Scout beim Zweitligisten Andreas Wagner und die Suche nach neuen Jahn-Juwelen

Auf der Suche nach vielversprechenden Spielern: Andreas Wagner ist als Scout für den SSV Jahn Regensburg unterwegs. Foto: Fabian Roßmann

Weil man finanziell noch nicht auf dem Niveau anderer Vereine in der 2. Bundesliga ist, muss der SSV Jahn Regensburg auf dem Transfermarkt kreativ sein. Bei der Suche nach neuen Spielern helfen Scouts. Einer davon ist Andreas Wagner aus Rain bei Straubing.

Andreas Wagner wirft einen Blick auf seine Uhr. 18.21 Uhr zeigt diese an, als vor dem Eingang zum Tivoli-Stadion in Innsbruck am Dienstag vergangener Woche Spieler des SCR Altach an ihm vorbeihuschen. Sie sind offenkundig gerade erst angekommen. „Ein bisschen spät dran“, findet Wagner, die Skisprungschanze auf dem Olympia-Gelände im Rücken. Recht hat er. Die Altacher standen im Stau, die Partie gegen Wacker Innsbruck wird ein wenig später angepfiffen. Auf die Spieler, die er gerade nur im Vorbeiflitzen gesehen hat, wird Wagner eine dreiviertel Stunde später ein ganz genaues Auge werfen. Denn er ist im Auftrag des SSV Jahn Regensburg vor Ort. Er arbeitet als Scout für den Oberpfälzer Zweitligisten.

Seit dieser Saison ist der Blondschopf aus Rain bei Straubing auf verschiedensten Fußballplätzen unterwegs – auf der Jagd nach den nächsten vielversprechenden Spielern für den Jahn. Es ist ein Traumjob, betont Wagner. Viele Jahre war er als Trainer tätig und erfolgreich, er feierte einige Aufstiege, trainierte den ASV Steinach, den Nachwuchs des Jahn und den TSV Bogen in der Bayernliga. Aber nach zehn intensiven Trainerjahren hörte er im Sommer 2016 ganz bewusst auf. Der Job als Trainer ist auch im Amateursport schon sehr zeitintensiv, der Beruf und das Privatleben müssen zeitweise zurückstecken. Dazu kommen eine mentale Belastung und Druck.

Einen Druck verspürt Wagner nicht, als er auf der Tribüne des Tivoli-Stadions sitzt. Angespannt ist er dennoch. Er will sich schließlich bestmöglich auf das Spiel fokussieren, ihm soll nichts entgehen. Welche Spieler interessant sein könnten, das weiß Wagner schon vor dem Spiel. Dennoch schaut er sich die erste Halbzeit unvoreingenommen an. Er lässt das Spiel auf sich wirken, markiert auf dem Spielberichtsbogen, welche Spieler auffällig agieren und gute Aktionen haben. Einen Spieler stellt er schon nach wenigen Aktionen hintenan in seinen Überlegungen.

Der einzelne Spieler im Fokus

Das wird wichtig sein, wenn die zweite Halbzeit beginnt. Diese nutzt Wagner nämlich, um sich von den zuvor selektierten Spielern einen genaueren Eindruck zu machen. „Wie das Spiel ausgeht, wie die Mannschaften sich taktisch verhalten, das kann mir eigentlich egal sein“, sagt Wagner. Viel wichtiger ist, dass er einzelne Spieler beurteilt. Was können sie fußballerisch? Wie ist ihre Körpersprache? Wie ist ihre Einstellung? Wie ist die Physis? Wie verhalten sie sich in verschiedenen Situationen? Für die ausgewählten Spieler legt sich Wagner einen Scouting-Bogen zurecht. Auf diesem bewertet er in unterschiedlichen Punkten die Spieler – angelehnt an ein Schulnoten-System. Eine leichte Übung für Wagner – schließlich ist er im Hauptberuf Lehrer.

