Regensburg/ Lappersdorf So lebt Antonia mit dem Tourette-Syndrom

Antonia in ihrem Garten mit ihrem geliebten Hund Bubi. Er hat eine beruhigende Wirkung auf die 21-Jährige. Wenn sie mit ihm kuschelt oder spielt, sind die Tics deutlich weniger. Foto: Kerstin Bauer

Unkontrollierte Bewegungen und Beleidigungen wie "Schlampe" rufen - das gehört zu Antonia Feistenauers Alltag. Sie hat das Tourette-Syndrom. Uns hat die 21-Jährige erzählt, wie sie mit Gitte - so hat sie ihre Krankheit getauft - zurechtkommt.

Antonia ist beim Shoppen. Eine Gruppe Mädels beginnt, sie nachzuäffen. Am Ende werfen sie sogar einen Schuh nach ihr. Antonia hat das Tourette-Syndrom. Deswegen muss sie solche Szenen oft erleben. Die ersten Tics bekommt die 21-Jährige mit sechs Jahren. Es sind nur leichte Zuckungen im Gesicht, sie klappt die Oberlippe nach oben.

Kleine Tics wie diese haben viele Kinder. Bei den meisten legt es sich nach Kurzem wieder. Antonia versucht damals, ihre Tics zu verstecken. Weil ihr ein Familienmitglied sagt, dafür müsse sie sich schämen. Heute hat sie den Kontakt zu dieser Person abgebrochen. Über die Jahre bekommt Antonia, die in Lappersdorf bei Regensburg wohnt, immer mehr motorische Tics - wie Naserümpfen oder Augenverdrehen. Mit 16 Jahren stößt sie Laute von sich. Sie quietscht oder schnalzt mit der Zunge. Zwei Jahre später ruft sie Wörter wie "Hey" oder "Schlampe". Schimpfwörter oder obszöne Worter zu rufen, gehört nicht zum Tourette-Syndrom. Diese Neigung heißt Koprolalie. Nur um die 30 Prozent der Tourette-Patienten haben auch Koprolalie.

Antonia bekam erst mit 21 Jahren die Diagnose Tourette

Bis Antonia die Diagnose Tourette bekommt, dauert es sehr lange. Eigentlich weiß sie es erst seit ein paar Monaten. Viele Ärzte gaben ihr eine falsche Diagnose. Zwangsstörung hieß es meist. Als sich Antonia mit Menschen mit einer Zwangsstörung unterhält, merkt sie: Ich habe etwas anderes.

Im April diesen Jahres macht Antonia einen Termin in einer Tourette-Ambulanz aus. Solche Ambulanzen gibt es deutschlandweit. Sie fährt mit ihrem Mann Florian zusammen nach München, ist nervös. Hier sagt ihr endlich ein Arzt, was mit ihr los ist: Diagnose Tourette-Syndrom. Antonia ist erleichtert. Weiß endlich, dass sie nichts für ihre Tics kann. Dass sie nicht gestört ist oder "dammisch", wie die Leute oft sagten. Und dass es auch andere Menschen gibt, die dasselbe haben. "Das war ein großer Schritt für mich", sagt sie. Jetzt kann sie lernen, sich selbst zu akzeptieren.

Ihr Ehemann Flo ist Antonia eine große Stütze. Bei ihren ersten Dates versucht Antonia noch, die Tics zu verstecken. Sie geht dann mal eine rauchen, um in Ruhe "auszuticken". Nach ein paar Wochen bemerkt Flo aber, dass sie ein bisschen anders ist. Für ihn überhaupt kein Problem. Er mag Antonia genau so, wie sie ist. Baut sie auf. Seit zwei Jahren sind die beiden jetzt ein Paar. Vor Kurzem haben sie geheiratet. "Er hat einen großen Teil dazu beigetragen, dass ich mich so akzeptieren kann, wie ich bin", sagt Antonia. Er sagt, das Tourette mache sie zu etwas Besonderem.

