Schweiz Gipfeltreffen in Montreux

Die Goldenpass-Bahn fährt Besucher hinauf in die Bergwelt zu Santa Claus. Die Reise dauert rund eine Stunde. Foto: Goldenpass-Bahn

Eine Winterreise auf den Rochers-de-Nay und ein Rendezvous mit dem Weihnachtsmann.

Wer will schon bei seiner Arbeit ständig nur im Schnee stehen und Eiszapfen im Bart tragen? Der Weihnachtsmann jedenfalls nicht. Der hat die rote Nase voll vom eisigen Weiß in Finnland und ist in eine Filiale über den milden Genfersee gezogen.

Wo sonst liegen weiße Weihnachten und mediterranes Flair so nah beieinander wie in Montreux, mag sich der gute Mann gesagt haben. Stimmt. Im Winter bei frühlingshaften Temperaturen auf einer Uferpromenade unter Palmen und Pinien über den Weihnachtsmarkt schlendern, kann man in Finnland nicht. Auch nicht bunten Sternenlichtern auf einem tintenblauen See beim Tanz mit den Wellen zuschauen.

Um Irrtümern vorzubeugen: Damit zwischen der Schweiz und Finnland keine frostigen Zeiten anbrechen, bleibt das logistische Zentrum für weihnachtliches Schenken selbstverständlich im finnischen Rovaniemi. Jede Weihnacht, in diesem Jahr noch bis 24. Dezember, residiert der Rauschebart jedoch 2.040 Meter über Montreux auf dem Rochers-de-Nay und empfängt Tausende von Kindern. Nur montags und dienstags ist die stimmungsvolle Dependance geschlossen. Dann fliegt der Weihnachtsmann mit seinem Rentiergespann nach Finnland, um zu schauen, wie dort der Geschenkvertrieb so läuft.

Zehn Gehminuten vom Genfersee entfernt, herrscht vor dem Goldenpass-Schalter am Bahnhof Montreux reger Betrieb. Eltern, Großeltern und Kinder sputen sich, einen Fensterplatz in der Zahnradbahn zu ergattern. Die einstündige Fahrt auf den Hausberg bietet spektakuläre Panoramen für Auge und Objektiv. In der Ferne recken sich Eiger, Mönch und Mont Blanc in den blauen Himmel. Während der Zug steile Berghänge erklimmt und die Spannung bei den kleinen Passagieren von Minute zu Minute steigt, schrumpft weit unten Montreux zusehends zu einer scheinbar kleinen Spielzeugstadt.

Draußen wird es kälter, die Landschaft weißer. Nur die kleine Johanna hat für die winterliche Pracht keinen Blick. "Opa hat aber gesagt, der Weihnachtsmann wohnt in Finnland", runzelt die Sechsjährige zweifelnd die Stirn und zupft Niklaus Mani am Ärmel. Der ist kein richtiger Nikolaus sondern Marketingchef bei der Goldenpass-Linie, weiß aber, wie der Weihnachtsmann auf den Berg kam. Das war so: Eines Tages flog Santa Claus mit seinen Rentieren über die Schweizer Riviera. Der Anblick war so schön, dass er Rudolph bat, tiefer zu fliegen. Als das Rentier bremste, streifte es jedoch mit seinen Hufen den Rochers-de-Nay und musste notlanden. Da entdeckte der Weihnachtsmann in den Felsen eine große Höhle, die zu einem Hotel führt. "Ho, Ho, Ho, das gefällt mir. Hier möchte ich in der Adventszeit wohnen", rief er. Seither lade er mittwochs bis sonntags Kinder aus aller Welt zu sich ein. "Cool", staunt Johanna und drückt sich an der Fensterscheibe die Nase platt.

Montreux war im 19. Jahrhundert ein kleines Weindorf

Bei seiner Ortswahl kam dem Weihnachtsmann zugute, dass schon seit mehr als 130 Jahren Schienen auf den Balkon der Riviera führen. Früher mussten Reisende noch mit einer Seilbahn vom See bis zum Schienenanschluss fahren. Ab 1909 brachten sie dann ein Dampfzug und später ein elektrisches Bähnlein direkt von Montreux auf den Rochers-de-Nay. Die Reisenden waren englische Touristen und hatten Ende des 19. Jahrhunderts längst vor dem Weihnachtsmann den Charme dieser Region erkannt. Damals war Montreux noch ein winziges Weindorf.

Die vermögenden Insulaner schätzten indes die herrliche Lage eines mondänen Grandhotels am Berg, von dem aus sie hinauf zum Wintersport und zum Flanieren hinunter ins Mikroklima an den See fuhren.

