Regensburg Singer-Songwriterin Luisa Funkenstein macht mit zwei Seelen Musik

Die Musik von Luisa Funkenstein erinnert an „Florence + the Machine“: Eine kraftvolle Frauenstimme trifft auf gefühlvolle Klavierklänge. Foto: Alex Urban

Wenn Singer-Songwriterin Luisa Funkenstein auf der Bühne steht, wirkt sie unnahbar und selbstbewusst. Im Inneren ist die Regensburgerin aber unsicher mit ihrer Musik, zerbrechlich und zurückhaltend. Beides spiegelt sich in ihren Liedern wider.

Dienstagnachmittag, die typische Interviewsituation. Ich treffe mich Anfang März mit der Regensburger Singer-Songwriterin Luisa Funkenstein, die bürgerlich Luisa Schuster heißt. In einem Café in der Regensburger Innenstadt unterhalten wir uns bei Ingwer-Tee und Cappuccino über ihre Musik. Dabei macht die Musikerin, die vor Kurzem 30 geworden ist, gleich zu Beginn ein Geständnis: „Ich finde Zeitungsartikel über Newcomer eigentlich langweilig. Alle erzählen immer das Gleiche.“

Das sei aber nicht schlimm, findet sie. Sich selbst schätze Luisa auch als langweilig ein. „Meistens wird gefragt, warum man Musik macht. Dann erzähle ich, dass ich mich ans Klavier setze, um Dinge zu verarbeiten. Aber so geht es doch jedem, der Musik macht, oder?“, sagt sie und lächelt.

Ein jüdischer Künstlername

Unser Gespräch verläuft deshalb anders. Kein typisches Interview. Wir überlegen gemeinsam, was die Sängerin von anderen Singer-Songwritern abhebt. Sie habe sich da auch mal professionell beraten lassen. „Spannend ist anscheinend der Hintergrund meines Künstlernamens Luisa Funkenstein“, sagt die 30-Jährige. Der ist ein Andenken an ihren Urgroßvater, der im Holocaust umgekommen ist. Sein Sohn, Luisas Großvater, war ein uneheliches Kind und hieß deshalb nicht Funkenstein, sondern Schuster. „Als Halbjude hat er den Holocaust überlebt. Wäre die Liebesgeschichte, aus der er hervorgegangen ist, nicht in die Brüche gegangen, wären wir alle heute nicht hier“, erklärt Luisa. Dass aus etwas Negativem, dem Ende einer Beziehung, etwas Positives hervorgeht – diesen Gedanken fand die Sängerin so schön, dass sie ihn auch mit ihrem Musikprojekt transportieren wollte.

Seit etwa fünf Jahren steht Luisa nun schon mit dem Familiennamen ihres Urgroßvaters regelmäßig auf der Bühne. Ihre Musik erinnert an „Florence + the Machine“: Eine kraftvolle Frauenstimme trifft auf gefühlvolle Klavierklänge. Hinter Luisa Funkenstein steckt aber nicht nur Luisa als Solokünstlerin. Es gibt die Sängerin auch mit Band. Dann kommen rockige Gitarrenriffs hinzu, die manchmal ein bisschen in Richtung Metal gehen können, denn: „Meine Bandkollegen spielen oder haben vorher in Rock- und Metalbands gespielt“, erzählt die 30-Jährige.


Lieder geschrieben hat Luisa schon lange vor dem Musikprojekt. „Allerdings hatte ich immer Angst, jemandem meine Musik zu zeigen, und auch heute geht es mir oft noch so“, verrät sie. Gerade die Suche nach Bandmitgliedern falle ihr schwer. Erst kürzlich verließ ihr Bruder die Band und sie suchte nach einem neuen Schlagzeuger. „Die Frage, ob jemand in meiner Band mitmachen will, klingt für mich aber immer so lächerlich“, sagt sie. Das liege daran, dass sie selbst nicht so überzeugt von ihrer Musik sei. „Ich stelle da hohe Ansprüche an mich selbst und die wachsen, je mehr Erfahrung ich als Luisa Funkenstein sammle“, erklärt sie. Diese Selbstzweifel finden sich auch in den Liedern der Singer-Songwriterin wieder. Sie drehen sich um Themen wie zerbrochene Liebesbeziehungen oder Selbstliebe.

