu den Unterhaltungen am Tisch. Es kommt aber auch vor, dass die Leute spontan zu einem Stück mitklatschen oder -singen. Kein Abend ist wie der andere“, beschreibt Aumer selbst seine Auftritte mit dem Bar-Piano.

Straubing und Regensburg - die letzten Inseln?

Straubing und Regensburg mit ihren Musikszenen seien in Ostbayern aber tatsächlich Ausnahmen: „Landshut, Deggendorf und Passau haben schon lang nicht mehr diese Dichte an Live-Auftritten. Straubing ist noch ein Mekka für Live-Musik, auch dank des Bandhauses. Das hat einfach viele Musiker hervorgebracht, die natürlich im näheren Umfeld die ersten Auftritte spielen und damit die Szene bereichern. Die Musikszene in Straubing ist auch sehr harmonisch, man kennt sich untereinander. Die Regensburger Musikszene ist sehr zerstritten, da sind auch Neid und Missgunst unterwegs. Und es braucht Wirte wie Wolfgang Knorr, der als Unternehmer ein gutes Gespür dafür hat, wann ein Live-Abend Sinn macht und wann nicht.“

Wolfgang Knorr selbst würde nach eigenen Angaben die Live-Musik in seiner Bar auch noch machen, wenn es ein Draufzahlgeschäft würde. Live-Musik ist seine Leidenschaft seit den Zeiten der Bahnhofsgaststätte in Straubing. Die hatte sich unter seiner Leitung zu einem Geheimtipp der hiesigen und auch der überregionalen Musikszene entwickelt. Allerdings sei es damals noch leichter gewesen, Live-Musik anzubieten, sagt Knorr: „Heute ist alles sehr durchreglementiert – man muss sich nicht nur mit den Behörden, sondern auch mit der GEMA auseinandersetzen. Oft zahlt man als Wirt nicht nur mit Geld, sondern auch mit Nerven für einen solchen Abend.“

Vor dem Dickicht der GEMA-Bestimmungen und Tarife warnt auch der Arbeitskreis „Musikantenfreundliches Wirtshaus“ des Landesvereins für Heimatpflege. Er empfiehlt in seinem Leitfaden für Wirte, auf GEMA-geschütztes Material nach Möglichkeit zu verzichten und Veranstaltungen vorab bei der GEMA anzumelden, mit dem Vermerk, man möge vom Stellen einer Rechnung absehen. Was bei Volksmusik und Blaskapellen noch halbwegs möglich ist, würde aber einem Akustik-Auftritt mit Gitarre oder Klavier schon einen Großteil des Materials nehmen. Den Wirten nichts anderes übrig, als Formulare zu wälzen – und oft GEMA-Gebühren im dreistelligen Bereich zu zahlen, bevor der erste Ton erklingt.

Lärm und Leitlinien setzen Wirten zu

„Was vielen Gästen nicht bewusst ist, dass sich Wirte und Kneipiers unter anderem mit Lärmschutzregelungen oder den regelmäßig steigenden Gebühren der Verwertungsgesellschaften wie der GEMA konfrontiert sehen. Des weiteren haben Wirte Aufzeichnungs-, Aufbewahrungs- und Auskunftspflichten gegenüber der Künstlersozialkasse“, bestätigt Matthias Artmeier vom Dehoga das Dilemma.

Zusätzlich machten Lärmschutzbestimmungen den Wirten das Leben schwer: „Durch die Einführung von Gesundheitsschutz- und Nichtraucherschutzgesetzen sind die Wirte gezwungen, sich gesetzeskonform zu verhalten und damit rauchende Gäste vor die Tür zu schicken. Somit entsteht vor den Lokalen zwangsläufig Lärm, der nun wieder dem gastronomischen Unternehmer seitens der Nachbarn und der jeweiligen Verwaltung zugerechnet wird.“

Gerade, wenn die Live-Musik für gute Stimmung sorgt, könne es vor den Lokalen zu später Stunde etwas lauter werden. Dann ist der Wirt, je nach Lage der Gaststätte, zwischen den Rechtssituationen eingekeilt: „Ist der Freibereich vor dem Lokal ist kein öffentlicher Grund, kann der Wirt hier im Rahmen seines Hausrechts für „eine gewisse Ordnung“ sorgen. Anders gestaltet es sich wenn der Freibereich vor dem Lokal öffentlicher Grund ist. Hier hat der Wirt überhaupt keinen Einfluss mehr auf seine Gäste. Er kann allenfalls noch appellierend auf seine Gäste einwirken.“

„Musik in der Kneipe ist natürlich auch eine Kostenfrage“, nimmt Wolfgang Knorr seine Kollegen in Schutz. In den Wirtschaften sei vielerorts alles auf Kante genäht – „und letztlich weiß man auch nie, ob die Kosten für die Musik durch den Getränkeumsatz ausgeglichen werden.“

Ein Solo-Musiker kostet neben Brotzeit zuweilen mehrere hundert Euro Gage. Der Tarif liegt bei um die hundert Euro pro Stunde. „Meine Erfahrung ist, dass man als Bar keinen Eintritt verlangen kann. Und seien es nur zwei Euro. Die Leute akzeptieren das nicht. Und man kann die Kosten für die Musik auch nicht ohne Weiteres auf die Getränkepreise aufschlagen. Auch das akzeptieren die Leute eher schlecht.“

Also bleibt zum Ausgleich der Kalkulation nur, dass die Gäste länger bleiben und mehr trinken, wenn es Musik gibt? Das funktioniert laut Matthias Artmeier von Dehoga nur bedingt. Laut Erfahrung des Verbands ist Eintrittsgeld die einzig zuverlässige Finanzierung, „denn die Erfahrung der Betriebe vor allem im ländlichen Bereich hat gezeigt, dass der Getränkekonsum der Gäste, die überwiegend mit dem Auto kommen, aufgrund von Live-Musik nicht zwingend höher ist. Ein Grund ist hierfür auch die Promille-Grenze. Bei Wirtshäusern und Kneipen in der Stadt kann dies hingegen anders sein, da viele Gäste als Stadtbewohner mit ÖPNV beziehungsweise zu Fuß anreisen können.“

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