Ranking Politische Bildung 2019

Haben Bayerns Schüler zu wenig Politik-Unterricht?


Auch in Bayern beteiligen sich viele Schulen an der bildungspolitischen Initiative "Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage". Mangelt es im Freistaat trotzdem an politischer Bildung für die Schüler? (Symbolbild)

Auch in Bayern beteiligen sich viele Schulen an der bildungspolitischen Initiative "Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage". Mangelt es im Freistaat trotzdem an politischer Bildung für die Schüler? (Symbolbild)

Von Redaktion idowa

Um in einer demokratischen Gesellschaft mitentscheiden zu können, bedarf es einer gewissen politischen Grundbildung. Für Kinder und Jugendliche auch in Bayern leisten hier die Schulen einen wichtigen ersten Beitrag - oder doch nicht? Laut dem "Ranking Politische Bildung 2019" der Universität Bielefeld liegt der Freistaat hier bundesweit auf dem letzten Platz. Die bayerischen Grünen schlagen Alarm.

Laut Ergebnissen der Studie liegt der Anteil der politischen Bildung am Schulunterricht in der Sekundarstufe bei nur 0,5 Prozent. Die Sekundarstufe umfasst dabei die Mittel- und Realschulen, Förderschulen und das Gymnasium bis zur 10. Klasse. Bayern belegt damit unter allen deutschen Bundesländern den letzten Platz, in Hessen liegt der Anteil beispielsweise bei 4,4 Prozent. "Vor allem jüngeren Schülerinnen und Schülern wird Politikunterricht vorenthalten", heißt es in einer Pressemitteilung der bayerischen Grünen, "in Bayern bekommen sie frühestens ab der 10. Klasse Politikunterricht."

"Eigene Wirksamkeit in der Demokratie erleben"

Der Grünen-Landesvorsitzende Eike Hallizky fordert vor dem Hintergrund des Rankings mehr Politik- und Sozialkundeunterricht an Schulen. "Bei Kindern und Jugendlichen wächst durch politische Bildung der Sinn für die Gesellschaft, politische Prozesse und demokratische Werte", sagt er. "In einer demokratischen Schule können sie lernen, wie unsere Gesellschaft funktioniert und Raum bekommen, um ihre eigene Wirksamkeit in einer Demokratie ganz konkret zu erleben." Nur so könnten die Schüler später auch als Erwachsene am demokratischen Prozess teilhaben, dies sei ein wichtiges Mittel gegen Verschwörungsideologien und Rechtsextremismus.

"Das greift aus bayerischer Perspektive zu kurz"

Grund zur Besorgnis also? Beim Bayerischen Kultusministerium will man das auf Anfrage von idowa so nicht stehen lassen. "Den Stellenwert der Politischen Bildung nur aus einem Fach abzuleiten und dabei nur die Stundenanzahl, nicht aber die Lehrpläne, die Unterrichtsqualität oder die Ausbildung der Lehrkräfte zu betrachten, greift aus bayerischer Perspektive deutlich zu kurz", sagt Sprecher Daniel Otto. Außerdem werde in der Studie "nur ein sehr spezieller Ausschnitt der schulischen Bildung betrachtet, nämlich die Sekundarstufe 1 am Gymnasium und an der Realschule." Somit werde die gymnasiale Oberstufe ebenso ausgeblendet wie vieles andere, was Bayern hinsichtlich Politischer Bildung an Grundschulen, Mittelschulen und Berufsschulen leiste.

"Themen aller Leitfächer sind relevant"

"Das Ranking Politische Bildung der Universität Bielefeld geht, wie schon in den Vorjahren, von nur einem Leitfach der Politischen Bildung aus", betont Otto. "Das Gesamtkonzept für die Politische Bildung an bayerischen Schulen definiert aber, dass mehrere Leitfächer ihren Beitrag zum schulart- und fächerübergreifenden Bildungs- und Erziehungsziel Politische Bildung leisten." Dazu gehörten an der Grundschule der Heimat- und Sachunterricht sowie an den weiterführenden Schulen die Fächer Politik und Gesellschaft, Geschichte, Geographie sowie Wirtschaft und Recht, die in verschiedenen Kombinationen angeboten würden. "Für eine umfassende politische Bildung sind Fragestellungen und Themen aller Leitfächer relevant", betont der Sprecher. "Aber auch über die Leitfächer hinaus werden im Unterricht aller Fächer wertvolle und wichtige Beiträge zur Politischen Bildung geleistet etwa im Deutschunterricht durch die Einübung von Argumentations- und Debattiertechniken sowie die Schulung der Medienkompetenz."

Aktuelle gesellschaftliche Themen würden zudem in Wahlkursen, bei Projekten wie der Juniorwahl, im Rahmen von Schüleraustauschprogramme oder beim "EU-Projekttag" vermittelt. Die Freiheiten und Umsetzungsmöglichkeiten in der pädagogischen Eigenverantwortung von Schulen und Lehrkräften seien hier sehr groß. Zudem biete beispielsweise die Landeszentrale für Politische Bildungsarbeit (BLZ) Themen und Unterrichtsmaterialien an.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, wie ein Regensburger Politikwissenschaftler die Lage bewertet.

