Romance Scams Vorsicht Betrug: Wie mit Gefühlen abgezockt wird

Am Anfang klingt alles so gut. Die Unterhaltung läuft super, die Vertrautheit wächst, schnell wird von Partner und Ehefrau gesprochen, doch auf einmal ist Geld im Spiel. Das ist die Masche der Betrüger, vor der die Polizei warnt. Foto: Symbolbild: Lovescamming

Dass sich Paare online kennenlernen, ist nichts Neues. Vorsicht ist geboten, wenn von einer Internet-Liebe sehr viel Geld gefordert wird. Wie man die Betrugsmasche des Love Scams erkennen und sich schützen kann.

Also schön war sie ja schon. Gepflegt, um die 30, ein etwas asiatischer und doch internationaler Typ, gut gekleidet, dezent geschminkt, kein Selfie, sympathische Pose auf dem Foto, professionelle Kamera. Ein Setup, das dazu da ist, gute Fotos zu machen. Da musste man(n) einfach nach rechts wischen. So macht man das bei der Dating-App Tinder. Rechts wischen bedeutet, will ich kennenlernen, links wischen, eher weniger. Sollte die Dame ebenfalls bei meinem Profil rechts gewischt haben, gibt es ein Match und die Kommunikation kann starten.

Ein paar Tage später hat sie mich tatsächlich gematcht, der Körper spendet ein paar Glückshormone, und die Unterhaltung geht los. Die Antwortrate ist für ein attraktives Tinderprofil überdurchschnittlich hoch. Routiniert wechselt sie auf einen anderen Messenger und wir benutzen fortan Kik als Kommunikationsplattform. Dort bleiben die User nach wie vor größtenteils anonym. Gemäß ihren Angaben wohnt sie in New York, Manhattan, und arbeitet dort als Model - die Michelle (Name von der Redaktion geändert). Es gibt Zeitfenster, die eine fast flüssige Unterhaltung über ein bis zwei Stunden pro Tag ermöglichen. Die Zeitverschiebung nach New York kommt manchmal wie eine Ewigkeit vor. Die vergangenen Erfahrungen zeigen, dass es durchaus ungewöhnlich sein kann, welche Paarungen sich aus Dating Apps ergeben. Warum also nicht ein Textschreiber und ein Model aus New York? Man wird wohl noch träumen dürfen. Die Brille verfärbt die Welt rosa und das eigene Bavarian English wird sehr gelobt. Nahezu perfekt.

Gefühle in Rosarot

Relativ zügig stellen sich Gefühle ein. Das liegt vor allem an einer gewissen Routine. Michelle fragt am Morgen, ob ich gut geschlafen habe, berücksichtigt dabei teilweise auch die Zeitzonen, fragt, was es für mich zum Mittagessen gab und wie der Arbeitstag war. Bayern findet sie super, kennt aber nur andere Teile von Europa. Sie würde mich gerne einmal besuchen kommen, erinnert sich an Details von meinen Reisen, die ich ihr erzählt habe, spricht immer mehr von Lebensplan, "my Baby" und "Partner for life". Ihre Agentur plant bald ein Shooting in Frankreich, sie muss vorher nur noch wegen eines anderen Auftrags mit ihrer Freundin nach Nigeria. Rasch folgen die ersten Fotos aus dem Flugzeug und einem schicken Hotel, vermutlich aus Lagos, der größten Stadt Nigerias. Doch dann will sie nach "Bavaria".

Manchmal geschieht es, dass die Nachrichten von Michelle in der Früh einer lieb verpackten Beschwerde gleichen: "Oh, mein Baby will nicht mit mir sprechen, sollte ich anfangen zu weinen, ist das nicht gemein, dabei liebe ich ihn doch so", und so fort. Stunden später das normale Gespräch, als wäre nichts geschehen: "Was immer du tust, ich werde mit dir gehen, hoffe, jeder deiner Träume werde wahr, überall, jederzeit werde ich bei dir sein, wünsche dir Liebe und Glück, weil ich für dich sorge und das Beste für dich will".

Die Krise: Das Hotel brennt

Immerhin ist sie gut in Nigeria angekommen. Sie schickt ein Foto von einem leeren Flugzeug, eingerahmt von zwei äußerst attraktiven Stewardessen, ebenfalls mit asiatischem Flair.

Michelles nächste Nachricht: Das Hotel in Nigeria hat gebrannt. Ohje. Es folgen Bilder von dem Feuerwehreinsatz und den Rettungswägen. Michelle sitzt auf der Pritsche in einem der Einsatzwagen und hält beide Daumen nach oben. Immer noch perfekt dezent geschminkt und mit einem Lächeln neben dem Infusionsständer. Sie muss ihre Liebsten anrufen und hat leider keinen Zugriff auf ihre Konten bei der Modelagentur.