Auf einem Songslam, bei dem ich Luisa live erlebt habe, merke ich von der Unsicherheit nichts. „Ich habe gelernt, professionell damit umzugehen“, sagt die 30-Jährige. Geholfen habe ihr dabei auch ihre Arbeit als Lehrerin. Luisa hat Mittelschullehramt studiert und im Referendariat gelernt, wie sie souverän auftritt. „Vor Schülern zu performen, ist viel schwieriger, als vor einem Publikum, das Bock auf das hat, was man macht“, erklärt sie. Ein Stück weit habe ihr das ihre Angst vorm Rampenlicht genommen. Als Lehrerin arbeitet die Sängerin momentan allerdings nicht. „Das war nach dem Referendariat erst mal nichts mehr für mich, weil ich dem Freigeist in mir erst mal wieder mehr Raum geben wollte“, sagt sie.

Eine Zerreißprobe

Luisa nimmt einen Schluck aus ihrer Tasse mit Ingwer-Tee. Plötzlich wird sie still, wirkt in sich gekehrt. Ich schweige auch, gebe ihr Zeit zum Überlegen. Dann macht sie wieder ein Geständnis: „Die vergangenen vier Monate habe ich eigentlich überhaupt keine Musik mehr gemacht.“ Der Grund: ein Zeckenbiss, Borreliose. Anfangs wollte sie das nicht wahrhaben. „Geschwächt bin ich trotzdem noch auf Gigs gefahren und aufgetreten“, erzählt sie. Das wurde ihr mit der Zeit zu viel. „Irgendwann war mein Akku leer, ich konnte nicht mehr.“

Im November zog sie deshalb einen Schlussstrich, sagte Auftritte ab und kehrte der Musik den Rücken zu, um gesund zu werden. „Dass ich mich selbst überfordert habe, hat mir ein Stück weit die Lust an der Musik genommen“, erklärt sie. Die Borreliose, die sie aber mittlerweile überwunden hat, wurde zur Zerreißprobe für ihre Leidenschaft.

Seit Januar tastet sich Luisa wieder an erste Gigs heran. Das tue ihr gut, wie sie merkt. „Nach meinem ersten Auftritt nach der Auszeit hat mein Vater mich gesehen und sofort gesagt, dass ich viel besser aussehe. Da wurde mir klar: Die Musik ist das Richtige für mich“, betont sie. Sie brauche den Stress auch irgendwie.

Zu selbstzentriert, zu unsicher

Dass sie wegen der Corona-Krise erst mal länger nicht auftreten kann, wusste sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. „Mir wurden insgesamt vier Gigs abgesagt. Das ist natürlich ein finanzieller Schaden, weil ich mit der Kohle gerechnet habe. Aber den kann ich verschmerzen“, sagt sie am Telefon, als wir Wochen später während der Ausgangsbeschränkungen noch einmal sprechen. Die Krise zeige ihr auch wieder, dass sie nicht nur Künstlerin sein möchte. „Das ist mir zu selbstzentriert, zu wenig bodenständig und unsicher“, erklärt sie.

Wieder zurück zum Interview im März: Ein Blick auf die Uhr verrät, dass Luisa und ich schon seit knapp zwei Stunden reden. Wir bezahlen, verlassen das Café. Luisa verabschiedet sich.

Zwei Seelen

Langweilig? Nein, langweilig ist Luisa Funkenstein nicht. Sie hat so viel zu erzählen, eine Zerreißprobe bestanden. Sie ist mehr als die unnahbare Singer-Songwriterin, die auf der Bühne über Liebe singt. In ihr – so sagt Luisa selbst – wohnen zwei Seelen: eine leise und zurückhaltend, die andere kraftvoll, laut und ohne Furcht vor Emotionen. Und genau das beschreibt Luisa Funkenstein am besten.

Mehr Infos zu Luisa Funkenstein gibt es auf ihrer Facebook-Seite, ihrer Instagram-Seite und auf ihrer Internetseite.

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