Ranch für Filmtiere in Wang Lassie trainieren? "Das war wie ein Ritterschlag"

Renate Hiltl arbeitet bereits seit 1979 als Trainerin für Filmtiere. Dass ihr Collie "Bandit" die Hauptrolle in dem jüngsten "Lassie"-Film spielen durfte, war für sie trotzdem etwas ganz Besonderes. Foto: Filmtierranch

"Leberkäsjunkie", "Der Schuh des Manitu" und "Lassie: Eine abenteuerliche Reise": Nur drei prominente Beispiele des deutschen Kinos, an denen Renate Hiltl mitgewirkt hat. Allerdings nicht als Schauspielerin: Hiltl arbeitet seit 1979 als Trainerin für Filmtiere und besitzt in Wang (Landkreis Freising) eine eigene Ranch. Hunde, Katzen, Kaninchen und viele andere Tiere werden hier von ihr und ihrem Team trainiert und für den Einsatz vor der Kamera vorbereitet. Im Interview mit idowa spricht Renate Hiltl darüber was ein geborenes Filmtier ausmacht, über die hohen Anforderungen an Trainerinnen und ihren berühmten Filmhund "Bandit", der "Lassie" verkörpert hat.

Frau Hiltl, die Filmbranche hat momentan ja schwer zu kämpfen. Was war denn der letzte Film, den Sie selbst im Kino gesehen haben?

Renate Hiltl: "Die Rüden", das ist auch noch gar nicht so lange her. In dem Film geht es um eine Hundetrainerin, die vier Gewalttäter mit drei bissigen Hunden zusammenbringt. Ich muss aber zugeben, dass er mir nicht sonderlich gefallen hat.

Dabei sind Sie selbst mit dem Trainieren von Hunden ja durchaus vertraut: Sie arbeiten seit vielen Jahren als Ausbilderin für Filmtiere. Nicht gerade ein alltäglicher Beruf. Wie sind Sie dazu gekommen?

Renate Hiltl: Ich hatte das Glück, dass auch meine Eltern als Filmtiertrainer gearbeitet haben. So konnte ich schon als Kind lernen, wie man Tiere vor die Kamera stellt, sie vorbereitet und schließlich beim Dreh vorführt.

Wissen Sie noch, was der erste Film war, an dem Sie mitgewirkt haben?

Renate Hiltl: Oh, das ist natürlich nach so langer Zeit echt schwierig... Aber mein erster von mir selbst trainierter Filmhund war eine mittelgroße Mischlingshündin namens "Hexi". Und das erste größere Projekt, an dem ich mitgewirkt habe, war eine dreiteilige Krimireihe mit dem Titel "Bastard". Sie wurde für die ARD in München und auf Mallorca gedreht.

"Nicht jedes Tier ist zum Schauspieler geboren."

Dreharbeiten mit Tieren stehen in dem Ruf, schwierig zu sein, weil Tiere angeblich unberechenbar sind. Ist das ein Vorurteil oder ist da etwas Wahres dran?

Renate Hiltl: Nein, unberechenbar sind die Tiere nicht. Wenn dann trifft das eher auf manche Filmteams, Schauspieler oder Regisseure zu! Wenn man die nötige Zeit hat, um die Aktionen des Tieres gut vorzubereiten, dann weiß es am Drehtag auch genau, was es zu tun hat und spult das zuverlässig ab. Anders verhält es sich, wenn plötzlich am Set andere Aktionen als geplant verlangt werden. Aber das kommt zum Glück immer seltener vor.

Kann man denn jedem Tier mit genügend Training beibringen, auf Kommandos zu reagieren?

Renate Hiltl: Man kann ganz vielen Tieren Tricks lernen und diese unter Kommando stellen. Aber genau wie bei Menschen ist nicht jedes Tier zum Schauspieler geboren. Ein Filmtier muss gerne im Mittelpunkt stehen, gut sozialisiert sein und vor allem sehr gut mit Spiel und Futter motivierbar sein. In Deutschland wird am häufigsten mit Hunden und Katzen gearbeitet. Beide Tierarten sind dem Menschen sehr nah und können deswegen auch glaubhaft in Drehbücher eingearbeitet werden.

Können Sie einen typischen Tag am Set beschreiben?