Wenn Antonia konzentriert ist, werden die Tics weniger

Antonia spürt, wenn ein Tic kommt. Am jeweiligen Körperteil baut sich ein Spannungsgefühl auf. Ungefähr so, als müsse man gleich niesen. Sie kann den Tic hinauszögern, zum Beispiel durch Entspannungstechniken. Das fühle sich dann aber so an, als würde man auf einen laufenden Wasserschlauch treten. Die aufgestauten Tics entladen sich danach umso mehr.

Am Tag des Interviews hat Antonia morgens extra keinen Kaffee getrunken. Koffeinhaltige Getränke verstärken die Tics. Antonia zwickt während des Gesprächs oft die Augen zusammen und rümpft die Nase. Oder sie zieht ruckartig eine Schulter hoch, dreht den Kopf zur Seite und ruft "Hey!".

Wenn sich Antonia auf eine Sache konzentriert, werden die Tics weniger. Das passiert zum Beispiel beim Poledance, eines ihrer Hobbys. Oder wenn sie mit ihrem Freund über Parallel-Universen diskutiert. "Das ist so ein typisches Thema bei uns und da muss man viel denken", sagt sie und lacht.

Tourette provoziert gerne. Das heißt: Situationen, in denen sie eigentlich still sein sollte, regen die Tics an. Wenn sie unterwegs ist, wird die junge Frau oft angestarrt oder sogar nachgeäfft. Vor allem Jugendliche machen sich über sie lustig. Manchmal stellt Antonia sie dann zur Rede. Schon in ihrer Schulzeit wurde sie wegen der Tics viel gemobbt. Sie musste sich über die Jahre ein dickes Fell zulegen. "Viele denken einfach, ich bin psychisch gestört", sagt Antonia. Sie würde sich wünschen, dass sich die Leute einfach bei ihr erkundigen, was sie hat. Sie erklärt es ihnen gerne. Auch gegen Mitlachen hat sie nichts.

Antonia schnalzt mit der Zunge und ruft mit hoher Stimme "Schlampe!". Sie lacht herzhaft und sagt: "Jetzt hat das auch mal ,Hallo' gesagt." Wichtig ist, zu verstehen, dass sich die 21-Jährige die Beleidigungen zuvor nicht überlegt. Sie sprudeln einfach aus ihr heraus. Auch zu ihrem Freund sagt sie öfters "Schlampe". Um sich etwas vom Tourette-Syndrom zu distanzieren, geben ihm viele Patienten einen eigenen Namen. Bei Antonia heißt es "Gitte". Mittlerweile hat sie sich mit Gitte arrangiert .

Antonia arbeitet Teilzeit in der Sanitär-Firma ihres Vaters. Obwohl ihre Eltern getrennt sind, leben alle noch unter einem Dach. Antonias Vater im Erdgeschoss, sie mit ihrem Mann im ersten Stock und ihre Mutter im zweiten. An der Wand in der Küche hängt ein großes Gemälde, eine Landschaft. Antonia hat es selbst gemalt. Tourette-Patienten sind oft kreativ, heißt es. "Da habe ich zu viel Bob Ross angeschaut", sagt sie und lacht laut.

Unter dem Gemälde sind Flecken an der Küchenwand. Antonia hat beim Reiberdatschimachen eine Kartoffel gegen die Wand geschleudert. Auch das kann beim Tourette-Syndrom passieren. Sie nimmt es mit Humor.

Antonia möchte an Schulen Vorträge halten

Viele Freunde hat Antonia nicht. Sie ist meist lieber für sich oder mit ihrem Mann und Hund Bubi. Doch es würde sie freuen, jemanden aus der Nähe mit Tourette-Syndrom kennenzulernen.

Was Antonia klarstellen möchte: Gitte hat keinen Einfluss auf ihre Intelligenz. Denn immer wieder denken Menschen, dass sie wegen ihrer Erkrankung "dumm" sei. Diese Unwissenheit bringt sie immer wieder zum Kopfschütteln. Deswegen hat Antonia beschlossen, bald ein paar Schulen anzuschreiben. Sie will Vorträge vor Klassen halten, um über das Tourette-Syndrom aufzuklären.

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