Wacker Innsbruck, als Tabellenletzter tief drinnen im Abstiegskampf, macht an diesem Abend über weite Strecken ein gutes Spiel, dominiert die erste Halbzeit und müsste eigentlich führen – alleine die Chancenverwertung lässt zu wünschen übrig. Und so kommt es, wie so häufig im Fußball: Altach geht mit einer seiner wenigen Chancen in Führung – und Innsbruck zerfällt in seine Einzelteile. Binnen zwölf Minuten schrauben die Gäste das Ergebnis auf 0:4 in die Höhe. Nicht verdient, für Wagner aber dennoch eine gute Bewertungsgrundlage. „In einer solchen Situation kann man die Einstellung und die Mentalität gut beurteilen. Wer gibt sich trotz des deutlichen Rückstands nicht auf?“, erklärt Wagner. Niemals aufgeben, eine Forderung, die auch der Jahn an seine Spieler stellt.

Wagner ist seit dem Winter auch in Deutschlands Stadien für den Jahn unterwegs, sein Hauptgebiet ist aber nach wie vor Österreich. Wie an diesem Abend ist er regelmäßig in Fußballstadien des Nachbarlandes unterwegs. Am Ende der Saison möchte er einen guten Überblick über die relevanten Spieler im Nachbarland haben. Deshalb deckt er nahezu alle Clubs in den oberen Ligen über das Jahr gesehen ab. Der Jahn hatte in der Vergangenheit schon Österreicher im Kader. Torhüter Richard Strebinger zum Beispiel, der heute die Nummer eins beim österreichischen Bundesligisten Rapid Wien ist, oder Daniel Schöpf, der in der Regionalliga nach Regensburg kam und aktuell in der 2. Liga Österreichs aktiv ist.

Deshalb sind Spieler aus Österreich interessant

Warum Spieler im Nachbarland so interessant sind? Relativ simpel erklärt. „Beim Jahn spielt das Team die wichtigste Rolle - und die Sprache ist ein wichtiger Baustein dafür, sich in dieses funktionierende Kollektiv integrieren zu können. Diese Hürde fällt bei österreichischen Spielern schon einmal weg“, sagt Wagner. Dazu gibt es auf dem österreichischen Markt attraktive Spieler, die für den Jahn finanzierbar sein könnten, denen Regensburg als Sprungbrett in den deutschen Fußball dienen könnte. Nach Wagners Einschätzung gibt es in den beiden Top-Ligen Österreichs zudem eine sehr große Bandbreite, was das sportliche Niveau betrifft. „Die Top-Teams der Bundesliga könnten sicher auch in der deutschen Bundesliga mitspielen“, sagt Wagner. Andere Mannschaften seien auf deutschem Zweit- oder Drittliga-Niveau unterwegs. Die zweite Liga des Nachbarlands sieht er auf einer Stufe mit der Regionalliga hierzulande.

Kein Wunder also, dass Wagner sich ein Spiel im Abstiegskampf der Bundesliga ansieht. Das Niveau der Partie dürfte auf deutschem Drittliga-Level liegen, schätzt Wagner auf der Fahrt nach Innsbruck ein und sieht sich während des Spiels in dieser Aussage bestätigt. Es sind also Spieler auf dem Platz, die genau ins Beuteschema des Jahn passen, der in der Vergangenheit einige Spieler aus der 3. Liga oder der Regionalliga verpflichtet hat. Allerdings, merkt Wagner an, ist auch der österreichische Markt inzwischen sehr umkämpft. Immer wieder treffe er in den Stadien auch auf Scouts anderer deutscher Clubs.

Die Spieler, die im vom tollen Bergpanorama eingerahmten Innsbrucker Stadion auf dem Rasen stehen, spielen derzeit also unter dem Niveau des Jahn. „Deshalb ist es wichtig“, erklärt Wagner, „nicht nur das aktuelle Leistungsvermögen einzuschätzen. Man braucht auch eine Phantasie, wie sich der Spieler in den nächsten Jahren entwickeln könnte.“ Damit man die Entwicklungsfähigkeit einschätzen kann, werden interessante Spieler in einem bestimmten Abstand mehrmals beobachtet.

