Schule in Corona-Zeiten „Muss konkrete Handlungsanweisungen geben“

Benedikt Karl ist Referatsleiter Pressearbeit beim bayerischen Philologenverband. Foto: Collage mit Bildern von Karl/Friso Gentsch/dpa

Benedikt Karl ist Gymnasiallehrer aus Kempten und beim bayerischen Philologenverband als Referatsleiter für die Pressearbeit zuständig. Im Interview blickt er voraus auf das kommende Schuljahr – auf Teamlehrkräfte, „Rotznasenkinder“ und die „Bayerncloud“.

Am Mittwoch wurde von Kultusminister Piazolo bekanntgegeben, dass im kommenden Schuljahr sogenannte Teamlehrkräfte als Unterstützung installiert werden sollen. Bewerben kann man sich dafür auch wenn man nicht Lehramt studiert hat. Signalisiert man dadurch nicht, dass eine pädagogische Ausbildung gar nicht notwendig ist, um sich vor eine Klasse zu stellen?

Benedikt Karl: Aus unserer Sicht sind diese Teamlehrkräfte eine Idee, die nahe liegt, weil sie ja dazu dienen sollen, die Stammlehrkräfte im Klassenzimmer zu ersetzen, die wegen Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe oder weil sie schwanger sind nicht in der Schule anwesend sind. Diese Lehrkräfte sollen aber trotzdem von Zuhause ihren Dienst leisten, sozusagen als Unterstützung. Dagegen ist prinzipiell zunächst nichts einzuwenden. Allerdings sehen wir auch mehrere Dinge sehr kritisch. Das eine ist die Menge. Der Kultusminister hat angekündigt, 800 dieser Teamlehrkräfte anwerben zu wollen. Wenn man sich vor Augen führt, dass wir über alle Schularten hinweg 4.400 staatliche Schulen in Bayern haben, dann kann man sich auch ohne Mathematikstudium ausrechnen, dass die Verteilung dieser Teamlehrkräfte etwas schwierig wird. Und was bringt es dann, wenn ich vielleicht keine Stelle oder nur eine halbe oder nur ein Drittel einer Stelle so einer Teamlehrkraft zur Verfügung habe – in einem Kollegium, in dem vielleicht mehr als eine halbe oder ein Drittel einer Stelle fehlt, weil vielleicht zwei Kolleginnen schwanger sind und zwei Kollegen wegen Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe zuhause bleiben?

Was wäre denn dann die Hausnummer, die es in Bezug auf zusätzliche Lehrerinnen und Lehrer bräuchte?

Karl: Auf jeden Fall mehr. Wir haben allein schon 400 Gymnasien in Bayern. Wenn ich mir etwa bei uns an der Schule ansehe, wie viele Leute da ausfallen … Und wenn die Krankheitswelle dann losgeht, dann haben wir ja auch Kollegen, die in Quarantäne müssen, und die Krankheitsraten werden sich noch steigern. Aus unserer Sicht wären an großen Schulen dann eine oder zwei solcher Kräfte durchaus möglich. In Grundschulen kann das möglicherweise wieder anders aussehen. An den Gymnasien ist diese Anzahl aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Kommen wir nochmals auf den pädagogischen Aspekt zurück. Sehen Sie ein Problem darin, dass sich jeder mit einem Hochschulabschluss bewerben kann und dann potenziell den Unterricht im kommenden Jahr leitet?

Karl: Wir haben tausende von ausgebildeten Gymnasiallehrkräften, die im Moment keine feste Stelle beim Staat haben. Es gibt viele, die auf der Warteliste stehen und auf eine echte Planstelle warten. Die bekommen nun das Signal: „Du bekommst von uns keine Planstelle und gleichzeitig werben wir um sogenannte Teamlehrkräfte, die dann für ein Jahr befristet tätig sein dürfen. Und übrigens: Man braucht dafür gar keine pädagogische Ausbildung.“ Die Köpfe wären ja da. Gerade in Realschule und Gymnasium. Man stattet sie aber nicht mit entsprechenden Stellen aus, sondern nur mit befristeten Angestelltenverträgen. Das sehen wir als großes Problem. Dabei wäre es etwa am Gymnasium so, dass man es durch eine Aufstockung von echten Planstellen geschafft hätte, die jungen Lehrer langfristig an die Schulen zu binden. Denn wir haben aufgrund des aufwachsenden G9 in 2025 ohnehin einen Bedarf von 1.000 zusätzlichen Lehrerstellen. Die sind auch schon in den Haushalten eingeplant. Aus unserer Sicht wäre es viel günstiger gewesen, da jetzt schon was loszueisen von diesen Stellen.

Wie sieht es denn aus der Perspektive von Interessenten für solche Teamstellen aus? Besteht über dieses eine Schuljahr hinaus eine weitere Perspektive? Oder sind das wirklich nur Leute, die jetzt mal ein Jahr Zeit haben, und die im Anschluss dann wieder etwas vollkommen anderes machen sollen?

Karl: Wenn ich den Kultusminister richtig verstanden habe, dann sind diese Mittel, die 30 Millionen, die dafür ausgegeben werden, für ein Jahr eingeplant. Und zwar mit der Begründung von Corona. Es wird wohl davon abhängen, ob wir im nächsten Sommer noch coronabedingte Ausfälle haben. Der Grund für die Maßnahme ist die Pandemie, und nicht, dass sowieso schon großer Bedarf an den Schulen herrscht. Es ist also nicht langfristig, sondern vorerst nur auf ein Jahr begrenzt.

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