Prüfungsangst Blackout - Wie bringe ich Licht ins Dunkel?

Wenn sich der eigene Wert nur aus Schulnoten definiert, steht am Ende oft extreme Prüfungsangst. (Foto: lassedesignen - Fotolia.com) Quelle: Unbekannt

Seit Wochen kann sie nicht mehr richtig schlafen, ständig ist ihr übel, Monat für Monat verliert sie an Gewicht. Barbara* geht in die elfte Klasse eines Gymnasiums. Sie ist eine gute Schülerin. Doch mit Beginn des neuen Schuljahres wird alles anders. Barbara wird bewusst: Ab jetzt zählt jede Note, alle Leistungen fließen in die Abiturnote mit ein.

Vor jeder Prüfung wird die Schülerin von extremer Panik erfasst, schon Tage vor den angekündigten Schulaufgaben leidet sie. Sie verschanzt sich in ihrem Zimmer und lernt. Sie paukt den Stoff von vorne bis hinten durch. Bestens vorbereitet geht Barbara in die Prüfung. Doch kaum liegt das leere Blatt vor ihr auf dem Tisch, ist alles, was sie wochenlang gelernt hat, weg. Einmal vergisst sie sogar, das Blatt umzudrehen, bearbeitet nur die halbe Schulaufgabe. In ihrer Verzweifl ung lernt sie noch mehr, nimmt Nachhilfe, doch die Panikattacken bleiben.

Bei Georg*, neunte Klasse, ist es anders. Sein Wissen aufs Papier zu bringen, bereitet ihm keine Probleme. Doch Georg hat panische Angst vor mündlichen Prüfungen. Jedes Mal, wenn er vom Lehrer aufgerufen wird, verschlägt es ihm die Sprache. Er verstummt völlig. Vor der Klasse zu sprechen, erscheint ihm unmöglich. Ein Referat zu halten, ist eine Qual. Er liest es ab, Zeile für Zeile, Wort für Wort.

Unwissenheit erzeugt Angst

So oder so ähnlich geht es vielen Schülern in jeder Schulart und in jedem Alter: Sie leiden unter Prüfungsangst. Martin Bozoyan, Schulpsychologe am Robert-Schuman- Gymnasium in Cham, wird in seiner täglichen Arbeit immer wieder mit diesem Phänomen konfrontiert. Er versucht, den Schülern zu helfen. Nicht immer gelingt ihm das gleich gut. "Es gibt kein Patentrezept gegen Prüfungsangst, man muss individuell mit jedem arbeiten und den Ursachen auf den Grund gehen", weiß Bozoyan. Eins hat ihn die Erfahrung auch gelehrt: "In vielen Fällen ist die Ursache in der falschen Prüfungsvorbereitung zu suchen und zu finden."

So auch bei Barbara: Unter dem Druck, unbedingt eine gute Note schreiben zu müssen, presste sie sich den kompletten Stoff des Schuljahres in ihr Gehirn, von vorne bis hinten, unstrukturiert. "Doch nicht die Quantität ist entscheidend, sondern die Qualität des Lernens", betont der Schulpsychologe. Das fange schon damit an, beim Lehrer den genauen Stoff für die Schulaufgabe zu erfragen. Dann sollte rechtzeitig, etwa 14 Tage vor der Schulaufgabe, ein Lernplan erstellt werden: wegstreichen, was ich schon kann; zuerst wiederholen, was mir am wenigsten Probleme bereitet; dann die schweren Aufgaben solange üben, bis der Stoff sitzt. Denn: "Unwissenheit erzeugt Angst", sagt Bozoyan.

Vor jeder Prüfung fünf Minuten Ruhe Das hat auch bei Barbara geholfen. Zusammen mit Martin Bozoyan hat sie vor jeder Prüfung einen Lernplan aufgestellt mit vielen Puffern drin. Anfangs war es für sie schwierig, den Lernplan einzuhalten. Immer wieder kam etwas dazwischen. Doch nach einer gewissen Zeit, mit viel Disziplin, hat sie es geschafft. Am Tag der Prüfung beherzigte Barbara einen weiteren wichtigen Ratschlag des Schulpsychologen: Keinesfalls sofort in die Arbeit stürzen, sobald die Prüfungsaufgaben ausgeteilt sind! Lieber fünf Minuten warten, tief durchatmen, ruhig werden, sich sammeln. Dass das nicht einfach ist, weiß Bozoyan. Auch Barbara ist tausend Tode gestorben, als um sie herum alle schon eifrig am Schreiben waren und sie "nur" ruhig dasaß. Doch letztendlich war sie mit dieser Methode erfolgreich.


Mit Georg hat Bozoyan über ein halbes Jahr hinweg an dessen Körpersprache und Stimme gearbeitet. In kleinstem Kreis, vor drei, vier ihm vertrauten Mitschülern, hat Georg angefangen, Kurzreferate zu halten. Schritt für Schritt machte er sich auf den mühsamen Weg, seine Prüfungsangst zu überwinden. Dass dies nicht immer gelingt, ist eine leidvolle Erfahrung, die Martin Bozoyan immer wieder machen muss. "Manche Schüler erreiche ich und kann individuell mit ihnen arbeiten, bei manchen aber wird es über Jahre hinweg nur langsam besser."

Selbstwert nicht nur über Noten definieren


Was die Arbeit des Schulpsychologen Martin Bozoyan so schwierig macht, sind die vielschichtigen Ursachen, die Prüfungsangst auslösen. Niemand lasse sich gerne bewerten, viele haben Angst, wenn es um ihren eigenen Wert gehe. Wenn ein Jugendlicher sein Selbstwertgefühl ausschließlich davon abhängig macht, wie gut er in einem Test abschneidet, laufe er Gefahr, sich nur als wertvoll zu erleben, wenn die Note stimmt. In diesem Leistungsbegriff unserer Gesellschaft, den viele Schüler wie auch Eltern verinnerlicht haben, liege die Hauptursache für Prüfungsangst.

So sei es auch eine logische Konsequenz, dass in erster Linie solche Jugendliche von Prüfungsangst betroffen sind, die ihren eigenen Wert aus der Schule definieren, die nur in der Schule und in den Noten Bestätigung finden. Diese Schüler haben oftmals wenige oder gar keine Hobbys, in denen sie anderweitig Selbstwertgefühl tanken könnten. Deshalb sei es auch der absolut falsche Weg, schlechte Noten beispielsweise mit Fußballverbot zu bestrafen, beziehungsweise in Prüfungszeiten nur noch zu lernen und die Freizeit hinten anzustellen. "Die Balance zwischen Schule und Hobbies ist das A und O. Freizeit muss dringend in den Alltag eingebaut werden", betont Bozoyan.

Angst gehört zum Menschsein

Ein gesundes Maß an Angst kann im übrigen auch positiv wirken. Angst sei sinnvoll, Angst stelle Energie zur Verfügung. Wenn Schüler zu Bozoyan kommen und sagen "Ich will keine Angst mehr haben!", so kann er ihnen nur entgegnen: "Das ist so nicht möglich." Man müsse Angst als etwas Positives sehen, Angst gehöre zum Menschsein. Erst wenn die tatsächliche Leistungsfähigkeit abnehme und der Jugendliche sehr unter der Prüfungsangst leide, sei es Zeit zu handeln. Welche Möglichkeiten es gibt, der Prüfungsangst zu begegnen, lest ihr auf den folgenden Seiten.

* Die Namen wurden von der Redaktion verändert, die Einverständniserklärung der Jugendlichen, ihre Geschichte abzudrucken, liegt vor.

 
 
 

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