Zu verdanken habe man die frühe Entwicklung des Tourismus Lord Byron, berichtet Niklaus Mani weiter. Mit seinem Gedicht "Der Gefangene von Chillon" sei der Engländer der erste kulturelle Werbeträger für Montreux gewesen. Heute verwandle sich das Seeschloss Chillon jedes Jahr zur Weihnachtszeit in eine mittelalterliche Zauberwelt. Musiker, Jongleure und Stelzenläufer treten auf. Am Kaminfeuer lauschen Kinder und Erwachsene den Sagen und Geschichten aus uralten Zeiten.

Mit dem Zug geht es durch eine märchenhafte Winterlandschaft

Noch eine Kurve, noch ein Tunnel, dann stoppt der Zug an der Bergstation Caux. Wer möchte, darf jetzt die Fahrt unterbrechen und vorbei am ehemaligen Grandhotel zu einem aussichtsreichen Spaziergang mit Weitwinkelperspektive über den Genfersee hinabsteigen. Der Zug passiert nun alte Villen und tuckert durch eine Märchenwelt wie aus Puderzucker. Eine Aussicht zum Dahinschmelzen! Im weiten Bogen windet sich die Bahn hinauf zur Endstation vor einen langen Tunnel. Zögerlich wagt sich Johanna ins Innere des steinernen Schlunds. Während Kinder staunend vor Schneemann- und Eisbärskulpturen stehen und Eltern ihre Kameras einschalten, kann Johanna das Rendezvous mit dem Weihnachtsmann kaum erwarten. Derweil bereitet sich Jean-Marie Daunas im Weihnachtsmann-Stübchen auf seinen Dienst vor. Ohne Familie habe Weihnachten für ihn nie eine Bedeutung gehabt, gesteht der Schauspieler und Regisseur. Das änderte sich, als er die Rolle des Weihnachtsmannes übernahm. Seine Arbeit begreift der fünf Sprachen sprechende Schweizer Weihnachtsmann seither als eine "geschichtliche Herausforderung". Er habe die Historie des Weihnachtsmannes gründlich studiert. Für ihn sei Santa Claus die Verkörperung einer positiven Gestalt, die keiner Religion zuzuordnen sei. Der Weihnachtsmann sei kein Zuchtmeister, er will Kinder staunen lassen und für einen Moment in ein Reich der Fantasie führen, aus dem sie schon bald vertrieben werden. "Gäbe es keine Erwachsenen, lebten wir in einer heilen Welt", meint Jean-Marie, pafft einen letzten Zug aus seiner Pfeife und schlüpft in sein rotes Kostüm.

Vor dem geschnitzten Holzthron im weihnachtlich geschmückten Salon warten bereits drei Dutzend Kinder auf ihre Audienz. Johanna will unbedingt ein Foto. Damit sie dem Opa daheim zeigen kann, wo der Weihnachtsmann wirklich wohnt… So wie gestern und morgen wird der Schweizer Santa Claus auch an diesem Nachmittag wieder in erwartungsvolle Kinderaugen schauen. Er wird fröhliche, lustige, berührende und traurige Geschichten hören, kleine Hände drücken, Scherze machen und Trost spenden. "Hat mein Vater im Himmel mich noch lieb?", fragt ein kleiner Junge. Andere Kinder wollen wissen, wo das Christkind wohnt, ob sie Rentier Rudolph streicheln dürfen und ob auch Meerschweinchen einen Schutzengel haben. Einige der kleinen Besucher spielen selbst Weihnachtsmann. Sie legen dem Bärtigen Zeichnungen und Lollis, selbstgebackene Kekse, gebastelte Sterne oder auch schon mal ein Minifläschchen Whisky in den Korb - aus Fürsorge gegen die Kälte. Weil der Weihnachtsmann aber keinen Alkohol, sondern nur Coca-Cola trinkt, ist der Whisky natürlich ein Geschenk für Jean-Marie.

Weitere Informationen:

Anreise: Die Bahn bietet bis Montreux Sparpreise zum Beispiel ab 39,99 Euro an.

Aktivitäten: Haus des Weihnachtsmannes: Geöffnet bis 24. Dezember, immer mittwochs bis sonntags. Auf dem Rochers-de-Nay kann in Hotelzimmern sowie in mongolischen Jurten übernachtet werden (www.goldenpass.ch). Der Weihnachtsmarkt Montreux ist bis 24. Dezember täglich geöffnet. (www.montreuxnoel.com)

Essen: Auf dem Weihnachtsmarkt empfiehlt sich ein Besuch im stimmungsvollen und preiswerten Chalet Le Poya mit zünftiger Live-Musik. Empfehlenswert ist der Speck- und Beefteller mit Gurken.

Auskunft: Weitere Informationen gibt es unter Tel: 00800/10020030 und www.MySwitzerland.com. Literatur-Empfehlung zur Reise: Baedeker, "Schweiz", mit großer Schweizkarte für 26,70 Euro.

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