Regensburg Gut, besser, Polt

Gerhard Polt gehört zu den hintersinnigsten Kabarettisten Deutschlands und war bei seinem Auftritt in Regensburg wie ein absoluter Ausnahmewein. Foto: Gerd Lex

Gerhard Polt und die Well-Brüder verzaubern das Audimax in Regensburg.

Mit dem Alter ist es wie mit einem guten Wein. Je älter, desto besser und intensiver. Bei Gerhard Polt verhält es sich ähnlich. Er ist mittlerweile 76 Jahre alt und hat auf der Bühne immer noch eine Ausstrahlung und eine Präsenz, die ihresgleichen sucht. „Wir haben nicht mehr so viele Auftritte, deshalb haben wir so a Gaudi, wenn mir was mitanand machen“, so der Grand Segnieur des Deutschen Kabaretts. Polt ist ein Phänomen. Er erscheint auf der Bühne und schon zieht er jeden Anwesenden in seinen Bann, obwohl er noch gar nichts gesagt hat. Unnachahmlich, eine Naturbegabung. Keiner kann das so wie er. Das war im Audimax in Regensburg nicht anders. Zusammen mit den Well-Brüdern Michael, Stofferl und Karli bilden sie eine wunderbare Einheit. So schön überzeichnet, scheinbar improvisiert und immer satirisch auf den Punkt gebracht machen sie ihr ganz eigenes Ding.

Tretzel, der „Pate“ von Regensburg als Welturaufführung

Die Zuschauer im ausverkauften Audimax waren verblüfft, wie gut sich die Well-Brüder in der Lokalpolitik Regensburgs auskannten. Dahinter steckt harte, konzentrierte Arbeit. Es ist faszinierend, mit welchem Engagement Polt und die drei Wellbrüder bis kurz vor dem Auftritt mit den „Informanten“ zusammensitzen, um am Text für das Eingangslied zu feilen, das jedes Mal eine Welturaufführung ist, die so nur ein einziges Mal gespielt und gesungen wird.

Eingangs nahmen sie das „Haus der Geschichte“ aufs Korn, die als neue Walhalla von Regensburg das historische Gesicht der Altstadt verschandelt. Hier wird alles ausgestellt, was die CSU historisch zu bieten hat. Angefangen von der Sommer- und Wintertrachtenkollektion von Edmund Stoiber über die original gefälschte Doktorarbeit von Guttenberg und das Weißbierglas von Franz Josef Strauß hält das neue Museum viele geschichtsträchtige Schauobjekte bereit. Einen breiten Rahmen im Eingangslied fand der Politskandal um OB Wolbergs und seine getreuen Helfer, die alle nach der Pfeife des „Paten von Regensburg“, Volker Tretzel, tanzten und jetzt absolut verblüfft sind, dass sie korrupt waren.

Da steckt viel Herzblut drin

„Ich mache seit einiger Zeit die Terminplanung für den Gerhard. Zwischen uns besteht ein absolutes Vertrauensverhältnis. Ich weiß genau, was der Gerhard will und was nicht, da braucht es keine Worte. Wir machen ganz bewusst weniger Auftritte, deshalb ist die Freude auf der Bühne umso größer“, sagt Michael Well. Polt, der zu den hintersinnigsten Kabarettisten Deutschlands gehört, war an diesem Abend wie ein absoluter Ausnahmewein, einfach genial. Man merkte sofort, dass die Wellbrüder und Gerhard Polt einen riesen Spaß zusammen auf der Bühne hatten. Etwa, wenn Polt darüber sinnierte, dass der Mensch ein "Zwischenwirt" ist, "eine Heimat für Parasiten, Viren, Bazillen, Versicherungen, Geschäftsleute, Beerdigungsinstitute, Waffenhändler, Religionen und Fußpilze". Um verschmitzt anzufügen: "Wer ist Wir? Ich jedenfalls nicht! Wir, das sind immer die anderen.“ „Da brauch ich kein Psychologiestudium, um zu erkennen, ob jemand ein Depp ist oder nicht“, bemerkt er lakonisch und auffallend vielen Zuschauern steht das „Aha-Erlebnis“ ins Gesicht geschrieben.

