Regensburger Einkaufszentrum Das sagt ein Experte zum Hygiene-Konzept der "Arcaden"

Ebenso wie andere Einkaufszentren in Deutschland haben auch die "Arcaden" in Regensburg unter Auflagen wieder geöffnet. Ob das Coronavirus-Schutzkonzept des Centers Sinn ergibt, haben wir einen Regensburger Infektiologen gefragt. Foto: Armin Weigel/dpa/Universitätsklinikum Regensburg, Collage: idowa

Seit einer Woche dürfen große Einkaufszentren wieder geöffnet haben, nachdem sie zuvor wochenlang wegen des zu hohen COVID-19-Infektionsrisikos geschlossen waren. Auch die "Regensburg Arcaden" am Hauptbahnhof sind wieder offen, mussten dafür aber zahlreiche Hygiene-Maßnahmen umsetzen. idowa hat nachgefragt: Wie sieht das Konzept aus?

Fast alle Einzelhändler und viele Gastronomen in Deutschland haben nach längerem Coronavirus-Shutdown wieder geöffnet, doch das gewohnte Leben kehrt nur langsam wieder in die Innenstädte zurück. "Die Kunden sind beim Einkaufen in diesen Tagen eher zurückhaltend unterwegs", sagt der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE), Stefan Genth, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. "Der Einkaufsbummel mit Spontankäufen hat Seltenheitswert." Die Zurückhaltung der Verbraucher ist für ihn nicht verwunderlich. "Eine Ursache dafür sind sicherlich die Rahmenbedingungen mit Abstands- und Hygieneregeln, die ein entspanntes Shopping-Erlebnis erschweren", sagt der Branchenkenner. 

Wie sind diese Maßnahmen zur Minimierung der Coronavirus-Infektionsgefahr zu bewerten? Lassen sie sich in der Praxis umsetzen oder lesen sie sich nur auf dem Papier gut? idowa hat Dr. med. Thomas Holzmann das Hygiene-Konzept der "Regensburg Arcaden" gezeigt, das der "Donau Post" vorliegt, und ihn gebeten, die Maßnahmen zu bewerten. Holzmann ist Stellvertretender Leiter der Abteilung für Krankenhaushygiene und Infektiologie am Universitätsklinikum Regensburg (UKR) und damit Experte für den Zusammenhang zwischen Hygienemaßnahmen und Infektionsrisiken.

Einheitliche Markierungen "gut und sinnvoll"

Laut Hygienekonzept unterstützen die "Regensburg Arcaden" ihre Mietpartner bei der Erstellung von Kundenleitsystemen und erarbeiten Anstehmaßnahmen vor den Shops, beispielsweise durch Markierungen am Boden. Außerdem wurden Schilder und Bodenbeklebungen angebracht, die zur Wahrung des Abstands in der Ladenstraße aufrufen. Begrenzungen für die Anzahl an Personen, die gleichzeitig einen Aufzug benutzen können, sind ausgeschildert. Dr. Holzmann hält diese Maßnahmen für sehr sinnvoll. "Es ist gut, hier eine möglichst einheitliche Lösung für die ganze Mall zu finden", sagt er, "sonst werden die Kunden nur verwirrt." 

Eine weitere Schutzmaßnahme sind Durchsagen im Center mit Hinweisen zur Einhaltung von Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen. Wie ein Besuch der Donau-Post ergab, ist bei allen Arcaden-Läden am Eingang eine Desinfektionsstation vorbereitet und die Kunden sind angehalten, sich die Hände vor und nach Betreten zu desinfizieren. Dies ist nach Einschätzung des Regensbuger Infektiologen "als 'Muss' ziemlich schwer umzusetzen, aber auch auf freiwilliger Basis sollte das gut funktionieren." Desinfektion vor dem Betreten bedeute hier einen Schutz der Anderen, Desinfektion beim Verlassen sei Selbstschutz. 

Häufig angefasste Bereiche wie die Handläufe der Rolltreppen, Türgriffe und Aufzugtasten werden ferner laut Hygienekonzept häufig desinfiziert und auch für die Center-Mitarbeiter gibt es Hygienehinweise auf den Mitarbeitertoiletten sowie in den Sozialräumen. Alle Mieter installieren Plexiglaswände als Spuckschutz oder haben dies bereits getan, außerdem ist das Tragen von Mund-Nasen-Schutz im ganzen Einkaufszentrum vorgeschrieben. Laut Thomas Holzmann entspricht dies genau den Vorgaben des Gesundheitsministeriums im Rahmen der "Vierten Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung" und ist auch relativ einfach umzusetzen.

