Pitztal - Österreich Am Puls des Gletschers

Äußerste Vorsicht ist hier geboten: Bergführer Raphael weist auf die Gefahren am Rand einer Gletscherspalte hin. Foto: Nikolaus Sieber

Abenteuertour Wildspitze: Mit dem Bergführer hinauf auf das Dach Tirols.

"Was ist der Unterschied zwischen Gletscher und Ferner?" fragt Raphael bei der ersten Verschnaufpause auf dem vereisten Zwischengrat zur Wildspitze. Keiner aus der Gruppe traut sich zu antworten, auch wenn man es ansatzweise ahnt. So viel Anspannung hatten die Teilnehmer schon auf ihre sehnsüchtigen Erwartungen draufgesattelt. "Mit Ferner ist dasselbe gemeint, nur eben im Dialekt", schmunzelt der Tiroler Bergführer dann und erklärt, wie man sich hier verhalten sollte. Denn gleich geht es angeseilt im Gänsemarsch über den Gletscher, wo sich gefährliche Spalten auftun. Neben den sichtbaren, großen klaffen viele versteckte, nicht minder gefährliche, die unter einer trügerischen, nicht ausreichend tragenden Schneedecke verborgen liegen.

Sechs Personen in der Seilschaft, vorneweg Raphael Eiter, der erfahrene Bergführer von der Bergführervereinigung Pitztal. Mit geübtem Auge, das Spalten rechtzeitig erkennt, damit sie umgangen werden. Schon bald tauchen die ersten auf. Großartig - und gleichzeitig beklemmend - rufen diese schielende Blicke in die undefinierbare Tiefe hervor. Gut sichtbar schlängelt sich Raphaels Spur zu Stellen hin, deren Schneedecke dicker und tragend erscheint. Die Seilschaft tappt hinterher. Plötzlich ein Ruck am Seil und ein Schrei. Yvonne ist weg, wie vom Erdboden verschluckt. "Seil gespannt halten!", ruft Raphael von vorne, und zur leidtragenden Yvonne: "Wir holen dich da raus!"

Auch Melanie verschwindet in der Gletscherspalte

Kaum eine Viertelstunde später, schon wieder ein Malheur. Diesmal verschwindet Melanie in einer Spalte. Allerdings nur bis zur Hüfte, weil Vorder- und Hintermann ruckzuck das Seil spannen und dagegenhalten.

"Passiert immer mal wieder, deswegen ist die Seilschaft so wichtig", sagt tröstend der Guide. Es ist nicht so, dass es immer nur diejenigen mit kleiner Statur und kürzeren Beinen erwischt: Eine zweite Seilschaft, die fast zeitgleich gestartet ist, musste bereits schon am Anfang des Ferners aufgeben. Ein Typ von einem Mannsbild fiel gleich einige Meter tief in einen vereisten Schlund. Bis er dann aus der Gletscherspalte heraufgehievt war, waren Kräfte und Zeit davongeeilt und die gesamte Gruppe konnten nur noch umkehren und den direkten Weg zur Berghütte nehmen. Also kann man von Glück sprechen, unsere Gletschertour ging weiter. Überraschenderweise dürfen auch die Steigeisen im Rucksack bleiben. Die Oberfläche ist nicht stark vereist und so beschließt Raphael, weiterhin ohne sie aufzusteigen.

Fürs letzte Wegstück hoch zum Gipfel, von dessen Ansatz über die sehr steile Flanke, wird das Seil kürzer geknüpft. Vorbei ist's mit den Spalten. Dafür droht beim Ausrutschen gleich ein Absturz in den Abgrund der Ötztaler Alpen.

Aufmerksam und vorsichtig, bei immer dünner werdender Luft, erreichen wir das Gipfelkreuz. Was vor vier Stunden noch so weit weg schien, ist geschafft. Das Bergpanorama ringsum ist umwerfend, einfach grandios. Denn mit ihren 3.774 Metern ist die Wildspitze Tirols höchster Gipfel und nach dem Großglockner zweithöchster Berg Österreichs.

Gipfelerlebnis im ewigen Eis der Ötztaler Alpen

Weit geht der Blick über den sonst so üblichen Tellerrand eines Gebirges hinweg, der Horizont wird erst durch die Erdkrümmung begrenzt. Staunen und genießen. Und zwischendurch nicht das Jausenbrot vergessen. Plötzlich aber zieht Nebel auf und es wird spürbar kälter. Auch der Wind legt an Stärke zu. So fällt der Abschied jetzt gar nicht schwer. Schnell wieder runter.

Über dem Taschachferner verwöhnt etwas später schon wieder der blaue Himmel, so dass Sonnenschutz angesagt bleibt. Diesmal geht alles glatt. Obwohl die obere Schneeschicht merklich weicher geworden ist und man mit einer höheren Einbruchgefahr rechnen muss.

Beim Hüttenabend ist das Erlebte das Hauptthema

Knapp unterhalb des Mittelbergjochs, an der Stelle, wo in der Früh der Klettergurt angelegt und einer an den anderen mittels Karabiner angeseilt worden war, wird der Hinweg verlassen. Spektakulär geht's weiter zur Berghütte. Die Gletscherspalten werden gewaltiger, ihre Umrisse sind jedoch besser zu erkennen und zu umgehen. In vielen gluckert es ordentlich in der Tiefe, wo das Schmelzwasser abfließt. Bei Lust und Laune würde der Bergführer ein Abseilen ins ewige Eis vorführen. Die Ausrüstung für Spaltenbergungen hat er dabei, doch leider ist die Zeit zu knapp. Schließlich erreichen wir die Gletscherzunge und das Moränengelände. Und weiter unten sticht auch schon das Taschachhaus hervor.

In der Berghütte des Deutschen Alpenvereins steht erst einmal Durstlöschen und Duschen an. Mit dem Abendessen beginnt der gemütliche Hüttenabend. Die Erlebnisse um die Gletscherspalten reifen schnell zum Hauptgesprächsthema. Und im Mittelpunkt stehen wohl oder übel zwei Frauen und ein Mann - die drei Abenteurer, die abwechselnd dem Gletschererlebnis Dynamik verliehen. Aber alles gut. So hinterlässt das Wildspitz-Unterfangen einen tiefgreifenden Eindruck, der noch lange nachwirken wird.

Weitere Informationen:

Allgemeine Auskünfte zur Urlaubsregion Pitztal und den Bergbahnen erteilt der Tourismusverband Pitztal unter: www.pitztal.com

Für Bergsteiger mit hochalpiner Erfahrung ist die Wildspitztour technisch relativ einfach. Die Pitztaler Bergführervereinigung www.bergfuehrervereinigung-pitztal.com führt die Sommertour immer freitags durch. Dann startet der "Gletscherexpress" bereits ab 7 Uhr an der Talstation. Die Hüttenübernachtung im Taschachhaus sollte vorab reserviert werden unter: www.taschachhaus.de

 
 

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