Proteste Protest säen: Rechtsextreme und die Bauernproteste

Nicht nur Landwirte: Bei den Bauernprotesten laufen auch Rechtsextreme und Querdenker mit. Foto: Lars Klemmer/dpa

Eigentlich gehen sie wegen Stickstoff-Regeln auf die Straße. Doch die Proteste der Landwirte in den Niederlanden ziehen auch Rechtsextreme und Querdenker an. Und die haben ganz andere Absichten.

Das ausgebrannte Lager einer Online-Supermarktkette im niederländischen Almelo ist für den Reporter des US-Programms "War Room" des früheren Trump-Beraters Steve Bannon die richtige Kulisse, um den "Dritten Weltkrieg" zu verkünden.

Die angebliche Front verläuft nach dieser alternativen Wahrheit gleich hinter der deutschen Grenze. Passend dazu wurden jüngst in sozialen Netzwerken Fotos von Panzern herumgereicht, mit denen angeblich Landwirte und Regierung in den Niederlanden aufeinander losgegangen sein sollen. Sehr martialisch. Doch nichts davon stimmt.

Die Demonstrationen der niederländischen Bauern und Bäuerinnen gegen geplante Stickstoff-Regeln werden im Netz zum Auftakt eines Bürgerkrieges hochstilisiert. Radikale von Rechtsaußen sowie die Coronaleugner-Szene, die aktuell viel weniger Menschen als früher mobilisieren kann, versuchen Anschluss zu finden.

Warum Rechtsextreme sich den Bauernprotesten anschließen

Die Bauernproteste symbolisierten für Rechtsextreme den Widerstand aus dem "Volk", das sich gegen die "Elite" stelle, analysiert Pia Lamberty vom Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS), das Radikalisierungstendenzen und Verschwörungserzählungen im Netz untersucht. "Solche Proteste sind für Demokratiefeinde eine ideale Projektionsfläche", sagt die CeMAS-Co-Geschäftsführerin der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

Seit Wochen gibt es in den Niederlanden Demos gegen geplante Umweltauflagen der Regierung. Landwirte blockieren mit Treckern Autobahnen, stecken Heuballen in Brand, bedrohen Politiker und deren Familien. Immer häufiger mischen sich Extremisten darunter. Die Polizei beobachtet, dass sich den wütenden Bauern Komplott-Denker, Anti-Corona-Aktivisten, Rechtsextreme und andere Gruppen anschließen, die allgemein und diffus gegen den Staat agieren.

Auf einschlägigen Foren in den sozialen Medien, etwa "Bauern im Aufstand" (Boren in Opstand) bei Telegram, häufen sich Gewaltaufrufe. Von "Bürgerkrieg" ist die Rede. Oder: "Lasst Den Haag brennen".

Auch deutsche Organisationen beteiligt

Auch in Deutschland wollen vom Verfassungsschutz beobachtete Organisationen auf den Protestzug aufspringen. "Es könnte ein Flächenbrand werden", frohlockt etwa die Kleinstpartei Freie Sachsen auf Telegram und schwärmt schon davon, dass Demonstrationen der Bauern "mit den dauerhaften Protesten gegen die Regierung verknüpft" werden. Für Martin Sellner, den Kopf der rechtsextremen Identitären Bewegung in Österreich, sind sie Teil eines "großen, anti-globalistischen, ... patriotischen Widerstands".

"Was wir viel sehen: dass die Proteste als Symbol eines Umbruchs beschrieben werden, also eines Systemsturzes", sagt Lamberty. Die bereits angespannte Lage werde im Netz weiter angeheizt in der Hoffnung, dass das verhasste System endlich kollabiert.

Falsche Inhalte im Netz verbreitet

Daher auch die erfundene Geschichte, Regierung und Bauern in den Niederlanden hätten schweres Militärgerät zum Einsatz gebracht. Entsprechende Videos wurden im Netz verbreitet. Doch das ist gelogen. Die gepanzerten Fahrzeuge nutzte die Polizei bei einer Übung, der vermeintliche Panzer der Landwirte war lediglich ein restauriertes Modell aus dem Zweiten Weltkrieg, das für eine Gedenkveranstaltung vorgesehen war - und mit Landwirten nichts zu tun hatte. Auch der Brand im Supermarkt-Lager von Almelo hatte nach Ermittlungen der Polizei nichts mit den Bauernprotesten zu tun.

"Es werden über verschiedene Kanäle in einer hohen Schlagzahl wiederholend falsche Inhalte verbreitet", sagt Lamberty. Mit der Desinformation gehe es zum Beispiel darum, Chaos zu stiften, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu untergraben.

Die Proteste in den Niederlanden locken auch rechtsextreme Reporter aus den USA, Kanada und Großbritannien an. Sie berichten für obskure Internet-Plattformen, Youtube-Kanäle oder den ultrakonservativen US-Sender Fox News. Dort wurde etwa behauptet, den Bauern solle das Land weggenommen werden, um Migranten anzusiedeln. Diese radikalen Medien sehen eine internationale Verschwörung hinter den Plänen der Regierung. Für sie steckt das World Economic Forum in Davos dahinter.

Nur hat das Weltwirtschaftsforum nichts mit den Bauernprotesten zu tun. Sondern: 2019 hatte das höchste Gericht der Niederlande bestimmt, dass die Stickstoffnormen eingehalten werden müssen. Bis 2030 sollen die Emissionen landesweit etwa halbiert werden. Und das kann das Aus von 30 Prozent der Viehbetriebe bedeuten.

Bauernverband: Situation nicht dieselbe in Deutschland

Nach Auffassung des Deutschen Bauernverbandes (DBV) ist die Situation nicht eins zu eins auf die Bundesrepublik übertragbar. Dennoch solidarisieren sich auch hier vereinzelt Landwirte mit ihren Kollegen. Zudem gibt es auch Streitpunkte in Deutschland: etwa Dünge-Vorgaben, um drohende EU-Strafzahlungen wegen des an vielen Orten zu stark mit Nitrat belasteten Grundwassers abzuwenden.

Es gibt also ganz konkrete Anliegen der Landwirte. "Rechtsextremen geht es wenig um die wirklichen Sorgen und Nöte von Bauern", erklärt Lamberty. Vielmehr solle die eigene politische Agenda gepusht werden.

Die etablierten Bauernverbände in den Niederlanden sind überhaupt nicht glücklich über diese neuen Unterstützer. Auch der deutsche Verband wehrt sich gegen die Vereinnahmung durch "Radikale, Querdenker und andere Spinner". "Von dieser Trittbrettfahrerei distanzieren wir uns", heißt es vom DBV. Es bestehe die Gefahr, dass die Forderungen der Landwirte dadurch diskreditiert würden.

Widerspruch sei ein wichtiger Bestandteil der demokratischen Meinungsbekundung, sagt Lamberty. "Schwierig wird es eben dann, wenn der eigene Protest zur Projektionsfläche antidemokratischer und menschenverachtender Haltungen wird." Wohl auch deshalb hält der DBV "eine maximale Distanzierung" nach Rechtsaußen für erforderlich.

Dieser Artikel ist Teil eines automatisierten Angebots der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Er wird von der idowa-Redaktion nicht bearbeitet oder geprüft.

 
 
 

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