Verringerte Aufenthaltsqualität 

Mehr Probleme sieht der UKR-Mediziner bei jenen Maßnahmen, die ein bewusstes Zurückfahren der Aufenthaltsqualität im Center bedeuten, um Kunden vom unnötig langen Verweilen abzuhalten. So haben die Arcaden beispielsweise ihre Sitzmöglichkeiten auf ein Minimum reduziert und das Gäste-W-Lan dauerhaft ausgeschaltet. Außerdem sollen größere Menschengruppen gar nicht erst ins Innere gelassen werden. "Das sind sicher die Punkte, die am schwierigsten umzusetzen sind", sagt Dr. Holzmann. Zwar könne man die Aufenthaltsqualität verringern – ob dies allerdings wirklich am Verweilen im Center hindere, bleibe abzuwarten. "Tatsächlich wird das Centermanagement wohl irgendwie die Personenzahl auf den Freiflächen überwachen müssen und dann festlegen, ab wann man den Zugang beschränkt."

Im Hygienekonzept spricht die Arcaden-Geschäftsleistung tatsächlich von einem "Frequenz-Tracking-System", das einen Überblick über die im Center befindlichen Kunden ermöglichen soll. Center Manager Mirko Fröhlich erklärt idowa gegenüber, was das bedeutet: "Sensoren messen an jedem Eingang, auch an denen, die von den Parkplätzen ins Center führen, die Personen, die das Center betreten und verlassen." Dadurch habe man stets einen Überblick darüber, wie viele Personen insgesamt im Center sind, könne zur Not gegensteuern und phasenweise den Zutritt zum Center anpassen.

Laut Arcaden-Geschäftsleitung werden Sicherheitsmitarbeiter zudem fortlaufend gebrieft und sind dazu angehalten, Besucher bei Nichteinhaltung von Hygiene- und Abstandsregeln auf diese hinzuweisen. Außerdem werden die Kundenleitsysteme vor den Shops regelmäßig kontrolliert. "Das klingt zwar martialisch", meint Dr. Holzmann dazu, "aber ohne Kontrollen ist ein Hygienekonzept wie das hier beschriebene nicht umsetzbar." Das sei besonders wichtig, da Experten momentan "eine zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber COVID-19" bemerkten, fügt er an.

Mindestabstand ja, "Einbahnstraßen" nein

Bodenmarkierungen an den Kassen mancher Läden, die den Mindestabstand visualisieren, hält der Regensburger Arzt ebenfalls für sinnvoll, genau wie die oft praktizierte Trennung von Ein- und Ausgängen. Weniger begeistert ist er von der Maßnahme, Kunden in Geschäften einen "Rundweg" vorzugeben: "Das lässt sich sicher nur begrenzt umsetzen und ist auch nur begrenzt sinnvoll." Dass es laut Recherche vor Ort im Arcaden-Mittelgang keine "Einbahnstraßen-Regelung" gibt, fällt für den UKR-Experten auch nicht ins Gewicht. "So eine Regelung ist nicht erforderlich und auch nicht zielführend", sagt er. "Alle tragen Masken, somit ist auch ein kurzes Unterschreiten der 1,5 Meter beim Vorbeigehen völlig unkritisch."

Wenn das Regensburger Einkaufszentrum in naher Zukunft wieder stärker besucht sein sollte, beispielsweise an Samstagen, ist für Thomas Holzmann "die größte Herausforderung, wie man die Leute sinnvoll verteilt", um Menschenaufläufe zu vermeiden. "Der Abstand ist nicht das Problem, da ja eigentlich alle maskiert sein sollten", betont er. Sehr wohl problematisch seien aber längere Kontakte mit zu geringem Abstand und Ansammlungen von Gruppen. 

Betreiber in der Pflicht

Die Entscheidung, überhaupt wieder so viele Menschen in geschlossene Räume zu lassen, bezeichnet der UKR-Infektiologe trotz aller Maßnahmen als "Gratwanderung". Anders als in der Altstadt sei die "Pufferfläche" in Einkaufszentren nicht besonders groß und auch nicht beliebig erweiterbar. "Da sehe ich tatsächlich die Mall-Betreiber in der Pflicht, diese Menschenmassen außerhalb der Geschäfte sinnvoll zu steuern", sagt er. "Wenn das nicht gelingt, erhöht sich auch das Infektionsrisiko für den Einzelnen."

 

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