Regensburg Umgang mit Schuld: Domspatzen behaupten sich trotz Skandal im Bistum

Die Domspatzenstraße in Etterzhausen. In dem Ort war bis 1980 die Domspatzen-Vorschule untergebracht, das Gebäude wurde mittlerweile abgerissen. In der Vorschule der weltberühmten Regensburger Domspatzen haben der langjährige Direktor und mehrere andere Lehrer über Jahrzehnte Kinder misshandelt.  Foto: Armin Weigel/dpa - Archiv
Die Domspatzenstraße in Etterzhausen. In dem Ort war bis 1980 die Domspatzen-Vorschule untergebracht, das Gebäude wurde mittlerweile abgerissen. In der Vorschule der weltberühmten Regensburger Domspatzen haben der langjährige Direktor und mehrere andere Lehrer über Jahrzehnte Kinder misshandelt. Foto: Armin Weigel/dpa - Archiv

in Ex-Domspatz mit hohen journalistischen Weihen sagte es Donnerstagabend im Regensburger Presse-Club wie im Spaß: „Am besten wäre es, die Domspatzen träten aus der Kirche aus...!“

Der Regensburger Weltklasse-Chor mit über 1000-jähriger Tradition behauptet seinen Anspruch als Talentschmiede trotz heftiger Imagebeschädigung. In den 60er und 70er Jahren war es unter anderem im Etterzhausener Internat der Domspatzen wiederholt zu unbegründet harten körperlichen Züchtigungen gekommen, nicht wenige Übergriffe waren auch pädophiler Natur. Spätere Klagen von Ex-Zöglingen, die im besonderen Vertrauens- und Schutzbereich der katholischen Institution zu Opfern geworden waren, wurden erst mit Ignoranz, dann mit Arroganz quittiert.

Das machte erfahrenes Leid größer. Doch weder individuelle Schande noch institutionelles „Organversagen“ ließen sich aussitzen. Seit sechs Jahren wird die - strafrechtlich inzwischen verjährte – Delinquenz der Täter öffentlich aufgearbeitet. Heute ist Tag der offenen Tür bei den Regensburger Domspatzen, die musische Kaderschmiede muss für sich werben, denn die Zahl der Anmeldungen hat sich halbiert. Den veränderten gesellschaftlichen und pädagogischen Anforderungen in der säkularen Gegenwart begegnet man baulich und fachlich, wie Chormanager Christof Hartmann im von Gerhard Schiechel (BR) moderierten Podium berichtet.

Ob künftig auch Mädchen aufgenommen, lässt Hartmann offen. Angesichts einer Gruppe von Domspatzenabsolventen, die als frühere Opfer jetzt im Beratungskreis des Aufarbeitungsgremiums sitzen und die Diskussion im Presse-Club mit zum Teil sehr emotionalen Beiträgen bereichern, räumt Hartmann ein: „Hätten wir eher mit der Aufarbeitung begonnen, könnten wir jetzt ganz anders mit unserer Biografie umgehen und einer positiven Zukunft der Domspatzen viel energischer entgegensteuern.“

Dass es die Kirche mit der Macht ihrer Gremien war, die noch von „Einzeltätern“ sprach, als schon offenkundig war, dass „die Unkultur des gnadenlosen Prügelns“ Methode hatte, sagen die Journalisten im Podium und die Ex-Domspatzen im Publikum übereinstimmend.

Ludwig Faust (Werbejournalist) und Dr. Rudolf Neumaier (SZ) betonen klar: Es wurde geprügelt, und die Domspatzenleitung hat das gewusst. Auch dem inzwischen 91-jährigen Domkapellmeister a.D. Georg Ratzinger saß die Hand damals mehr als locker, wie er schon früher öffentlich einräumte, diese Entgleisungen aber anhand der „früher üblichen Disziplinierungspraxis“ relativierte.

Sowohl die Ex-Domspatzen im Publikum als auch die Diskutanten im Podium gingen davon aus, dass sowohl Ratzinger als auch die Bistumsleitung den wahren Umfang der Übergriffe sehr früh kannten und trotzdem Opfer, die öffentlich von der katholischen Kirche Aufklärung, Schuldeingeständnis und Genugtuung forderten, als „Lügner“ mundtot zu machen versuchten.

Diesen Mangel an Zivilcourage betonten Faust und Dr. Rudolf Neumaier (SZ) mehrmals im Laufe der Veranstaltung. - Das Bistum hatte trotz Einladung keinen offiziellen Vertreter in den Presse-Club geschickt, was etliche Besucher deutlich monierten. Chormanager Hartmann verwies auf die Funktion des vom Bistum beauftragten „Sonderermittlers“ Ulrich Weber (Rechtsanwalt), dessen mit regelmäßig publizierten Zwischenberichten dokumentierte Arbeit nun für Transparenz sorge.

Vom Bistum hieß es, man wolle die Arbeit Webers, für die man dankbar sei, weder kommentieren, noch durch Statements stören. Die Domspatzen selbst haben sich informationspolitisch von der Kirche weitgehend abgekoppelt und gestalten ihre Öffentlichkeitsarbeit - mit vollem Bekenntnis zu ihrer Begeisterung für Musik als liturgisches Element – auch wieder selber.

 

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