Schwere Vorwürfe von der IG Bau Corona-Verstöße auf Baustellen? Bauinnungen empört

Dunkle Schatten über der Baubranche? Die IG Bau kritisiert, dass viele Bauunternehmer die coronabedingten Abstands- und Hygieneregeln nicht einhalten würden. (Symbolbild) Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Werden auf Bayerns Baustellen die Abstands- und Hygieneregelungen auf die leichte Schulter genommen? Das kritisiert zumindest die IG Bau. Viele Bauunternehmen seien trotz Corona wieder in alte Verhaltensmuster zurückgefallen. Der Landesverband Bayerischer Bauinnungen reagiert empört – und vermutet ganz andere Gründe hinter den Vorwürfen. 

Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) beruft sich bei ihrer Kritik auf eigene Arbeitsschutzkontrollen, die die Missstände zu Tage gefördert hätten. Die Probleme würden dabei von fehlenden Desinfektionsmitteln bis zu Sammeltransporten ohne Mindestabstände reichen. "Sammeltransporte zu Baustellen im Bulli sind in vielen Firmen wieder an der Tagesordnung. Genauso wie Pausen im engen Bauwagen", kritisiert der Bundesvorsitzende der IG BAU, Robert Feiger. Er berichtet von einem Fall aus Norddeutschland, wo ein Arbeitgeber sogar das Tragen von Mund-Nase-Schutzmasken explizit verboten habe. "Die abstruse Begründung: Sonst beschlage die Brille. Damit könne dann nicht mehr ordentlich gearbeitet werden. Gerade im Innenausbau oder bei Sanierungen, bei denen nicht unter freiem Himmel gearbeitet wird, ist so eine Anweisung des Arbeitgebers natürlich völlig verantwortungslos", so Feiger. 

Trotz Corona im "alten Trott"?

Der Bundesvorsitzende sieht momentan generell einen zu sorglosen Umgang mit Corona-Regeln auf dem Bau. "Viele Bauunternehmen ignorieren die Corona-Gefahr, indem sie zum alten Trott zurückkehren", sagt er. Das sei jedoch fatal. Feiger appelliert deswegen an die Beschäftigten, kein Risiko einzugehen und selbstbewusst auf Missstände hinzuweisen. 

Holger Seit, Pressesprecher des Landesverbands Bayerischer Bauinnungen (LBB), bezeichnet die Kritik der IG Bau im Gespräch mit idowa als "komplett unangebracht und wirklich ärgerlich". Es gebe bereits seit März konkrete Vorschriften, wie sich Baustellensicherheit und Hygienevorschriften in Einklang bringen lassen. Diese seien auch an Verbände und Unternehmen kommuniziert worden. "Ich denke, dass das flächendeckend insgesamt gut umgesetzt wird", betont Seit. Natürlich könne man bei 3.200 Mitgliedsunternehmen nicht für jedes einzelne die Hand ins Feuer legen, doch von einem strukturellen Problem könne man in seinen Augen nicht sprechen. "Uns sind nur zwei Fälle aus Bayern bekannt, bei denen Verstöße gegen Corona-Regeln beanstandet und die Baustellen geschlossen werden mussten – allerdings nicht komplett, sondern nur Teilbereiche davon", erklärt Seit. Insofern kann er die Vorwürfe der IG Bau nicht nachvollziehen. 

Tarifverhandlungen Ende August

Seit vermutet, dass der Hintergrund der Kritik tatsächlich ein ganz anderer ist: Die bevorstehende Schlichtungsverhandlung für das Bauhauptgewerbe, die für den 26. August angesetzt ist. "Die IG Bau erhofft sich durch die öffentliche Kritik wohl mehr Aufmerksamkeit und eine stärkere Verhandlungsposition", sagt er. Die Gewerkschaft fordert hier unter anderem 6,8 Prozent mehr Lohn und 100 Euro im Monat zusätzlich für Azubis. "Dass die Gewerkschaft mit Maximalforderungen in Tarifverhandlungen geht, ist ihr gutes Recht.", betont Holger Seit. "Aber die momentane Corona-Situation vorzuschieben, weil sie glauben, so ihre Forderungen leichter durchsetzen zu können, das empfinde ich als unangebracht".

Robert Feiger hält die Forderungen der IG Bau auch mit Blick auf die aktuelle Wirtschaftslage für vertretbar. "Beachtliche Gewinne und volle Auftragsbücher sorgen in der Bauwirtschaft für gute Stimmung", sagt er. Allein beim Wohnungsbau gebe es einen Bauüberhang von rund 740.000 Wohnungen, die bereits genehmigt, aber noch nicht gebaut worden seien. "Erlauben können sie es sich", meint er mit Blick auf die Position der Arbeitgeber. Holger Seit stimmt zwar zu, dass die Baubranche die Krise bislang deutlich besser überstanden habe, als manch andere Sparte. Und auch die Lage beim Wohnungsbau sei durchaus optimistisch. "Trotzdem gibt die Auftragslage insgesamt Anlass zur Sorge. Uns liegen mittlerweile die Zahlen des Landesamtes bis Mai vor. Und hier war schon ein heftiger Einbruch zu verzeichnen", so Seit.

Die Unsicherheit bleibt

Dazu kämen noch weitere Unsicherheitsfaktoren – etwa die Lage ausländischer Subunternehmer. Sollte es wieder zu Einreiseverboten kommen, könnte das die Lage in der Baubranche sehr schnell verschärfen. "Das ist schon ein hängendes Damoklesschwert über unseren Köpfen", sagt Holger Seit. Auch die deutlich zurückgegangenen Gewerbesteuereinnahmen bei den Kommunen bereiten ihm Sorgen. Diese würden sich wohl auch noch in den kommenden Jahren bemerkbar machen, wenn Städte und Gemeinden sparen und deswegen Bauprojekte zurückstellen müssen. Es sei zu befürchten, dass die Baubranche die Krise so "mit Verzögerung" zu spüren bekommt.

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