Schauspieler-Interview Ein Stück Jugend: Bibiana Beglau, Sprecherin der Audiodoku „Das Berlin der Kinder vom Bahnhof Zoo“, war mit uns im Gespräch

Bibiana Beglau. Foto: Henning Kaiser/dpa

Bibiana Beglau bekam „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ von ihrer Mutter – zur Aufklärung. Die Geschichte fasziniert sie bis heute. Wie sehr, erzählt die Schauspielerin, die die Audiodoku „Das Berlin der Kinder vom Bahnhof Zoo“ eingelesen hat, im Interview.

Frau Beglau, wie sind Sie zu Ihrer Rolle als Sprecherin von „Das Berlin der Kinder vom Bahnhof Zoo“ gekommen?
Bibiana Beglau: Ich habe einen Anruf bekommen, in dem mir die Produzenten das Projekt erklärt haben. Viel mussten sie aber nicht sagen. Als ich hörte, dass es um Christiane F. geht, habe ich sofort zugesagt! 

Das klingt, als hätte Sie die Geschichte sehr beeindruckt.
Bibiana Beglau: Christiane F. ist ein Stück meiner Jugend und eine sehr faszinierende Person. Man muss sich immer vor Augen halten, dass sie 13, 14 Jahre alt war, als sie das erlebt hat, was später im Buch zu lesen war. Und dann hat sie ja noch ein ganzes Leben danach gehabt, inklusive Rückfälle in die Drogenabhängigkeit, ihr Leben in Griechenland und der Schweiz, die Veröffentlichung eines zweiten Buchs und mehr. In der Audiodokumentation sind viele Stellen der Originalinterviews mit Christiane F. zu hören. Mich fasziniert, wie abgeklärt und erwachsen sie in den Gesprächen wirkt. Damals genauso wie heute. Auch in der Audiodoku geht es um viel mehr als nur darum, das Buch nachzuerzählen. Die Zuhörer erfahren, wie der Zeitgeist und das Berlin waren, in dem Christiane F. und die anderen Kinder vom Bahnhof Zoo aufgewachsen sind.

Wie haben Sie sich auf die Aufnahmen vorbereitet? 
Bibiana Beglau: Der Postbote hat mich schon etwas angeschaut, als er mir das Paket überreicht hat, denn das Skript für die Aufnahmen war ein riesiger Haufen Blätter. Den habe ich mir intensiv durchgelesen, Notizen gemacht und mir überlegt, wie ich den Text einsprechen könnte. Außerdem habe ich mir die Orte angesehen, an denen Christiane F. ihre Jugend verbracht hat. Ich wohne in Berlin und bin auf historische Entdeckungstour gegangen. Viele der Orte von damals haben sich verändert oder existieren gar nicht mehr – etwa die Diskothek „Sound“. Gropiusstadt, das Viertel, in dem Christiane F. aufgewachsen ist, ist heute eine schöne Wohngegend – damals war es ein schwieriger sozialer Brennpunkt.

Das hört sich nach viel an, was man im Studio besprechen konnte. 
Bibiana Beglau: Ach, die Aufnahmen waren herrlich. Das Team ist nach den Sitzungen, in denen wir das Skript eingelesen haben, noch oft zusammengesessen und hat über die Musik und die Ideen aus der damaligen Zeit diskutiert. Die Geschichte von Christiane F. ist noch nicht einmal 50 Jahre her, trotzdem waren nicht nur Musik und Modegeschmack anders. Deutschland war zweigeteilt und Westberlin eine Insel, die von einer Mauer umgeben war. Mehr noch: Für viele Journalisten war Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre schnell klar, dass Christianes Mutter allein schuld an dem Schicksal ihrer Tochter sein sollte. Christianes Eltern waren geschieden, ihr Vater Alkoholiker. Auf die Idee, dass auch er oder die Scheidung an sich etwas mit Christianes Absturz zu tun hatten oder auch ganz andere Dinge dafür verantwortlich waren, ist damals eigentlich niemand gekommen. Trotzdem ist die Geschichte zeitlos. 

Was meinen Sie damit?
Bibiana Beglau: Drogen gab es schon immer und wird es immer geben. Mir hat meine Mutter damals die Geschichte von Christiane F. gekauft und als mahnendes Beispiel in die Hand gedrückt. Heute sind andere Betäubungsmittel modern, aber die Probleme dieselben.

Wie war die Stimmung bei den Aufnahmen allgemein? Corona wird da sicher einiges durcheinandergebracht haben. 
Bibiana Beglau: Es gab Hygiene- und Sicherheitsvorschriften. Trotzdem haben die Aufnahmen sehr viel Spaß gemacht, auch, weil ich wieder mit anderen Leuten zusammenarbeiten konnte. Ein Hörbuch oder eine Audiodokumentation wie „Das Berlin der Kinder vom Bahnhof Zoo“ einzusprechen ist eine ganz andere Erfahrung, als in einem Film oder einer Serie zu spielen. Bei Audioaufnahmen ist es das Ziel, den Zuhörer durch Stimme und Text dazu zu bekommen, dass er seine eigenen Bilder im Kopf entwirft.

Mit welchen Problemen hat man als Sprecher besonders zu kämpfen? Gibt es besonders schwierige Wörter? 
Bibiana Beglau: Die schwierigen Wörter machen mir nichts aus. Im Gegenteil – wenn ich mich verspreche, sind es eher die vermeintlich einfachen Wörter, die auf einmal schwierig sind.

Insgesamt hört es sich aber ganz so an, als ob die Aufnahmen sehr viel Spaß gemacht haben. 
Bibiana Beglau: Das auf jeden Fall. Vor ein paar Jahren waren Audioformate nur eine Randerscheinung, die man maximal im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gehört hat. Zum Glück ist das mittlerweile anders. Im vergangenen Jahr hat sich das Interesse meiner Erfahrung nach noch einmal gesteigert. Ich hoffe, dass das auch nach Ende der Corona-Pandemie so bleibt. 

Serie und Audiodoku 

Auch mehr als 40 Jahre nach Erscheinen des Buchs hat die Geschichte von Christiane F. und den Kindern vom Bahnhof Zoo nichts von ihrer Schlagkraft eingebüßt. Freiheit, Rausch und Hoffnungslosigkeit begleiten die Charaktere, die ständig am Abgrund entlangtanzen. Dabei nimmt sich „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ (ab 19. Februar 2021 auf Amazon Prime) durchaus Freiheiten. Charaktere wurden abgeändert, bestimmte Szenen neu erfunden. Wie das echte Berlin aussah, in dem Christiane F. heranwuchs, zeigt die Audiodokumentation „Das Berlin der Kinder vom Bahnhof Zoo“ (seit 18. Februar 2021 bei Amazon Audible). Hier geht es zur Audiodoku. 

 

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