Pro und Contra Zwei Sportredakteure kommentieren Kimmichs Impfweigerung

(Noch) ungeimpft: Bayern-Profi Joshua Kimmich. Foto: Sven Hoppe/dpa

Lasse ich mich impfen? Die Frage, die sich praktisch jeder Bürger während der Corona-Pandemie gestellt hat, hat Joshua Kimmich für sich erstmal mit einem Nein beantwortet. Das sorgt für heftige Debatten. In der Sportredaktion unserer Mediengruppe gibt es dazu gegensätzliche Meinungen. Rainer Sobek und Magnus Rötzer kommentieren.

Rainer Sobek kommentiert: Einfach nochmal nachdenken!

Falls das bei den vielen Dingen, die in den Tagen seit jenem Interview, das Joshua Kimmich am Samstag dem TV-Sender Sky gegeben hat, geschrieben und gesagt worden sind, irgendwie falsch rübergekommen sein sollte: Kimmich ist ein überaus cleveres Kerlchen, Einser-Abiturient, begnadeter Fußballer, Führungsspieler beim FCB und in der Nationalmannschaft. Und zwar nicht bloß einer, den man neudeutsch "aggressive leader" nennen würde, sondern jemand mit weit überdurchschnittlicher Spielintelligenz. Ein "mental leader" sozusagen.

Dass das alles zur Folge hat, dass sein Marktwert laut dem Portal transfermarkt.de bei mindestens 75 Millionen Euro und sein Jahresgehalt in München im zweistelligen Millionen-Bereich liegen, sei ihm gegönnt. Sind wir froh, dass wir solche Ausnahmefußballer in Deutschland haben!

Allerdings bringen Kimmichs Popularität, sein Ruhm und sein Reichtum auch etwas mit sich, dem man sich höchstens durch Dummheit oder totale Ignoranz entziehen kann - und beides kann der 26-Jährige eben nicht zu seiner Entschuldigung vorbringen: ein gewisses Maß an Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, die es ihm ermöglicht, dieses privilegierte Leben zu führen.

Bevor jetzt allerdings einige entrüstet aufschreien und das Recht auf körperliche Unversehrtheit proklamieren: Joshua Kimmich ist ein selbstbestimmter Mensch, und wie jeder andere Bürger dieses Landes kann er natürlich selbst entscheiden, ob er sich gegen Corona impfen lässt oder nicht. Der Unterschied zu weniger prominenten Menschen ist halt, dass Kimmich - ob er das nun will oder nicht - ein Vorbild für viele ist. Dass er sich dessen bewusst ist, zeigt er mit der Initiative "WeKickCorona", für die er seine Popularität ja gerne gemeinnützig einsetzt. Eine Empfehlung des vor allem bei jungen Leuten überaus beliebten Nationalspielers würde ziemlich sicher dazu beitragen, dass sich der eine oder andere Unentschlossene zur Impfung anmeldet.

Umgekehrt gilt aber leider auch: Wenn Kimmich öffentlich Bedenken äußert an der Wirksamkeit und der Unbedenklichkeit der Medikamente, könnte das Impfgegner bestärken und Unsichere noch weiter verunsichern. Weniger Gehimpfte heißt aber: mehr Infizierte. Und mehr Infizierte: mehr Schwerkranke, letztlich auch mehr Tote.

Leben retten kann so leicht sein: Einfach an der richigen Stelle den Mund halten!

Vielleicht sollte Joshua Kimmich einfach noch mal über das Ganze nachdenken. Ein cleveres Kerlchen ist er ja.

Magnus Rötzer kommentiert: Mehr Respekt, bitte!

Fans wollen Typen, "echte Typen". Gerade in Zeiten des modernen Fußballs, der irgendwie immer steriler zu werden scheint. Typen, die Fragen von Reportern authentisch und ehrlich beantworten und nicht den üblichen Einheitsbrei von sich geben, den jeder x-beliebige Profi wortgleich über die Lippen bringt. Und der nicht selten von der PR-Abteilung des jeweiligen Vereins vorgekaut ist.

Solche Typen sind rar geworden. Aber es gibt sie noch. Joshua Kimmich ist zum Beispiel so einer. Er hätte die Frage des Sky-Reporters, ob denn der "Bild"-Bericht zu seinem Impfstatus stimmt, ja auch unkommentiert lassen können. Hat er aber nicht.

Er hat bestätigt, dass er ungeimpft ist, und er hat seine Beweggründe genannt. Dafür hagelt es nun heftige Kritik von allen Seiten. Kimmich sei sich seiner Vorbildrolle nicht bewusst und sei unsolidarisch.

Dass Kimmich wegen seines Impfstatus dermaßen im Kreuzfeuer steht, geht eindeutig zu weit.
Kimmich hat - genau wie jeder andere - das Recht zu entscheiden, ob er sich impfen lassen möchte oder nicht. Sowohl die Bundesregierung als auch Kimmichs Arbeitgeber, der FC Bayern, sprechen zwar eine Impf-Empfehlung aus. Eine Impfpflicht gibt es in Deutschland aber nicht. Um in der Corona-Zeit Solidarität zu üben, muss man darüber hinaus nicht zwangsläufig geimpft sein. Man kann auch auf andere Art und Weise solidarisch handeln. Beispielsweise, indem man die Hygienemaßnahmen einhält. Das tut Kimmich, wie er beteuert.

Ich selbst bin geimpft - und auch froh darüber. Zum einen, weil ich dadurch gegen einen schweren Verlauf geschützt bin, zum anderen, weil mir die Impfung gewisse Freiheiten in meinem Alltag zurückgegeben hat. Aber: Weder ich noch sonst jemand hat das Recht, über die Impf-Entscheidung anderer zu urteilen. Wenn sich jemand (noch) nicht impfen lassen will, weil er Bedenken aufgrund möglicher Nebenwirkungen hat, muss man das respektieren. Punkt!

Auf Kimmich - und damit auch auf alle anderen, denen es bei diesem Thema ähnlich wie dem Bayern-Profi geht - draufzuhauen, treibt höchstens die Spaltung der Gesellschaft voran. Und genau das können wir doch eigentlich nicht brauchen. Seiner Vorbildfunktion wird Kimmich übrigens durchaus gerecht. Er macht sich Gedanken zum Thema Impfen, wägt Pro und Contra ab und trifft für sich eine Entscheidung, hinter der er öffentlich steht.

Auch wenn er es mit einer anderen Meinung vermutlich einfacher hätte.

 

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