Regensburger Lehrerin im Interview Verena Brunschweiger: "Herzlos" oder Weltretterin?

Verena Brunschweiger hat mit ihrer Haltung zu einem bewussten Leben ohne Kinder - etwa aus ökologischen Gründen - eine heftige Debatte entfacht. Foto: Juliane Zitzlsperger/Büchner-Verlag/dpa

Mit ihrem Buch „Kinderfrei statt kinderlos“ hat Verena Brunschweiger im März eine kontroverse Debatte entfacht. Ihre bewusste Entscheidung für ein Leben ohne Kinder wurde von vielen kritisiert, im Netz wurde die 39-Jährige unter anderem als „Herzlos-Lehrerin“ (Bild-Zeitung) oder „Gebärstreik-Verena“ (Focus) bezeichnet. Im Interview mit idowa verrät die Lehrerin aus Regensburg, warum sie solche Schlagzeilen kalt lassen, was sie von der „Fridays For Future“-Bewegung hält und erzählt, wie sie wegen ihres Buches ins Ministerium zitiert wurde.

Frau Brunschweiger, es ist etwa ein halbes Jahr her, seit Sie Ihr Buch „Kinderfrei statt kinderlos“ veröffentlicht haben. In dieser Zeit haben Sie wahrscheinlich eine ganze Menge Reaktionen bekommen…

Verena Brunschweiger: In der Tat. (lacht)

Wie waren die ersten Tage nach der Veröffentlichung?

Brunschweiger: Es war erstaunlich viel los, auch medial. Teilweise habe ich im Halbstunden-Takt Telefoninterviews gegeben. Das war schon anstrengend, aber zum Glück waren da gerade Faschingsferien. Insofern ging es noch. Aber es war überraschend viel Andrang, womit ich gar nicht gerechnet hatte.

Ihnen war sicher klar, dass Ihr Buch Reaktionen auslösen würde. Aber haben Sie mit einer solchen Kontroverse gerechnet?

Brunschweiger: Überhaupt nicht. Das hat mich negativ überrascht. Besonders die Reaktionen aus der Heimat. Ich bin selber in Niederbayern geboren und aufgewachsen und ich habe manchmal wirklich das Gefühl, hier hängt alles 20 Jahre hinterher. Die Leute hatten von dem, was ich geschrieben habe, noch nie gehört. Dabei habe ich im Grunde nur aus dem „Guardian“ zitiert. Aber die Menschen hier schauen wohl wirklich keinerlei fremdsprachige Zeitungen an.

Hierzulande wurden Sie von der „Bild“-Zeitung als „Herzlos-Lehrerin“ betitelt. Was ist das für ein Gefühl?

Brunschweiger: Das juckt mich überhaupt nicht, weil ja das Gegenteil der Fall ist. Insofern ist mir das völlig wumpe. Als Antinatalist hat man die Vermeidung von Leid als Ziel. Ich möchte den Planeten retten – auch für die Schüler, die schon da sind. Insofern habe ich sogar ein großes Herz.

Viele Ihrer Kritiker sehen das als Widerspruch. Sie sind gegen Kinder, leben aber als Lehrerin selbst von ihnen – so wurde oft argumentiert.

Brunschweiger: Das ist das große Missverständnis. Das sind die Deppen, die nicht begreifen, dass es mir nicht um diejenigen geht, die schon da sind. Wir können ja nicht einfach hingehen und Menschen erschießen, also müssen wir eben an der „Neuproduktion“ sparen. Das Buch ist auch entstanden wegen der affigen Fragen, die ich mir oft anhören musste. „Wann ist es denn bei dir so weit?“ und so weiter. Das hat mich einfach genervt. Nur weil ich Eierstöcke besitze, muss ich die ja auch nicht zwangsweise benutzen. Das war den meisten aber irgendwie nicht klar.

Lesen Sie hier unseren ursprünglichen Artikel zu Verena Brunschweigers Buch: Debatte um Buch: Lieber kinderfrei als "Mama Zombie"?

Sie argumentieren vor allem, dass mehr Menschen auch mehr Belastungen für das Klima bedeuten. Doch was können wir überhaupt tun, um dem entgegenzusteuern? Wie Sie sagen, wir können ja kaum hingehen und Menschen erschießen…

Brunschweiger: Das Wichtigste ist Aufklärung. Es wäre schon einmal gut, wenn die Medien bei ihrer Berichterstattung zum Klimaschutz nicht immer das Wichtigste weglassen würden. „Weniger Fliegen, weniger Fleisch essen“, das wird gebetsmühlenartig wiederholt und ist auch richtig. Aber der mit Abstand größte individuelle Beitrag, den jeder leisten kann, nämlich keine Kinder zu kriegen, wird eben totgeschwiegen. Das wollte ich unbedingt ändern. Man muss die Leute zumindest informieren, damit sie dann eine reflektierte Entscheidung treffen können.

