Pfingstritt Ein Rosserer aus Leidenschaft

Alois Hastreiter mit Kaltblut "Lukas". Foto: Reimer

Pfingsten ist für Alois Hastreiter etwas Besonderes: Seit über sechs Jahrzehnten nimmt er an der Pferdewallfahrt nach Steinbühl teil, seit fast 40 Jahren gehört er zum Stamm der Zugleistungsprüfung und bei der Eröffnung des Fests chauffiert er den Brauereiwagen des Festwirts. Alois Hastreiter ist Rosserer aus Leidenschaft. "Pferde gehörten immer zur Familie, so lange ich denken kann", sagt der 66-Jährige, während im Innenhof Schwalben im Tiefflug auf Insektenjagd gehen.

66 Jahre, blitzende grau-blaue Augen, grauer Bart, grüner Filzhut, kräftiger Handschlag - Hände, die Arbeit gewohnt sind: Alois Hastreiter aus Ramsried wuchs in einer Landwirtschaft auf. "Damals wurde noch viel mit Pferden gearbeitet", blickt er zurück: Im Wald wurde Holz gerissen, am Feld geackert, geeggt und gesät. Später kam der Bulldog und mit ihm verschwanden die tüchtigen Helfer der Bauern. Doch mit den 80er-Jahren hat sich das nochmals gewandelt: "Aus vielen Stalltüren schaut wieder ein Kaltblut raus", schmunzelt Hastreiter. Haflinger und andere Kaltblutrassen werden wieder bei leichten landwirtschaftlichen Arbeiten, zum Holzrücken und im Freizeitbereich, eingesetzt.

Hastreiter ist mit Kaltblütern aufgewachsen. Sein erstes eigenes Pferd kaufte er vom Geld, das er für ein Rind bekommen hatte. "Die Kuh hatte Probleme beim Kalben. Mit der Hand drehte ich das Tier in die richtige Geburtsposition", erinnert sich der Landwirt, "von da an war es meins, und das blieb auch so, bis wir das Tier verkauften." Nicht ein Fahrrad oder was man sich sonst als Junge wünscht: Das eigene Pferd stand ab jetzt im Stall. Aber Hastreiter weiß aus langjähriger Erfahrung: "Im Stall lernen die Tiere nichts. Sie brauchen Gesellschaft, Bewegung und Tageslicht. Man muss Zeit in die Erziehung investieren und darf nicht grob zu ihnen sein. Denn das zahlen sie dir eines Tages zurück." Jedes Pferd ist ein Individuum. Man muss ihnen die Angst nehmen. Ein lauter Knall, ein Rascheln, das wie ein Zischen einer Schlage klingt - die Vierbeiner sind Fluchttiere. In bestimmten Situationen werden sie unberechenbar: "Wenn dann wos passiert, gfaahlt hods." Seine langjährige Erfahrung mit Pferden gibt er gerne weiter: "Zu mir kommen viele, die mit Rössern Probleme haben. Dann rück ich halt aus. Meist für ein Dankeschön."

Den Pfingstvirus hat sich Alois Hastreiter von seinem Vater, dem letzten Bürgermeister der ehemaligen Gemeinde Ramsried, eingefangen. Mit drei Jahren saß er mit seinem Vater auf dem Sattel, mit fünf ritt er auf dem eigenen Pferd am Pfingstmontag nach Steinbühl. 2015 wurde Alois Hastreiter für 60-malige Rittteilnahme ausgezeichnet. Er hätte auch eine Idee für das Gelöbnis zu Pferde: "In Bad Kötzting fährt die Polizei mit ihren Autos voran. In Furth im Wald sind´s berittene Polizisten. Das wäre doch auch mal eine Überlegung wert." Der bescheidene Mann mit dem grauen Vollbart gehört seit Jahrzehnten zum Pfingstwochenende dazu. Beim Einzug steuert er den Bauereiwagen des Festwirts mit seinen Kaltblütern. Am Pfingstsonntag ist Hastreiter seit der ersten Zugleistungsprüfung im Jahr 1981 mit dabei. Einige Jahre sorgte er mit "Jupp", dem stärksten Hengst Europas, für Furore.

"Zurzeit sind meine Pferde noch zu jung für diesen Titel, aber was noch nicht ist ...", kündigt Hastreiter mit einem verschmitzten Lächeln an. Bei diesem Wettkampf auf der Amberger-Insel müssen Pferde, die in verschiedenen Klassen eingeteilt sind, Schlitten mit einem Gewicht über eine gewisse Strecke ziehen. "Dabei darf das Pferd weder mit der Peitsche angetrieben werden noch während des Ziehens berührt werden", informiert Hastreiter. Ist Pfingsten vorbei, geht's für Alois Hastreiter in Furth im Wald weiter. Seit einem halben Jahrhundert ist er sowohl beim Drachenstich-Festzug als auch beim Festspiel mit vier Wagen und seinen Rössern dabei. "Besonders die Szene, wenn der Wagen zur Bühne wird, verlangt von den Pferden, dass sie absolut stillstehen. Das muss man trainieren, es verlangt Zeit und Aufmerksamkeit", so der Ramsrieder.

Sind die drei Wochen in Furth im Wald vorüber, macht sich der 66-Jährige mit seinen Rössern und Wagen auf den Weg zum Rosstag in Bad Kötzting. An zwei Tagen, jedes Jahr am letzten Wochenende im August, wird den Zuschauern altes Handwerk gezeigt. Am Festzug bestaunen tausende von Zuschauern die rund 450 Pferde und 150 Wagen, alte Maschinen und landwirtschaftliche Geräte. Das Jahr geht vorüber mit Rittteilnahmen in Miltach, Warzenried und Arnschwang, Zugleistungsprüfungen in ganz Bayern, Werbefahrten oder dem bisherigen Glanzpunkt, einer Fahrt nach Belgien zum Jubiläum einer Brauerei. Dazwischen spannt er seine süddeutschen Kaltblutrösser für Ausflugsfahrten mit Urlaubern ein. Im Moment überprüft er sorgfältig die Verzurrung des hölzernen, mit Fässern beladenen Brauereiwagens auf dem eigenen Anhänger. Es geht zu einer Fest-Eröffnung nach Regensburg. "Wenn du den Tieflader, den Lastwagen und einen Fahrer mieten musst, kannst du gleich aufhören, das lohnt sich nicht", sagt er und steigt vom Anhänger. Er zupft welke Blätter von den Begonien: echte Pflanzen, selbst gezogen. Hängt die Blumenkästen an den Wagen und schließlich ist er zufrieden: "Passt". Zuletzt wird das Zuggeschirr überprüft. Dabei lässt er sich nicht hetzen. Ist das Kummet beschädigt oder eine Leine gerissen, war aller Aufwand umsonst.

Wer jetzt glaubt, als Rosserer wird man reich, dem rechnet Alois Hastreiter vor, was nach Abzug von Futter, Tierarztkosten, Versicherungen, Arbeitszeit, dem Kauf von Fahrzeugen und so weiter noch bleibt. Auf der Habenseite ist es oft eine Aufwandsentschädigung oder ein Bier- und ein Gickerlmarkerl: "Und wenn dir einer hilft, dann spendierst du ihm auch eine Brotzeit." Rosserer ist man anscheinend doch aus Leidenschaft. "Und pferdenärrisch musst du auch sein. Wenn du gerne gesehen bist, beliebt bist, wenn dich die Menschen mögen, dann kriegst du auch wieder etwas zurück. Die Kameradschaft unter Pferdefreunden ist etwas Besonders", sagt Alois Hastreiter und überprüft nochmal die Gurte.

 
 
 

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