So geht's nach dem Scouting weiter

Wie es weitergeht nach dem Beobachten der Scouts vor Ort? Die ausgefüllten Scouting-Bögen landen zu Wochenbeginn bei Jahn-Geschäftsführer Christian Keller. „Wenn da ein Spieler besonders positiv dargestellt wird, schaue ich mir den im ersten Schritt auf einer Videoplattform an, die uns ermöglicht, weltweit jedes Spiel zu sehen“, erklärt Keller. „Deckt sich mein Eindruck mit jenem der Scouts, dann schaut sich unser Trainer Achim Beierlorzer den Spieler ebenfalls an. Entsteht im Anschluss ein geschlossenes, einheitlich positives Bild aller Beteiligten, dann beobachte ich den Spieler auch selbst mal live.“

Wichtig sind aber nicht nur die sportlichen Eindrücke, auch der Charakter ist den Regensburger Verantwortlichen sehr wichtig. Deshalb kommt es, wenn der Spieler bis dahin alle Hürden genommen hat, zu einem persönlichen Gespräch. „Da versuchen wir, ihn als Typ kennenzulernen. Uns ist die Persönlichkeit sehr wichtig. Deshalb holen wir uns vorher auch schon Meinungen von Wegbegleitern des Spielers ein. Entscheidend ist aber immer der persönliche Eindruck“, so Keller.

Drei Scouts arbeiten aktuell für den Jahn. Neben Wagner sind das Ilija Dzepina und Markus Stegili. Für einen Profiverein noch eine sehr überschaubare Scoutingabteilung, aber eine, die in der Vergangenheit ein gutes Gespür bewiesen hat. Nimmt man nur als Positivbeispiel Sargis Adamyan, der aus der Regionalliga kam und sich nun zu einem der Top-Spieler in der 2. Bundesliga entwickelt hat.

Freude an der Arbeit

Wagner geht in seiner Aufgabe voll auf, das spürt man. Er arbeitet gerne für den Jahn und auch für Christian Keller, mit dem ihn eine private Freundschaft verbindet. Er schätzt vieles an seinem neuen Job. Da ist zum einen eine größtenteils freie Zeiteinteilung. Ein Spiel pro Woche soll er sich im Schnitt anschauen. In rund 80 Prozent der Fälle wählt er selbst die besonders relevanten Spiele aus, um über die Saison hinweg einen möglichst umfassenden Überblick über die ihm zugeteilten Scouting-Ligen zu bekommen. In etwa 20 Prozent der Fälle wird er vom Verein auf spezielle Spiele oder Spieler angesetzt, die er sich vor Ort anschauen soll.

Dazu ist Wagner froh, im Fußballgeschäft eine Aufgabe nach seiner Trainerlaufbahn zu haben. Wird er nochmals als Trainer arbeiten? „Man soll niemals nie sagen“, so der 42-Jährige. Aktuell kann er es sich aber nicht vorstellen. Zu viel Spaß macht ihm seine aktuelle Aufgabe, zu wenig vermisst er die des Trainers. „Am meisten verzichten kann ich auf die Aussage unzufriedener Spieler: Trainer, ich brauche ein Gespräch“, merkt er schmunzelnd an.

Ob nächste Saison einer der von Andreas Wagner beobachteten Spieler für den SSV Jahn aufläuft? Offen. Für Wagner ist es wichtig, sich von solchen Überlegungen freizumachen. „Man ist ja kein schlechter Scout, nur weil keiner deiner empfohlenen Spieler verpflichtet wird. Bei einem Transfer gehören so viele Faktoren dazu.“ Er gebe nur eine Einschätzung oder eine Empfehlung ab. Bis es zu einem Transfer komme, würden aber noch viele weitere Schritte folgen. Oder, anders ausgedrückt: „Von dem Punkt, an dem ich sage, der könnte einer sein, ist es ein weiter Weg bis zu dem Punkt, an dem der Fan im Stadion sagt: Das ist einer!“

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