Sind Kinder und ein umweltbewusstes Leben in Ihren Augen unvereinbar?

Brunschweiger: Das kommt auch auf die Zahl an. Ich persönliche fände eine globale Ein-Kind-Politik auf freiwilliger Basis gut. Mir ist klar, dass das nicht klappen wird, aber ich kann es ja zumindest betonen. Wenn ich mir Familien mit sechs Kindern anschaue – das ist nicht besonders ökologisch. Wobei man auch hier unterscheiden muss. Besonders schrecklich finde ich es immer, wenn Menschen – bevorzugt AfD-Anhänger - auf das Bevölkerungswachstum in Afrika verweisen. Gemäß dem Motto „Sollen die doch mal anfangen und nicht wir.“ Da dreht sich mir immer alles um. Diese ökologischen Fußabdrücke lassen sich überhaupt nicht vergleichen. Ein Mensch in Deutschland verbraucht im Schnitt pro Jahr so viel wie 90 Menschen im Tschad. Das sind völlig andere Dimensionen.

Wie stehen Sie denn zur „Fridays For Future“-Bewegung, die seit Monaten für mehr Klimaschutz auf die Straße geht?

Brunschweiger: Dazu könnte ich Ihnen sicher eine halbe Stunde lang einen Vortrag halten. (lacht) In aller Kürze: Sie haben einige gute Punkte, aber auch hier fehlt der wichtigste Beitrag. Sie agieren pronatalistisch. Zu diesem Thema habe ich zusammen mit Clemens Heni (Politikwissenschaftler und Direktor des Berlin International Center for the Study of Antisemitism, Anm. d. Red.) auch einen ausführlichen Artikel geschrieben, der sich im Netz nachlesen lässt.

Sie fordern in Ihrem Buch auch, dass „kinderfreie Frauen von ihrem schlechten Ruf befreit werden“ sollen. Das klingt, als hätten Sie selbst schlechte Erfahrungen gemacht…

Brunschweiger: Ja, massiv. Das sind quasi die „Klassiker“, die man als Frau so hingeklatscht bekommt, gerade bei uns im rückständigen Bayern. „So eine egoistische Kuh, die will nur das ganze Geld für sich“ - das sind so die Klischees. Es gab aber auch handfeste Diskriminierungen. Wie etwa, sehr lange nicht versetzt zu werden oder nicht unterhälftige Teilzeit arbeiten zu dürfen, bloß weil man keine Mutter ist. Wir haben 2019, das ist einfach nicht mehr zeitgemäß und auch unverschämt beziehungsweise ungerecht.

Wie fielen denn die Reaktionen an Ihrer Schule aus? Wurden Sie von Lehrern oder Schülern auf Ihr Buch angesprochen?

Brunschweiger: Durchaus. Ich hatte Gespräche mit mehreren Kollegen und auch mit Schülern und deren Eltern. Und einmal bin ich wegen des Buchs auch ins Ministerium bestellt worden. Da muss ich ganz ehrlich sagen, das fand ich nicht in Ordnung. Deswegen bin ich momentan auch ein Jahr ohne Bezüge beurlaubt. Freiwillig. Ich habe mir gedacht: „So, jetzt könnt Ihr euer Zeug erstmal ohne mich auf die Reihe kriegen“. Denn so geht man nicht mit Mitarbeitern um. Eine Strafe, weil man ein Buch schreibt – da kommt man sich vor wie in Nordkorea oder Saudi-Arabien. Ich habe das Gefühl, ich soll 50 Peitschenhiebe bekommen, weil ich die Welt retten will. Das kann es ja wohl nicht sein.

Haben Sie vor, in Zukunft wieder zu unterrichten? Oder hat sich das damit erledigt?

Brunschweiger: Ich habe bis Frühling Zeit, mich zu entscheiden und könnte mich dann im Zweifelsfall auch noch länger beurlauben lassen. Aber ich brauche natürlich auch Geld zum Leben und es ist nach wie vor der Beruf, den ich gelernt habe und auch gerne mache. Ich war elf Jahre lang glücklich mit meinem Job – warum soll ich den also nicht wieder ausüben?

Letzte Frage: Haben Sie irgendwann einmal bereut, Ihr Buch geschrieben zu haben?

Brunschweiger: Keine Sekunde.

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