Prozess in Regensburg Anja Wolbergs: "Geld war ihm nicht wichtig"

Anja Wolbergs, Ehefrau des suspendierten Regensburger Oberbürgermeisters Joachim Wolbergs, sitzt vor dem Verhandlungssaal im Landgericht. Sie sagte dort heute als Zeugin aus. Foto: Armin Weigel

So gut wie sie kennen wohl nur wenige Menschen den suspendierten Regensburger Oberbürgermeister: Anja Wolbergs sagt im Korruptionsprozess um ihren Mann als Zeugin aus und gibt Einblicke in das Ehe- und Familienleben.

Seit gut drei Jahren lebt das Ehepaar getrennt - auf seine Frau Anja kann der suspendierte Oberbürgermeister von Regensburg, Joachim Wolbergs (SPD), dennoch zählen. Im Korruptionsprozess um das Stadtoberhaupt und drei weitere Angeklagte sagte die 49-Jährige am Donnerstag als Zeugin aus. Selbstsicher trat sie vor der Wirtschaftsstrafkammer im Landgericht auf und bezog Stellung zu den Vorwürfen gegen ihren Mann. Joachim Wolbergs muss sich seit vergangenem September wegen Vorteilsannahme und Verstoßes gegen das Parteiengesetz verantworten.

Bei der Befragung ging es unter anderem um Vergünstigungen beim Kauf von Eigentumswohnungen für ihre Mutter und Schwiegermutter wie auch um Parteispenden für den Regensburger SPD-Ortsverein Stadtsüden und ein Darlehen, das das Ehepaar für den OB-Wahlkampf 2014 aufgenommen hatte. Anja Wolbergs und ihr Mann leben seit 2015 getrennt. Das Paar hat zwei Kinder. Die Trennung und die Ermittlungen gegen ihren Mann hat Anja Wolbergs in einem 2018 erschienenen Roman verarbeitet.

Die 49-Jährige schilderte Wolbergs als einen Mann, der voll in seiner politischen Funktion aufging und wenig Zeit für die Familie hatte. Sein Fokus habe auf dem Amt gelegen, private Dinge habe er "im Stechschritt" erledigt. So sei auch sie diejenige gewesen, die sich um die Finanzen kümmerte - sicherlich auch ihres Berufes wegen. Anja Wolbergs ist Sachbearbeiterin bei der Sparkasse in Regensburg. Die Aufgabenverteilung schilderte Wolbergs so: "Er kümmerte sich um das Große, die Politik, und ich mich um das Weltliche."

Geld sei ihrem Mann einfach nicht wichtig, was wohl auch daran liege, dass er aus einem vermögenden Elternhaus stamme. In finanziellen Fragen sei er ein "Schlamper" gewesen, der Rechnungen verlegt oder vergessen habe. Das habe immer wieder für Stress und Streit gesorgt.

Mit den Wohnungskäufen ihrer Mutter und ihrer Schwiegermutter sei sie nur am Rande befasst gewesen. Als ihre Mutter nach dem Tod ihres Vaters das Elternhaus verkaufen und eine Eigentumswohnung beziehen wollte, habe Wolbergs ihr den Tipp gegeben, bei Bauunternehmer Volker Tretzel anzufragen. Mehr nicht. Dessen Bauweise habe einen guten Ruf. Von einem Preisnachlass habe ihr ihre Mutter nichts gesagt.

Zum Wohnungskauf ihrer Schwiegermutter wisse sie gar nichts, sagte Anja Wolbergs. Ihr Mann und seine Mutter hätten ein gespaltenes Verhältnis zueinander. Zudem sei ihr Mann damals seit etwa einem Jahr als OB im Amt und quasi gar nicht mehr - "vielleicht eine Stunde in der Woche" - zuhause gewesen.

Bei den Spenden an den SPD-Ortsverein, dessen Kassierin sie ist, sei ihr nichts auffällig erschienen. Dass einige Spenden mit rund 9.900 Euro knapp unter der Veröffentlichungsgrenze von 10.000 Euro lagen, habe sie bemerkt, jedoch nicht komisch gefunden.

Vor allem um den teuren Wahlkampf 2014 zu finanzieren, nahm das Ehepaar privat ein Darlehen in Höhe von 270.000 Euro auf. Ihr Mann habe Wert darauf gelegt, dass alle Rechnungen beglichen werden konnten. Falls der Ortsverein das Geld nicht würde zurückzahlen können, sollte das Darlehen 2019 in eine Spende umgewandelt werden - so war es vereinbart. Bislang seien von den 220.000 Euro, die an den Ortsverein gingen, etwa 17.000 Euro zurückgezahlt worden.

Ein Darlehen, das nicht binnen eines Jahres zurückgezahlt werden kann, muss vom SPD-Landesvorstand genehmigt werden - eine solche Genehmigung hatte Wolbergs nicht eingeholt. Sie habe ihn daran erinnert, sagte Wolbergs, was er mit "Mach' ich" kommentiert habe.

Dass ihr Mann Anfang 2017 in Untersuchungshaft kam, sei für sie "unvorstellbar" und für die Familie eine "Katastrophe" gewesen. Ihr Sohn habe in der Schule davon erfahren. Aus ihrer Sicht handelte es sich um eine Beugehaft. Ihr Mann sei damals "völlig durch den Wind" gewesen und leide bis heute an Schlafstörungen, sie selbst unter Angstzuständen. Wolbergs habe ihr gegenüber beteuert, nie bestechlich gewesen zu sein. Und seine Überweisungen tätige er inzwischen selbst.

Im Mittelpunkt des Prozesses steht die Frage, ob bei der Vergabe eines Bauprojektes an den mitangeklagten Bauunternehmer Tretzel dessen Spenden an die SPD und den Jahn Regensburg eine Rolle gespielt haben. Tretzel werden Vorteilsgewährung und Beihilfe zum Verstoß gegen das Parteiengesetz vorgeworfen. Ebenfalls angeklagt sind der frühere Vorsitzende der SPD-Stadtratsfraktion, Norbert Hartl, sowie ein ehemaliger Mitarbeiter Tretzels.

 

idowa-Newsletter kostenlos abonnieren

E-Mail-Adresse:
 
 
 

0 Kommentare

Kommentieren

null

loading