Ostbayern Handwerkskammer: „Die Bon-Pflicht lässt die Preise steigen“

Ein Bon für alle (Verkaufs-)Fälle: Zu viel Aufwand, gerade für kleine Betriebe, sagt Andreas Keller von der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz. Foto: Collage HWK/Fotowerkstatt Gahr/Andrea Warnecke/dpa

Ab Herbst 2020 gibt es auch für die kleinsten Käufe, zum Beispiel das Sandwich vom Bäcker, eine Quittung – und die Verpflichtung für den Kunden, sie mitzunehmen. Für die Vertreter des Handwerks in Ostbayern ist die Richtlinie vor allem zweierlei: Sinnlos und teuer – in der Konsequenz auch für den Kunden.

Warum die Pflicht zum „Kassenzetterl“ möglicherweise die Preise steigen und noch mehr Kleinbetriebe sterben lässt, erklärt Andreas Keller, Bereichsleiter „Beratung“ der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz im Interview mit idowa.

Die Bon-Pflicht soll den Steuerbetrug bekämpfen. Ist das eine effiziente Maßnahme?

Andreas Keller: Der Kampf gegen Steuerbetrug ist ein sinnvolles Ziel. Dafür hat man auch schon sehr viel getan. Die Kassensysteme, die heute verlangt werden, erfassen lückenlos alle Vorfälle. Als Unternehmer komme ich hier gar nicht mehr aus. Neu ist, die Bons zusätzlich dem Kunden mitzugeben. Der Nutzen daran erschließt sich mir nun wirklich nicht. Ich sehe keinen Mehrwert für die Steuer- und die Finanzverwaltung. Möchten die Steuerfahnder dann die Leute auf der Straße ansprechen und nach der Quittung fragen? Dafür hat die Finanzverwaltung nicht mal das Personal.

Was kommt auf die Betriebe an zusätzlichem Aufwand zu – finanziell und personell?

Keller: Das ist schwer in Stunden oder in Euro zu quantifizieren. Der Aufwand steht oft in keinem Verhältnis zum Ertrag. Nehmen wir als Beispiel mal die Bäckerei, in der man sich ein paar Semmeln holt – in keinem Verhältnis zum Ertrag. Nach der einfachen kaufmännischen Rechnung setzt sich der Preis für den Kunden zusammen aus Arbeitszeit, Material und einem Aufschlag für den Gewinn. Der Preis für den Kunden wird höher, wenn der Betrieb mehr Aufwand betreiben muss, um die Vorschriften zu erfüllen. Das geht bei Kleinigkeiten los, dass eben dieses Thermopapier beschafft werden muss, die Daten müssen gepflegt werden, die Mitarbeiter müssen dafür geschult werden. Dem Kunden muss ich es mitgeben und erklären, dass er den Zettel jetzt mitnehmen muss. Ob die Betriebe die Kosten dafür an ihre Kunden weitergeben können, ist fraglich – irgendwann ist beim Kunden auch die Schmerzgrenze erreicht. Das betrifft nicht nur Bäcker und Metzger, das betrifft auch Friseure und alle Branchen, auch außerhalb des Handwerks, die Bargeschäfte abwickeln. Der praktische Nutzen dieses Kassenbons steht aus unserer Sicht in Frage.

Also in der Hauptsache bedeutet es mehr Zettelwirtschaft…

Keller: … was natürlich dann auch ein Thema für die Umwelt ist. Wir schaffen Coffee-To-Go-Becher und Plastiktüten ab – auf der anderen Seite geben wir den Leuten umso mehr Thermopapier mit. Das ist doch ein Wahnsinn.

Was wäre die Alternative?

Keller: Was wir halt machen in Deutschland, ist: Alle über einen Kamm scheren. Wir machen ein System, das dann alle einhalten müssen, unabhängig von der Größe. Große Betriebe tun sich natürlich leichter mit der Umsetzung der Vorschriften. Den Kleinbetrieben wird‘s zusehends madig gemacht, weil sie fast nur noch mit der Bürokratie außenrum beschäftigt sind. Das macht es unattraktiv für Nachfolger, die Betriebe sterben aus. Wir in Ostbayern verlieren dann das, was uns bisher so gut gemacht hat. Jeder zweite Betrieb zwischen einem und 50 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten ist ein Handwerksbetrieb.

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