Pfingstritt 2019 Der Kampf um den Pfingstmontag

Empfang der Kötztinger Pfingstdelegation am 16. Mai 1994 in der bayerischen Staatskanzlei: Bürgermeister Theo Zellner mit Oberzugordner Sepp Schwarz, Offiziator Markus Ertl, Pfingstsachbearbeiter Poidl Sperl, Pfingstreferent Haymo Richter (verdeckt) und dem Pfingstbrautpaar Josef Gerstl und Nicki Traurig mit den Brautführern Hans Traurig und Dominik Reithner bei Ministerpräsident Edmund Stoiber. Foto: Amberger

Man stelle sich vor: Der Pfingstmontag wäre kein Feiertag mehr, sondern ein ganz normaler Werktag.

Ein Großteil der Pfingstreiter würde seiner Arbeit nachgehen, statt das Pferd zu satteln, den geschrumpften Zug der Reiter würden nur noch ein paar hundert Zuschauer sehen - der Super-GAU für Bad Kötzting und sein Pfingstbrauchtum. Die Stadt würde auf die Barrikaden steigen - wie vor 25 Jahren, als diese Option einen realen Hintergrund hatte.

In der Republik stand damals die Einführung der Pflegeversicherung auf der Tagesordnung. Ein wichtiges soziales Anliegen, darin waren sich alle Parteien einig mit den Krankenkassen, Sozialverbänden und Gewerkschaften. Nach langer und intensiver Diskussion wurde der neue Zweig der Sozialversicherung am 22. April 1994 vom Deutschen Bundestag beschlossen, eine Woche später gab der Bundesrat sein Plazet. Auch über den Termin der Einführung hatte man sich festgelegt: 1. Januar 1995.

Offen blieb lediglich die Frage der Finanzierung. Über die Möglichkeiten der Kompensation entwickelte sich eine langanhaltende Diskussion. Um in der seinerzeit schwierigen Konjunkturphase nicht einseitig die kränkelnde Wirtschaft, sprich Arbeitgeber, zu belasten, sollten auch die Arbeitnehmer ihren Beitrag leisten. Im Gespräch waren die Streichung eines Urlaubstages, alternativ die Abschaffung eines bundesweit geltenden gesetzlichen Feiertags. Fünf solcher Feiertage standen zur Disposition: Ostermontag, Christi Himmelfahrt, Fronleichnam, Buß- und Bettag - und eben der Pfingstmontag. Diskutiert wurde auch über die Möglichkeit, in überwiegend katholischen Regionen den Buß- und Bettag zu opfern und in mehrheitlich protestantischen Gegenden den Fronleichnamstag. Gegen solche gespaltene Lösungen bestanden jedoch Bedenken aus wirtschaftlichen Gründen. Das Osterfest wollte man offenbar nicht antasten und so verdichtete sich die Diskussion auf zwei Alternativen: Buß- und Bettag oder Pfingstmontag.

Als sich zu Jahresbeginn 1994 Meldungen aus Berlin häuften, wonach der Pfingstmontag geopfert werden sollte, war Feuer unterm Dach des Rathauses in Kötzting. In einem Brandbrief an Ministerpräsident Edmund Stoiber und CSU-Chef Theo Waigel wies Bürgermeister Theo Zellner auf die besondere Bedeutung des Pfingstmontags für Kötzting hin. Mit der Abschaffung dieses Feiertags wäre das christliche Fundament des Pfingstbrauchtums entzogen, machte er deutlich. Das könne nicht im Sinn einer Partei sein, die den Namen "Christlich" vorantrage. Zellner erinnerte Stoiber auch an seine Aussage bei seinem Besuch als frischgebackener Ministerpräsident am 21. Juli 1993: Bei einer Kundgebung vor tausend Menschen hatte er von den christlichen Feiertagen als dem "Kulturgut unseres Landes" gesprochen und sich für den Erhalt des Pfingstmontags positioniert.

Im Vorfeld des Pfingstfestes 1994 empfing Edmund Stoiber als erster bayerischer Ministerpräsident eine Pfingst-Delegation aus Kötzting mit Bürgermeister Theo Zellner an der Spitze. Neben dem Pfingstbrautpaar Josef Gerstl und Nicki Traurig mit seinen Brautführern Hans Traurig und Dominik Reithner waren auch Pfingstrittoffiziator Markus Ertl, Oberzugordner Sepp Schwarz, Pfingstreferent Haymo Richter, Pfingstsachbearbeiter Poidl Sperl und Burschenvorstand Christian Costa dabei, begleitet wurde die Gruppe von den beiden Fanfarenbläsern Sepp Barth und Joachim Roiger. Bei dieser Gelegenheit untermauerte Stoiber seine Absicht, "in der Feiertagsfrage hart zu bleiben".

In der politischen Diskussion zeichnete sich um diese Zeit bereits eine Tendenz in Richtung Buß- und Bettag ab. Entsprechende Andeutungen machte Bayerns damaliger Sozialminister Dr. Gebhard Glück in einem Beitrag für die Pfingstbeilage der Kötztinger Zeitung: "Der Meinungsbildungsprozess vor allem in mehreren norddeutschen Ländern geht derzeit in die Richtung, dass wohl der Buß- und Bettag zur Finanzierung der Pflegeversicherung herangezogen werden wird. Wenn sich schon die stärker evangelisch geprägten norddeutschen Länder auf diesen Tag verständigen, kann sich Bayern dem nicht völlig verschließen, zumal ja nur ein bundesweit einheitlicher Kompensationstag Sinn macht."

Die Einladung zum Besuch des Kötztinger Pfingstritts musste der Ministerpräsident 1994 aus triftigen Gründen ausschlagen: In Berlin stand zur gleichen Zeit die 10. Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten an. CDU und CSU hatten den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Roman Herzog, ins Rennen geschickt, der sich dann auch im dritten Wahlgang durchsetzte.

Ein Jahr später löste Edmund Stoiber sein Versprechen ein: Am 5. Juni 1995 schrieb er Geschichte als erster bayerischer Regierungschef beim Kötztinger Pfingstritt. Bei seiner in der ganzen Stadt übertragenen Ansprache auf dem Rathausplatz legte er ein Bekenntnis zur Festkultur in Bayern ab und erklärte damit quasi die Diskussion um die Abschaffung des Pfingstmontags für beendet. Wörtlich sagte Stoiber: "Der Zeitgeist verweht, der Pfingstmontag besteht." Franz Amberger

 
 
 

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