Politologe: "Haben wir ruhig mehr Vertrauen"

Verhindert politische Bildung, dass Schüler in den Rechtsextremismus abdriften? Möglicherweise, sagt Politologe Straßner ? aber "falsche" und "richtige" Einstellungen forcieren dürfe man trotzdem nicht. (Symbolbild)

Verhindert politische Bildung, dass Schüler in den Rechtsextremismus abdriften? Möglicherweise, sagt Politologe Straßner – aber "falsche" und "richtige" Einstellungen forcieren dürfe man trotzdem nicht. (Symbolbild)

Wenn es nach dem bayerischen Kultusministerium geht, ist also alles in bester Ordnung und das Ranking der Bielefelder Uni basiert auf einem Missverständnis. Soweit ist auch Prof. Dr. Alexander Straßner vom Lehrstuhl für Politikwissenschaft der Uni Regensburg noch einverstanden: "Die Studie ist insgesamt wasserdicht", erklärt er gegenüber idowa, "aber es gibt Probleme bei der Vergleichbarkeit." Abgesehen von der schon genannten Aufteilung politischer Bildung auf mehrere Fächer würden allein schon die Querelen um G8 und G9 vergleichbare Daten im historischen Längsschnitt innerhalb Bayerns problematisch machen.

Alexander Straßner ist Professor am Lehrstuhl für Politikwissenschaft der Uni Regensburg, sein Schwerpunkt ist die Extremismusforschung. Er positioniert sich klar gegen die Instrumentalisierung von politischer Bildung an Schulen.

Alexander Straßner ist Professor am Lehrstuhl für Politikwissenschaft der Uni Regensburg, sein Schwerpunkt ist die Extremismusforschung. Er positioniert sich klar gegen die Instrumentalisierung von politischer Bildung an Schulen.

"Politische Bildung wird bundesweit stiefmütterlich behandelt"

Straßner sieht jedoch ein viel weitreichenderes Problem: "Die Quintessenz ist doch eindeutig, dass deutschlandweit politische Bildung an Schulen stiefmütterlich behandelt wird", sagt er. "Der Fokus liegt - besonders in Bayern - auf den Pflichtfächern Mathematik und Deutsch, nicht zuletzt aufgrund der Anforderungen aus der Industrie an die naturwissenschaftlichen Fächer."

So gerieten musische Ausbildung, geschichtliche Kenntnisse, alte Sprachen und auch staatsbürgerliche Bildung ins Hintertreffen, weil Bildung häufig nach ihrer ökonomischen Verwertbarkeit bewertet werde, glaubt der Politikwissenschaftler. "Bildung erfüllt aber keinen materiellen Zweck, sondern ist sich selbst Anreiz genug", fügt er an. "Bei der politischen Bildung ist dieses Defizit umso befremdlicher, weil es hier, ähnlich wie bei der politischen Geschichte, die anders als die Alltagsgeschichte kaum noch vermittelt wird, um die Grundlagen unseres Zusammenlebens geht. Die geraten mehr und mehr in Vergessenheit."

"Das halte ich für unprofessionell und kleingeistig"

Das sei für eine moderne Gesellschaft nicht ungefährlich, denn Gesellschaften würden nicht nur durch eine funktionierende Wirtschaft zusammengehalten, sondern auch durch stabile politische Kultur, Kenntnisse des politischen Systems und Vertrauen. Mit Blick auf die Forderung der Grünen spricht sich Straßner deshalb gegen die Instrumentalisierung politischer Bildung aus. "Es geht um die Fragen, was unsere politische Ordnung ausmacht, wie sie entstanden ist und welche Mängel sie hat", betont er. "Hinzu kommt die Sensibilisierung für die Feinde dieser Ordnung, aus welcher politischen Richtung auch immer sie kommen mögen." Extremismus jeder Art sei zu bekämpfen, sagt der Politologe, "und diese Studie zu instrumentalisieren, um eigene politische Befindlichkeiten zu transportieren, halte ich für unprofessionell und kleingeistig."

"Das wäre politische Bildung in Reinkultur"

Unterhalb der Extremismus-Schwelle seien auch klare, pointierte Positionen erlaubt und gewünscht, und der "gepflegte inhaltliche Streit" darum müsse unbedingt gefördert werden. "Das wäre politische Bildung in Reinkultur", stellt Straßner fest. "Und diese Studie zum Anlass zu nehmen, um jungen Menschen frühzeitig die 'richtige Sichtweise' auf die großen Probleme unserer Zeit, wie Klima oder Migration, einpflanzen zu wollen, führt sogar zu Mängeln in der Bildung. Haben wir ruhig mehr Vertrauen in die Demokratie und in die Schüler."