Rain Ein PS für den Naturschutz

Rückepferd Moritz und sein Waldarbeitsteam (v.l.): LBV-Gebietsbetreuer Dr. Martin Werneyer, Max Schmid, Udo Englmeier, Moritz und Rupert Lehner. Foto: Susanne Raith

Moritz ist ein Profi - und er hat Kraft. Leichtfüßig läuft er den schmalen Waldpfad entlang, einen langen Fichtenstamm im Schlepptau: kein Problem für ein Süddeutsches Kaltblut.

Für ein sensibles Ökosystem wie den Rainer Wald ist Moritz' Arbeit eine Wohltat: Keine Maschine könnte so sanft und gleichzeitig so schnell einzelne Bäume aus dem Unterholz entfernen. Dennoch gibt es nur noch wenige Rückepferde - ihr "Beruf" ist fast ausgestorben.

Auf der kleinen Lichtung am Waldweg liegen Stamm an Stamm einige Fichten aufgereiht. Irgendwo im Wald kreischen Motorsägen. Wieder fällt ein Baum - mitten im Unterholz. Es dauert nicht lange, dann kommt ein kräftiges braunes Pferd mit schnellen Schritten herangelaufen, ganz ohne Leine: Moritz kennt seinen Weg. Routiniert bringt er den neuen Stamm zu den anderen. "Brr!", ruft Moritz' Besitzer, der einige Meter dahinter zum Vorschein kommt. Sofort bleibt das Pferd stehen. Rupert Lehner hängt die lange Last ab. Dann geht es zurück, wo wieder ein neuer Baum auf den Transport wartet.

Im Rainer Wald, dem größten Schutzgebiet des Landesbundes für Vogelschutz (LBV), hat das Entfernen von Fichten Priorität. "Die Fichte ist zwar ein heimischer Baum, aber ein standortfremder", erklärt Dr. Martin Werneyer, der als Flächenbetreuer auch für die Entfernung der Fichten zuständig ist. "Es darf daher schon mal eine Fichte vorkommen, aber nicht in dieser Menge." Denn die Fichten schaden anderen Bäumen, die für den Rainer Wald mit seinem hohen Grundwasserspiegel typisch sind. Werneyer deutet auf eine Stieleiche vor ihm, die er auf etwa 30 Jahre schätzt. "Eichen wie diese hätten keine Chance, wenn sie von Fichten umgeben sind", sagt er. "Die Fichten wachsen schneller als die Eichen, sie wachsen in die Krone hinein, bringen Äste und am Ende die ganze Eiche zum Absterben." Daher werden die Eichen gefördert, indem die Fichten in ihrer Nähe weichen müssen.

Mit Maschinen kommt man hier nicht weit

Doch allein mit dem Fällen der Fichten ist es nicht getan. Der Rainer Wald ist ein naturnaher Wald mit Alt- und Totholz, in dem die charakteristischen Pflanzen im Allgemeinen wachsen dürfen, wie und wo sie wollen, und damit zur Artenvielfalt beitragen. Waldarbeiten sind hier eine besondere Herausforderung: Viele Stellen sind für Maschinen zu schmal. "Wir sind letztes Jahr mit einem Harvester auf den Waldwegen herumgefahren und haben die Eichen am Wegrand maschinell freigestellt", erzählt Dr. Martin Werneyer. "Aber in dem Moment, in dem man zwischen anderen Laubbäumen durch muss, kommt das nicht mehr in Frage." Ein Rückepferd einzusetzen, ist aus Sicht des Flächenbetreuers die optimale Lösung: Es schont nicht nur den Boden, sondern ist auch flexibel und schnell in seiner Arbeitsweise. Wenn es nach Martin Werneyer geht, soll Moritz noch den ganzen Februar im Rainer Wald arbeiten.

