Psychische Volkskrankheiten Depression und Angststörung nicht unterschätzen

Wenn die seelische Abwärtsspirale nicht mehr enden will, ist es Zeit, sich Hilfe zu suchen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Körperliche Schmerzen, Appetitlosigkeit, Schlafprobleme, Empfindungsstörungen - die Symptome für Depressionen sind zahlreich. Oft aber werden sie verkannt. Fachleute schätzen, dass jeder fünfte Deutsche einmal in seinem Leben an einer Depression erkrankt. Auch Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Wie erkennt man diese Erkrankungen? Und wie sollte man sich verhalten? Wir sprachen darüber mit Dr. Ulrike Weiß, Chefärztin der Waldmünchner Heiligenfeld Klinik.

Frau Dr. Weiß, was genau ist eine Depression? Ist jemand, der oft schlecht drauf ist, schon depressiv?

Dr. Ulrike Weiß: Das Wort "Depression" leitet sich von dem lateinischen Wort "deprimere" ab, was "niederdrücken" bedeutet. Damit kann das Krankheitsbild auch sehr treffend beschrieben werden. Niedergedrückte Stimmung, geringe Lebensfreude und eingeschränkter Lebensantrieb gehören zu den Hauptsymptomen. Darüber hinaus zeigen depressive Menschen ein vermindertes Interesse an Personen und Dingen in ihrer Umwelt. Weitere Zusatzsymptome, die auftreten können, sind ein vermindertes Selbstwertgefühl, Schlafstörungen, eingeschränkter Appetit und auch Schuldgefühle.

Kommt man denn von alleine wieder aus dem Tief heraus, wenn man sich anstrengt?

Weiß: Betroffene beschreiben ihre Lebenssituation häufig so, als säßen sie in einem tiefen Loch, aus dem sie nicht mehr herauskommen. Sie empfinden ihre Lage als hilf- und aussichtslos und schaffen es meistens nicht, ohne professionelle Hilfe wieder in ein normales Leben zurückzukehren. Manchmal endet dieses Gefühl der Leere und Schwäche sogar im Wunsch des Betroffenen, sein Leben zu beenden.

Wie schlimm ist eine Depression?

Weiß: Depressive Störungen können in verschiedenen Schweregraden sowie episodisch, wiederkehrend oder chronisch auftreten. Weiter werden Depressionen unterschieden, die in bestimmten Lebensabschnitten beziehungsweise -situationen auftreten, wie zum Beispiel Depressionen im Kindesalter oder bei älteren Menschen oder jahreszeitlich bedingte depressive Störungen.

Dass der Tod eines geliebten Menschen oder der Verlust des Arbeitsplatzes depressiv macht, kann sich jeder vorstellen. Gibt es auch Menschen, denen es einfach vorbestimmt ist, krank zu werden?

Weiß: Hinsichtlich der Ursachen von Depressionen lässt sich sagen, dass in der Regel mehrere Faktoren zu einer depressiven Erkrankung führen. Häufig bringt der Betroffene eine persönliche Veranlagung und die daraus resultierende erhöhte Anfälligkeit für eine Depression mit sich. Die persönliche Veranlagung kann zum Beispiel in Form einer genetischen Belastung oder durch die Häufung von Depressionserkrankungen in der Familie vorliegen. Belastende Lebensereignisse im Erwachsenenalter wie eine Trennung oder der Verlust des Arbeitsplatzes stellen neben Verlusterfahrungen aus der Kindheit einen weiteren Risikofaktor dar.

Viele Depressive sagen, dass sie morgens nicht mehr aufstehen können. Gibt es Tageszeiten, zu denen eine Depression besonders schlimm wird?

Weiß: Die Symptome einer Depression sind Tagesschwankungen unterworfen. In der Regel leiden Betroffene morgens am stärksten unter den Symptomen ihrer Erkrankung. Im Laufe des Tages tritt meist eine Besserung ein und gegen Abend fühlen sich depressive Menschen häufig recht gut. Es gibt auch depressive Menschen, bei denen ist das Gegenteil der Fall. Und es gibt Menschen, deren depressive Verstimmung durchgängig schlecht ist.

Braucht man immer einen Arzt? Und wie kann er helfen?

Weiß: In manchen Fällen schafft es der Erkrankte schon, durch ein gutes soziales Umfeld in ein normales Leben nach einer Depression zurückzufinden. Bei schwereren Fällen gibt es verschiedene ambulante Therapiemethoden. Durch eine fachärztliche Untersuchung kann der Schweregrad der Depression festgestellt werden und notwendige therapeutische, das heißt medikamentöse und/oder psychotherapeutische Maßnahmen eingeleitet werden. Die Inanspruchnahme einer stationären Behandlung bietet hingegen die beste Möglichkeit, Menschen mit Depressionen längerfristig und nachhaltig zu behandeln, bei denen diese ambulanten Hilfen nicht zur Besserung führten.

