Schnee-Einsatz vor einem Jahr Werner Schmitzer: „Die Absturzgefahr war immer dabei“

140 Einsatzkräfte aus Stadt und Landkreis waren Anfang 2019 in Bad Tölz im Einsatz gegen die Schneemassen. Foto: Ulli Scharrer

Vor ziemlich genau einem Jahr hat ein Hilfskontingent von 140 Einsatzkräften aus Stadt und Landkreis Straubing-Bogen das Dach der Kinderklinik Gaißach bei Bad Tölz von den Schneemassen befreit – und damit möglicherweise eine Katastrophe verhindert.

Anfang 2019 versank Oberbayern im Weiß. Auf den Dächern lasteten Tonnen nassen Schnees. Wie lange sie das Gewicht tragen können würden, war fraglich. Auch bei der Kinderklinik Gaißach bei Bad Tölz wurde es kritisch.

Ein Schneeräumkommando aus Stadt und Landkreis Straubing-Bogen kam zu Hilfe – und gab eine nachhaltige Visitenkarte für Niederbayern und die Region ab. Wir schauen zurück auf die Tage vor rund einem Jahr mit Kreisbrandinspektor Werner Schmitzer, der damals die Einsatzleitung hatte.

Wie muss man sich einen Einsatz wie den in Bad Tölz vorstellen?

Werner Schmitzer: Organisatorisch ist es eigentlich immer ähnlich. Unser Hilfskontingent wurde über das Lagezentrum des Innenministeriums angefordert, wie es im offiziellen Jargon heißt, „auf Ersuchen der Regierung von Oberbayern“. Der Auftrag war zunächst nur „Unterstützung im Landkreis Bad Tölz“. Dass wir das Dach der Kinderklink räumen sollten, stellte sich dann vor Ort heraus.

Wie war die Ankunft in Bad Tölz?

Schmitzer: Bei einem solchen Einsatz wird ein Vorkommando geschickt, das voraus fährt und die ersten Erkundungen macht. In einer ersten Lagebesprechung mit der Einsatzleitung vor Ort wird zugewiesen, wer sich um welches Objekt kümmern soll. Außerdem werden die Quartiere und Unterkünfte zugewiesen. In unserem Fall war es eine Jugendherberge im Landkreis Bad Tölz. Das lief wirklich problemlos. Wir sind auch von der Klinikleitung sehr herzlich aufgenommen worden, das war quasi all-inclusive-Versorgung. (lacht) Was Verpflegung und Versorgung angeht, war alles immer schon da, bevor irgendjemand danach gefragt hatte.

Wie kritisch war die Lage vor Ort?

Schmitzer: Schon sehr kritisch. Die Klinik war zu diesem Zeitpunkt voll mit Kindern. Dazu gab es am Gebäude der Kinderklinik Gaißach einige Bausünden, aufgrund derer die Statik gefährdet war. Das Dach war aus verleimtem Holz konstruiert, das mit der Feuchtigkeit, die aus den Schneemassen ausgetreten war, nicht zurechtkam. Dazu eben die besorgniserregenden Massen an Schnee. Es wollte auch einfach nicht zu regnen aufhören, der Schnee hat sich immer mehr mit Feuchtigkeit vollgesogen und wurde immer schwerer.

Mehr als 6.500 Quadratmeter Dachfläche waren zu räumen. Wie ging das?

Schmitzer: Wir haben das Dach zuerst erkundet und dann die Leute eingeteilt. Weil wir zwei Hubrettungsfahrzeuge dabei hatten – den Hubsteiger aus Straubing und die Drehleiter aus Geiselhöring – konnten wir immer zwei Teams gleichzeitig zum Einsatz bringen, jeweils im Schichtbetrieb. Da kann man dann schon was reißen. (lacht) Zusätzlich musste die Höhensicherung für die Feuerwehrleute organisiert werden. Das lief alles Hand in Hand.

Warum Schichtbetrieb?

Schmitzer: Wer das einmal gemacht hat, weiß, dass die Leute jeweils nur ein paar Stunden schaufeln können. Das geht ganz schön in die Knochen, und dann war es auch noch nasskalt, man ist ständig zwischen durchgeschwitzt und durchgefroren. Da braucht es einfach irgendwann eine Ablöse, damit die Leute wieder ins Warme kommen und etwas essen und trinken können. Irgendwann lassen die Kräfte nach. Trotzdem: Der Professor der Klinik war beeindruckt, wie viel die Leute weggearbeitet haben.

Was hat Euch bei dem Einsatz am meisten zu schaffen gemacht?

Schmitzer: Die Höhe und die Absturzgefahr auf dem Dach. Deshalb hatten wir die Höhenrettungsgruppe aus Straubing dabei. Jede einzelne Kameradin und jeder einzelne Kamerad musste auf dem Dach gesichert werden. Die Gefahr, dass jemand vom Dach fallen könnte, war immer dabei. Ein Kamerad ist sogar runtergefallen, als er sich kurz ausgesichert hatte. Gott sei Dank war er nicht am höchsten Punkt des Dachs und es ist nichts Schlimmeres passiert. Er hatte Prellungen, aber wenn uns jemand von ganz oben abgestürzt wäre, hätte das tödlich sein können. Wir mussten halt ständig aufpassen. Umso mehr sind wir unheimlich stolz auf unsere Kollegen aus Stadt und Landkreis. Wir haben auch von allen Seiten Lobeshymnen bekommen, vom Landrat von Bad Tölz, von der Klinikleitung. Die Kinder in der Klinik haben Plakate gebastelt, auf denen sie sich bei uns bedankt haben. Erst in diesen Tagen war in der Bad Tölzer Heimatzeitung ein Bericht über unseren Einsatz. Schön, dass wir so einen guten Eindruck hinterlassen haben.

Macht einen das zuversichtlich für zukünftige Einsätze dieser Art?

Schmitzer: In gewisser Weise ja. Wir waren ja nicht zum ersten Mal gemeinsam „unterwegs“. Wir waren auch in Simbach beim Hochwasser mit unserem Kontingent und auch da hat es gut funktioniert. In meiner Gruppe waren nahezu die gleichen „Kämpfer“ dabei. Mit der Zeit kennt man sich und weiß, dass man sich aufeinander verlassen kann. Wir sind da schon eine verschworene Gemeinschaft.

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