Renate Hiltl: Ich glaube, so etwas wie einen "typischen Tag" am Set gibt es nicht. Die Anforderungen sind oft grundverschieden. Das einzige, was sicher ist: Man muss sehr viel und lange warten. Wenn ich am Drehort ankomme, besichtige ich diesen erst ohne Tier. Danach noch einmal mit dem Tier, damit es die Umgebung kennenlernt. Normalerweise gibt es dann meist eine Besprechung mit der Regie. Dabei wird geklärt, was von mir und dem Tier erwartet wird. Zum Beispiel, von wo nach wo es laufen soll, wo der Schauspieler auftritt, solche Dinge. Der nächste Schritt ist die sogenannte Stellprobe. Dabei proben die Schauspieler und tun so, als ob das Tier dabei wäre, während ich zusehe. Erst, wenn alles gut geplant ist und jeder Mensch weiß, was er zu tun hat, holen wir das Tier. Ich zeige ihm dann kurz, was von ihm erwartet wird, und dann wird auch schon gedreht.

Wie lange dauert es, ein Tier zu einem Filmtier auszubilden?

Renate Hiltl: Das kommt ganz darauf an, welche Anforderungen im jeweiligen Film gestellt werden. Bei einfachen Szenen kann man sogar völlig untrainierte Tiere relativ schnell auf die Aufgaben vorbereiten. Aber will man einen richtig gut ausgebildeten Filmhund oder eine Katze, dann kann das schon ein bis zwei Jahre in Anspruch nehmen. Im ersten Lebensjahr lernen die Tiere dann alle alltäglichen Situationen – etwa zu folgen, wenn man sie ruft, und freundlich mit jedem Menschen umzugehen. Auch Auto- und Zugfahren wird geübt. Im zweiten Lebensjahr wird dann mit einer Grundausbildung begonnen. Die Kommandos "Sitz", "Platz", "Steh", "Kopf runter", "Kopf hoch", "Dreh dich", "Lege dich auf die Seite", "Geh rückwärts", "Gib laut" und das Apportieren jeglicher Gegenstände sind dabei besonders wichtig. Diese Kommandos sollten auf ein Zeichen hin und auf verbale Kommandos abrufbar sein.

"Etwas Schöneres konnte mir nicht passieren."

Kann jeder Halter sein Tier zu einem Filmtier aufziehen? Ober braucht man dafür selbst eine besondere Ausbildung?

Renate Hiltl: So einfach ist es nicht. Gemäß § 11 Tierschutzgesetz benötigt man eine behördliche Genehmigung, um Tiere überhaupt vor die Kamera stellen zu dürfen. Eine solche Genehmigung muss man für jede Tierart einzeln beantragen. Und man wird zuvor mündlich, schriftlich und praktisch geprüft. Doch aus Erfahrung kann ich sagen: Es gehört noch wesentlich mehr dazu, als das, was von den Behörden verlangt wird. Denn man muss nicht nur ein guter Tiertrainer sein, sondern auch Grundkenntnisse in Sachen Film haben. Auf meiner Filmtierranch in Wang bilde ich auch selbst aus. Jeder, der für mich als Filmtiertrainer arbeiten möchte, muss mir zunächst zweieinhalb Jahre assistieren, bevor er in meinem Namen alleine mit Tieren vor der Kamera arbeiten darf.

Wie viele Tiere leben denn auf Ihrer Ranch?

Renate Hiltl: Wir haben hier zwei Schafe, zwei Ziegen, zwei Minischweine, zwei Tauben, drei Mäuse, vier Ratten, sechs Katzen, sieben Kaninchen, zehn Hühner und 22 Hunde.

Wow, das sind einige. Und darunter ist auch eine richtige Berühmtheit: Ihr Collie "Bandit" hat in der Neuverfilmung von "Lassie" ja die Hauptrolle gespielt...

Renate Hiltl: Stimmt, diesen Film als Filmtiertrainerin begleiten zu dürfen, war für mich wie ein Ritterschlag. Ich bin selbst ein großer "Lassie"-Fan und etwas Schöneres konnte mir nicht passieren. Da war ich ehrlich gesagt schon ziemlich stolz. Soweit ich weiß, sind mein Team und ich auch die ersten Filmtiertrainer außerhalb der USA, die "Lassie" trainieren durften.

Gibt es eigentlich auch Preise für Filmtiere und Ihre Trainer - ähnlich der Ehrungen für Schauspieler und andere Filmschaffende?

Renate Hiltl: Hier in Deutschland leider nicht, und das finde ich persönlich wirklich sehr schade und auch unfair. Denn wir bringen mit unseren Tieren so viele Emotionen auf die Leinwand und berühren so viele Menschen mit unserer Arbeit. Ich denke, unsere Branche und vor allem unsere Tiere hätten es schon mal verdient, dafür einen Preis zu erhalten oder geehrt zu werden.

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