Pfingstritt 2019 Kraftprotze

Die Zugleistungsprüfung am Pfingstsonntag zieht alle Jahre Tausende Besucher an. Foto: Dachs

"Wiah, zuig o, Oida", so hallt es nahezu den ganzen Pfingstsonntag über die Amberger Wiese. Der Zugleistungswettbewerb der Kaltblut-und Haflingerzüchtervereinigung Bayerischer Wald ist aus dem Pfingstgeschehen nicht mehr wegzudenken.

Seit 1975 existiert diese Veranstaltung, die jedes Jahr Tausende von Besuchern anzieht. Den ganzen Pfingstsonntag über fiebern die Zuschauer mit und feuern die "Kraftprotze" an, die hier zu Höchstleistungen auflaufen. Ob strahlender Sonnenschein und brütende Hitze, oder ob Regenwetter und Kälte herrscht - weder Rosserer noch Zuschauer lassen sich von den spannenden Wettkämpfen abhalten.

Ursprünglich vom Reit- und Fahrverein Viechtach ins Leben gerufen und zur Umrahmung der Pfingstveranstaltungen gedacht, hat sich der Wettkampf zu einer regelrechten Sportveranstaltung mit vierbeinigen Athleten entwickelt. Wurde in den Anfangszeiten das "stärkste Pferd des Bayerischen Waldes" ermittelt, so reisen mittlerweile Teilnehmer aus Österreich, Tschechien, den neuen Bundesländern, dem bayerischen Oberland und Baden-Württemberg an, um sich mit ihren Pferden zu beweisen.

Vor der Motorisierung wurden Pferde in der Landwirtschaft täglich zur Arbeit gebraucht, sie waren somit immer im optimalen Trainingszustand. Diese Arbeit fehlt ihnen heute, weshalb ihre Halter sie gezielt auf die Veranstaltung vorbereiten. Wie Leistungssportler werden die Haflinger- und Kaltblutpferde im Vorfeld trainiert und gefüttert, um überhaupt eine Chance auf einen der vorderen Plätze zu haben. Untrainierte Tiere fallen bei der Veranstaltung sofort auf, denn sie scheitern meist schon im ersten Durchgang. Mitunter kommt es auch vor, dass ein Tier die zu ziehende Last zwar bewältigen könnte, aber nicht will. Da hilft dann auch kein Bitten und Betteln, kein Schreien oder Fluchen und kein wildes Gestikulieren des Pferdeführers. Gibt sich ein Tier vor dem Zugschlitten "in Stein gemeißelt", so bleibt nichts anderes zu tun, als unverrichteter Dinge wieder auszuspannen und den Heimweg anzutreten. Denn ein Berühren des Pferdes während des Zuges ist streng verboten, es darf ausschließlich mit der Stimme angetrieben werden.

Zuschauer vermeinen mitunter beobachten zu können, dass einem "Zugverweigerer" Gleichgültigkeit oder sogar eine Art "pferdisches Grinsen" ins Gesicht geschrieben steht, während sich der betroffene Fuhrmann den "Frotzeleien" seiner Kollegen ausgesetzt sieht. Nichts ist schlimmer für den Stolz eines Rosserers, als wenn ihm der vierbeinige Kamerad den Dienst versagt. Umso schöner ist es, wenn der "Bubi" für den Fuhrmann sein Bestes gibt. Das setzt Vertrauen gegenüber dem Pferdeführer voraus und die Bereitschaft, sich für ihn anzustrengen. So manches Tier scheint sich regelrecht eingraben zu wollen, um den tonnenschweren Zugschlitten nach vorne zu bringen. Das fördert vonseiten des Besitzers gelegentlich das eine oder andere Leckerli zutage, um es bei Laune zu halten.

Natürlich hat jeder seine eigene Methode und Strategie, um die Gegner zu übertrumpfen. Das beginnt bereits bei der Ausrüstung, die vorrangig auf die enormen Lasten ausgelegt sein muss. Während Traditionalisten auf Zuggeschirre aus heimischen Sattlereien Wert legen, haben andere die aus den USA und Kanada für sich entdeckt. Wie dem auch sei, wichtig ist die exakte Passform des Kumts, das auf Schultern, Brust und Widerrist des Pferdes aufliegt. Mit ihm kann das Tier sein Eigengewicht beim Zug voll zum Einsatz bringen.

Des Weiteren ist den Fahrern auch die genaue Analyse der Zugstrecke ein Anliegen. Da werden die kleinsten Unebenheiten beachtet, denn jede Vertiefung in der Zugstrecke könnte den Schlitten letztendlich zum Stoppen bringen. Befindet sich der Schlitten erst einmal in einer Kuhle, wird es bei zunehmendem Gewicht schwieriger, ihn dort wieder herauszubringen. Deshalb ist der Startpunkt der Strecke gefürchtet, denn dort bildet sich im Laufe der Veranstaltung immer eine Mulde, die erst überwunden werden muss, was sehr viel Kraft kostet.

Die Wettkämpfer müssen sich vor einem fachkundigen Publikum beweisen, das rund um die Zugstrecke alle Aktionen genauestens mitverfolgt. Das Geschehen wird sowohl wohlwollend als auch kritisch kommentiert und nachträglich auf zahlreichen Rosserer-Stammtischen nochmals gründlich analysiert. Aber auch Pferdelaien befinden sich unter den Zuschauern, welchen die Atmosphäre beim Wettkampf gefällt und die die enormen Leistungen der Tiere bewundern. So waren schon Personen zu beobachten, die den Wettkampf derart fasziniert verfolgten, dass der sich den ganzen Tag über entwickelte Sonnenbrand erst am Abend bemerkt wurde.

Viele harren bis zur Dunkelheit aus, um die Entscheidung in der Königsklasse, den Doppelzug, mitzuerleben. Dort kochen bei den Fuhrleuten oft noch die Emotionen hoch, wenn die beiden Pferde "nicht zusammenkommen", sprich, wenn sie es nicht schaffen, absolut gleichzeitig anzuziehen. Dann geht es lediglich hin und her, aber nicht vorwärts in Richtung Ziel. Vor allem, wenn Pferde von verschiedenen Besitzern zusammengespannt werden, sind sie nicht aufeinander eingespielt und können den vierbeinigen Kameraden nicht abschätzen. Umso mehr bewundernswert sind die Gespanne, die den Schlitten mit scheinbar müheloser Leichtigkeit über die 40 Meter Zugstrecke bewegen.

Wenn sich die Burschen zum Fackelzug treffen, steht den Rosserern nach einem langen Tag das Aufräumen des Wettkampfgeländes bevor. Auch die Pferde sind dann froh, endlich Ruhe in ihren Stallungen zu finden, bevor es am nächsten Tag in aller Früh für sie zum Pfingstritt geht.

 
 
 

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