Und ob ich ihr eine iTunes-Karte kaufen würde, damit sie ihr Handy aufladen kann, um zu telefonieren. Wer könnte das einem attraktiven Model aus New York, das 60.000 Dollar im Monat verdient und einen nie mehr im Leben verlassen wird, ausschlagen. Ich sage vorbehaltlich zu.

Sie schickt Kontodaten und ich soll überweisen

Sie schickt mir Kontodaten eines Kontos aus Nigeria mit dem Hinweis, dass es das Konto ihres Begleiters ist, der auch bei der Agentur arbeitet. Er heißt mit Nachnamen Unachukwu (Name von der Redaktion geändert). Nachdem schon mehrere Unterhaltungen seit dem Tindermatch von mir als Screenshot gespeichert wurden, könnte dieser mit den Kontodaten nun der relevanteste sein. Als ich nicht reagiere, bricht ein emotionaler Orkan auf meinem Handy aus. Sie bezichtigt mich, ich würde ihr unterstellen, sie wäre ein sogenannter Scam, eine Betrügerin, eine Abzocke. Wenn ich das denken würde, solle ich ihr doch nicht 15 Dollar für die Telefonkarte überweisen, sondern gleich 1.000. Am nächsten Tag fragt sie mich wieder, wie mein Mittagessen war. So ging das ein paar Tage, bis ich das Experiment beendete. Ohne Überweisung.

Die Masche ist nicht neu und nennt sich Love- oder Romance-Scam, eine Abzocke mit vorgetäuschten Liebesgefühlen und Versprechungen. Dieses Phänomen wird bei der Oberpfälzer Polizei derzeit häufiger gemeldet, wie sie in einer Pressemitteilung berichtet. Die Masche beginnt harmlos und schlägt sehr schnell um in emotionale Bindungen, es fallen die Begriffe Partner, Ehemann oder Ehefrau und auch die passiv-aggressive Methode zwischen Zuckerbrot und Peitsche sorgt für die emotionale Bindung - Hauptsache starke Gefühle. Ist das Opfer soweit, geschehen unvorhergesehene Schwierigkeiten bei dem Versuch, seine Liebsten zu besuchen. Die emotionale Bindung soll dazu führen, Geld zu überweisen. Weiteres Nachdenken wäre moralisch verwerflich, die Opfer werden emotional unter Druck gesetzt. Wie die Polizei mitteilt, ist der Schaden immens, Summen werden gedankenlos im fünfstelligen Bereich überwiesen.

Was Betroffene prüfen sollten

Die Oberpfälzer Polizei gibt Ratschläge:

• Der Chatname oder die Kontaktadresse des Täters überprüfen: Sonderzeichen können auf eine Schadsoftware hinweisen. Vielleicht gibt es bereits Suchmaschineneinträge von anderen Geschädigten.

• Jedes Bild lügt.

• Die Motive, die in den Chats auftauchen, verraten den Täter, wenn es auf einmal um Geschäftsreisen geht, Familienprobleme, Westafrika, Russland oder Südostasien auftauchen.

• Misstrauen ist keine Unhöflichkeit. Kein Geld überweisen, beim ersten Verdacht Bilder, Chats und Mails sichern.

• Auch Angehörige und Freunde spielen bei dieser Betrugsmasche eine wichtige Rolle. Wenn ein Gesprächspartner von einer neuen Internet-Liebe spricht und viel Zeit in Chats verbringt, muss das für sich genommen in heutiger Zeit noch kein Betrug darstellen. Sobald allerdings Geld ins Spiel kommt oder derjenige sogar selbst um Geld bittet, dürften die Alarmglocken läuten. Hier hilft detailliertes Nachfragen, wofür und für wen das Geld benötigt wird. Zusammen mit dem Betroffenen sollte die Polizei kontaktiert werden.

• Auch Bankmitarbeiter können mit dem Phänomen vertraut sein. Wenn Kunden Überweisungen beantragen, die nahezu das komplette Vermögen betreffen, ist Vorsicht geboten. Meist will der Kunde das Geld umgehend, möglicherweise sogar als Sofort-Kredit, der Verwendungszweck ist unklar oder wird bewusst verschleiert. Auch hier kann der Mitarbeiter einen persönlichen Kontakt herstellen, den Kunden aufklären, dass es diese Betrugsmasche gibt und welche sicheren Bezahlmethoden es gäbe, sollte der Kunde nicht davon abzuhalten sein. Auch hier bietet sich der Anruf bei der Polizei an.

Fazit: Betrüger sind sehr erfinderisch. Keiner muss sich schämen, einmal darauf hereingefallen zu sein. In jedem Fall ruft die Polizei dazu auf, sich nicht zurückzuziehen, sondern aktiv an Freunde und die Polizei heranzugehen. Die Täter handeln mit Emotionen, sind selbst jedoch skrupellos und gefühlskalt.

Nachdem ich Michelle kein Geld gegeben habe, wollte sie auch keine Emotionen mehr von mir - geschweige denn mich mein Leben lang beschützen. Schade. Dabei war sie so hübsch ...

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