Udo Englmeier und Max Schmid haben mit ihren Motorsägen eine weitere Fichte inmitten einer Gruppe Ebereschen, Birken und Winterlinden umgeschnitten. Es ist eine Stelle, an der wenig Platz ist - selbst als Mensch muss man überlegen, wie man sich hier vorwärtsbewegt: überall Äste, Sträucher, kleine und große Bäume. Moritz und Rupert Lehner sind auch schon da. Das Befestigen des Stammes dauert länger, als das Kaltblut warten will. Ungeduldig scharrt Moritz mit dem Huf und wirft seinen Kopf hoch. Könnte er sprechen, würde er wohl sagen: "Wann geht es denn endlich los?" Dann wickelt sich die Leine um die Fessel seines rechten Hinterbeins. Moritz bleibt dennoch ruhig. "Fuß!", sagt Rupert Lehner. Sofort hebt das Pferd den betroffenen Huf an, sein Besitzer entfernt die Schlinge. Dann darf Moritz endlich gehen.

Wenige Meter weiter verhakt sich der lange Baumstamm zwischen mehreren kleineren Bäumen - ausgerechnet an der Kurve des schmalen Waldpfads. Das Pferd wirft sich in sein Geschirr. Doch egal, wie sehr sich Moritz ins Zeug legt, der Stamm rührt sich nicht von der Stelle. Die Männer müssen mit anpacken, eine weitere kleine Fichte wird umgeschnitten. Rupert Lehner befestigt die Kette etwas kürzer am Stamm. Dann macht Moritz etwas Unerwartetes: Er rangiert. Ganz von selbst geht er ein paar Schritte vom Pfad ab ins Unterholz hinein - und endlich rutscht der Stamm ein paar Meter weiter. Das Pferd geht ein paar Schritte zurück und hat es geschafft: Der Stamm ist befreit. Nun geht es wieder - man möchte fast sagen: beschwingt - zur Ablagestelle. "Der arbeitet gern", bestätigt Moritz' Besitzer.

Im Sommer ruhen sich die Pferde auf der Weide aus

Rupert Lehner hat sich schon als Kind für das Holzrücken interessiert. Gelernt hat er es bei den Nachbarn, die Pferde hatten: "Als Kind habe ich das gesehen und mir es dann selber angeeignet." Inzwischen arbeitet er im Winter mit seinen Pferden im Wald. Im Sommer dürfen sich die Vierbeiner auf der Weide erholen, während ihr Besitzer im Straßenbau arbeitet. Aufträge zum Holzrücken für den Winter hat er mehr, als er annehmen kann. Denn Holzrücker mit Pferd sind selten geworden. Es ist auch kein leichtes Geschäft: "Nicht jedes Pferd ist dafür geeignet", sagt Lehner. Er muss es wissen: Daheim in Ascha hält er zwölf Kaltblüter. Woran erkennt man, ob es ein Pferd lernen kann? "Das sieht man gleich", sagt Lehner und lächelt. "Das Tier darf zum Beispiel keine Angst vor Maschinen haben." Woran man es noch sieht, bleibt ein Geheimnis, das wohl nur jemand versteht, der Pferde so gut kennt wie Rupert Lehner. Wichtig ist darüber hinaus auch das Vertrauensverhältnis zwischen Mensch und Tier: Wenn der Holzrücker Moritz rückwärts gehen lässt, muss sich das Pferd darauf verlassen, dass es sicheren Boden unter sich hat.

Fest steht: Moritz ist ein Profi - und er hat alles, was er kann, bei Rupert Lehner gelernt. Zwei Winter dauerte die "Ausbildung", dann war klar: Moritz ist perfekt für den Job geeignet. Nach vier bis fünf Wintern konnte er seine Arbeit "auswendig", sagt Lehner. Eine echte Fachkraft also.

Hat der Nebenerwerbs-Landwirt schon einmal daran gedacht, an der Bayerischen Meisterschaft im Holzrücken teilzunehmen? Könnte Moritz da mithalten? "Das wäre kein Problem", sagt Rupert Lehner. "Aber es interessiert mich nicht." Ruhm sucht er nicht, ihm macht die Waldarbeit mit Pferd einfach Spaß - wie seinem Moritz.

 
 

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