Wie wird eine Depression in ihrer Klinik behandelt?

Weiß: Zur Heilung von depressiv Erkrankten arbeiten unsere Kliniken mit ganzheitlichen, integrativen und kreativ- beziehungsweise körpertherapeutischen Konzepten. Im therapeutischen Handeln werden dabei alle Ebenen der Person miteinbezogen: die erkrankte Seele, der Körper, die geistig-spirituelle Ebene, die sozialen Beziehungen und die berufliche Situation. Dabei bilden allgemein wirksame Therapieangebote ergänzt durch individuelle Therapie- und spezifische Bewältigungsmaßnahmen den Kern der Konzepte.

Ist es nicht einfacher, Tabletten zu nehmen?

Weiß: Gestützt werden die therapeutischen Maßnahmen gegebenenfalls von einer begleitenden medikamentösen, antidepressiven Behandlung. Grundsätzlich gilt, dass je schwerer eine depressive Symptomatik ist, desto eher ist auch ein Nutzen durch die Gabe von Antidepressiva zu erwarten. Nach aktuellem Forschungsstand ist die Psychotherapie mindestens als gleichwertig einer medikamentösen Therapie anzusehen. Eine Kombinationsbehandlung gilt aber besonders bei schweren Formen als die wirksamste Therapie.

Jetzt noch ein paar Fragen zu Angststörungen: Was spielt sich in so einem Fall beim Kranken ab?

Weiß: Angststörungen äußern sich zum einen durch seelische Symptome, nämlich das intensive Empfinden von Angst und Bedrohung bis zur Panik. Daneben treten körperliche Beschwerden auf, die auch völlig im Vordergrund stehen können. Insbesondere bei der Panikstörung kommt es häufig zu Herzrasen und dem Gefühl, das Herz schlage unregelmäßig. Auch Schwitzen, Zittern, Erstickungsgefühl und Schmerzen an unterschiedlichen Stellen des Körpers treten auf.

Wann schlägt eine normale Angst in krankhafte Panik um?

Weiß: Die Panikstörung ist eine spezielle Form der Angsterkrankung, deren Ursachen vielfältig sein können. So können plötzlich auftretende Panikattacken zum Beispiel durchaus als Folge von Traumatisierungen oder anderen psychisch belastenden Ereignissen auftreten. Eine Störung des Gleichgewichts der Eiweiß-Botenstoffe im Gehirn wird ebenfalls als Ursache diskutiert.

Wie lange dauert so ein Erlebnis und muss man dann ins Krankenhaus?

Weiß: Meist dauert die Panikattacke einige Minuten lang an. Eine Panikattacke wird oft sowohl vom Betroffenen wie auch von der Umgebung als medizinischer Notfall erlebt, so dass nicht selten erst in einer Notaufnahmestation abgeklärt werden kann, dass es sich "nur" um Panik handelt.

Warum empfinden manche Menschen Angst schlimmer als andere?

Weiß: Die Veranlagung zur Entwicklung einer Angststörung entsteht sehr früh im Leben und bleibt lebenslang bestehen. Manche Menschen sind besonders stressempfindlich, sie haben ein besonders leicht reizbares vegetatives Nervensystem und sind daher auch für die Entwicklung einer Angststörung besonders anfällig. Auslöser finden sich in den täglichen Belastungen, oft auch bereits schon in den Gedanken, die diesen Belastungen vorausgehen und diese beziehungsweise ihre möglichen Auswirkungen "katastrophisieren".

Wie können Menschen mit Angststörung lernen, ihr Verhalten zu ändern?

Weiß: Bei der kognitiven Therapie lernt der Betroffene, bestimmte körperliche Symptome und Denkweisen als Auslöser der Angst zunächst zu erkennen und anschließend bewusst zu versuchen, sie zu berichtigen. Durch die Verhaltenstherapie soll der Betroffene lernen, auf bestimmte Reize nicht mehr mit Angst zu reagieren. Bekannte Verfahren sind Desensibilisierung und Reizkonfrontation. Die Soziotherapie verfolgt das Ziel, die soziale Ausgrenzung der Betroffenen zu mildern, und den Wiedereinstieg in das soziale und berufliche Leben zu fördern.

 
 
 

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