Gerhard Polt ist ein großartiger Menschendarsteller, der es versteht, unheimlich surreal und unheimlich realistisch zugleich zu sein. Nach und nach fing er an seine diversen Charaktere auszupacken. Der Nazi-Opa, der sein Welt- und Menschenbild an den Enkel, der eigentlich „Geofrei“ heißt, weitergibt. „Wer keine Beziehungen hat ist kein Demokrat, sondern höchstens ein „Demograttler“ lautet sein Credo. Die Weltpolitik ist für den Opa dann auch schnell erklärt: „Wer keine Demokratie will, wird vom Ami bombardiert. Die Bombardierten kommen dann zu uns. Des nennt man dann „Bombenerfolg“.

Die AFD ist nichts anderes als ein "Asyl für Deppen", die versucht mit Hetze und Rechtspopulismus die Menschen zu manipulieren. „Entscheidend war und ist, dass man dagegen Haltung zeigt“, stellen Polt und die Wellbrüder kurz und prägnant fest. Ein satirischer Leckerbissen, wenn Gerhard Polt seine grantelnden Rentnerfiguren so prächtig ambivalent zwischen gesundem Menschenverstand und Stammtischphilosophie über die aktuelle Politik philosophieren lässt.

Helikoptereltern und der ganze alltägliche Wahnsinn

Der Humor eines Gerhard Polt ist nie flach. Genial und so nah an der Realität wie er die vermeintlich hochbegabten Wunderkinder der „Helikoptereltern“ zur Zielscheibe einer Realsatire macht. Da seine Texte mitten aus dem Leben gegriffen sind, wirkten seine Protagonisten auch zu keiner Zeit überzeichnet, sie demontierten sich ohne fremde Hilfe. Schräg und doch erschreckend real der indischer Monsignore Prabang, der als Missionar im Freistaat unterwegs ist, um diesen zu rekatholisieren. Einfach phänomenal auch, wie Polt diese unsäglich banalen Sportinterviews anhand der Karriere eines Alkoholsportlers persifliert.

Polt und die Well-Brüder agierten gleichrangig, in Präsenz und Wirkung. „Der Gerhard ist wie ein Bruder zu uns. Ein kleiner Blick genügt und jeder weiß genau, was der Andere denkt. Wir sind nicht immer gleicher Meinung, aber in den Grundpositionen was Politik und Gesellschaft betreffen, denken wir gleich“, sagt der Well Michael. Eine wunderbare Voraussetzung für eine produktive Zusammenarbeit. Die multiinstrumentalen Vollblutmusiker gehören nach wie vor zur Creme de la Creme der bayerischen Kabarettmusik. Die Nummern erfolgten im regelmäßigen Wechsel. Polt stellte Charaktere vor, die das vermeintlich „gesunde“ Volksempfinden ansprachen, dann geigten die Well-Brüder in gewohnt genialer Manier auf einer Unmenge von Instrumenten der Obrigkeit den Marsch. Über die musikalischen Qualitäten von Christoph, Karl und Michael Well Neues zu schreiben, hieße den Bayern etwas über Bier erzählen zu wollen.

Wie guter Unterricht

Es gibt in Bayern gute, sehr gute und fantastische Kabarettisten und es gibt Gerhard Polt. Zusammen mit den Wellbrüdern ergibt das eine Symphonie des Froh-, Hinter- und Widersinns, ein Blick in die Abgründe des Alltags, der Politik und der Welt überhaupt, nicht nur derjenigen in weiß-blau. Polt und die Wellbrüder verstehen es meisterhaft in einem irren Tempo über bayerische Selbstzufriedenheit, Doppelmoral und Polit-Filz herzuziehen, dass man beinahe vergessen könnte, wie stark jeder von uns selbst damit gemeint ist. Trotzdem, und das ist das ganz Besondere an Polt, ist er nie derb oder gar verletzend. Gerhard Polt und die Well-Brüder aus dem Biermoos sind auch nach Jahrzehnten auf der Bühne unverbraucht. Sie stehen für hochintelligentes Kabarett, schaffen scheinbar mühelos den Spagat zwischen hinterkünftig-bayerischem Humor und intelligenter, niveauvoller Kritik am Zeitgeist. Was die Vier auf die Bühne bringen, das ist wie guter Unterricht in der Schule. Hier kann man wirklich etwas fürs Leben lernen.

 

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