Ribbeck Fontane und die Folgen

Auch schön, aber kein Birnbaum: Eine Zierkirsche setzt vor dem neobarocken Schloss, dem Ende des 19. Jahrhunderts gebauten Herrenhaus der von Ribbecks, farbliche Akzente. Foto: Ulli Traub

Anlässlich des 200. Geburtstags des Dichters Theodor Fontane: ein Besuch in Ribbeck

Der legendäre Birnbaum existiert nicht mehr. Er fiel einem Sturm zum Opfer. Nur der verbliebene Stumpf erinnert noch an ihn. Als Zeichen seiner besonderen Bedeutung hat man ihm ein Eckchen in der Kirche dieses kleinen Ortes gewidmet. Zu Recht darf man sagen, ist der Birnbaum doch in die Literaturgeschichte eingegangen.

Vor 130 Jahren dichtete Theodor Fontane seine Verse über einen spendablen Gutsbesitzer: "Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland. Ein Birnbaum in seinem Garten stand". Dessen Früchte verschenkte der Herr stets an die Kinder, so liest man. Nach seinem Tod fürchteten sie, nun leer auszugehen, da der Sohn geizig war. Aber Ribbeck hatte vorgesorgt und sich eine Birne ins Grab legen lassen. Ein paar Jahre später "wölbte sich ein Birnbaum über dem Grab". "Und kommt ein Jung übern Kirchhof her, so flüstert's im Baume: "Wiste 'ne Beer?".

Die Ribbecks existieren tatsächlich bis heute

Fontane, der in diesem Jahr seinen 200. Geburtstag feiert, hatte eine Erzählung, die im 18. Jahrhundert angesiedelt war, verarbeitet. Ort und Familie existierten tatsächlich - bis heute. Ribbeck liegt rund 30 Kilometer westlich von Berlin-Spandau. Im Dorf haben sich nach der Wende wieder Nachfahren des alten Rittergeschlechts derer von Ribbeck angesiedelt. Und Birnbäume, die gibt es dort nun in Hülle und Fülle. Auch wenn keine Stimmen mehr aus den Bäumen zu vernehmen sind.

Vor der kleinen Kirche auf dem Dorfanger steht am historischen Platz ein Nachfolger des literaturgewordenen Baumes. In der Gunst der Besucher belegt er jedoch nur den zweiten Platz. Ein paar Schritte entfernt zieht das ehemalige Herrenhaus der Ribbecks, das hier alle Schloss nennen, die Blicke auf sich. Fontane, so er denn überhaupt in dem Örtchen im Havelland gewesen sein sollte, kann der neobarocke Prachtbau nicht als Vorlage für sein "Doppeldachhaus" aus dem Gedicht gedient haben. Der einstige Familiensitz wurde erst 1893 fertiggestellt.

Heute wird das vor zehn Jahren restaurierte Schloss multifunktional genutzt. Hier finden Ausstellungen und Konzerte statt. Am 1. Mai wird ein neues Fontane-Museum eröffnet. Im Eingang erwartet die Besucher schon lange eine Büste des Dichters. Ein Restaurant rundet das Angebot ab. Im Park sind mittlerweile 16 junge Birnbäume zuhause, Schenkungen aus allen Bundesländern. Thüringen hat übrigens eine "Nordhäuser Winterforelle" beigesteuert. Wohlgemerkt eine Birnensorte.

Die Vergangenheit des Birnen-Dorfs Ribbeck

Auch am Birnen-Dorf Ribbeck ist die deutsche Geschichte nicht spurlos vorübergegangen. 1943 wurde das Schloss beschlagnahmt, der letzte Gutsherr, ein Hitler-Gegner, wurde 1945 im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet. Ein Erinnerungsstein für Hans von Ribbeck befindet sich auf dem kleinen Familienfriedhof, der ganz ohne Birnbaum auskommt. Aus der DDR wurden die Ribbecks, deren Wurzeln sich bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgen lassen, wie alle Gutsfamilien ausgewiesen. Und nach der Wende fehlten schriftliche Unterlagen über die Enteignung. So musste die Familie auf ihr Herrenhaus verzichten, wurde aber finanziell entschädigt. Da private Investoren nicht zugreifen wollten, wurde das marode Haus vom Landkreis, der es bis heute führt, saniert.

Trotz des traurigen Zustands, in dem sich sein Geburtsort nach dem Mauerfall präsentierte, wollte Friedrich-Carl von Ribbeck zurück. Vor 20 Jahren kaufte der Enkel Hans von Ribbecks den alten Kutschpferdestall sowie die ungenutzte Brennerei und kehrte dem Westen den Rücken. In der "Alten Brennerei" werden seitdem Brände, Liköre und vor allem die samtig-säuerlichen Essige produziert. Eine Hauptrolle spielt dabei, wen wundert's, die Birne.

Auch andere historische Gebäude sind wiederbelebt, etwa die "Alte Schule". Man kann sie nicht verfehlen, trotzdem sei die Adresse verraten: Am Birnbaum 3. Im ehemaligen Wohnzimmer des Lehrers liegen statt Speisenkarten Schulhefte mit der Aufschrift "Schulspeisung". Nebenan lädt das komplett eingerichtete Klassenzimmer zur Zeitreise. Das "Alte Waschhaus" der Familie Ribbeck empfängt seine Gäste heute in Café und Hofladen. Mehrere Varianten selbst gebackener Birnentorten gehören zum Standardangebot, Birnen-Menüs oder ein Birnenfrühstück werden dagegen nur nach Voranmeldung serviert.

Havelland-Weg: ohne Ampeln, ohne Autos

Theodor Fontane meinte, "die Landschaft aber, die diese Dörfer umgibt, bietet wenig Besonderes dar". Da wird ihm der heutige Radfahrer, der auf dem Havelland-Weg etwa von Nauen nach Ribbeck fährt - ohne Ampeln und Autos - wohl widersprechen. Die stille Landschaft ist wie geschaffen zum Durchatmen.

So gesehen haben die letzten Verse der Fontane-Ballade für die Bewohner und die Besucher des Dorfes Ribbeck noch etwas von ihrer Gültigkeit behalten: "So spendet Segen noch immer die Hand, des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland."

Weitere Informationen:

Unterkunftstipp: Landgut Stober, ein Bio-Hotel, das 18 Kilometer von Ribbeck entfernt liegt (www.landgut-stober.de)

Mehr zu Ribbeck unter: www.havelland-tourismus.de, www.schlossribbeck.de, www.alteschule-ribbeck.de, www.waschhaus-ribbeck.de, www.vonribbeck.de

 

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