Österreich Weißer Widder gegen schwarzen Tod

Während der Widderprozession wird das Tier um den Altar geführt. Foto: Günter Schenk

Im Osttiroler Virgental erinnert eine Wallfahrt an die Pestzeiten.

Für den weißen Widder, der im Chor der Wallfahrtskirche Maria Schnee im Osttiroler Obermauern wartet, ist der Samstag nach Ostern ein großer Tag. Mehr als ein Jahr wurde er nicht mehr geschoren und für seinen großen Auftritt immer wieder gewaschen und gestriegelt. Zuletzt vor einigen Tagen, als ihn sein Halter vor den Fernsehkameras noch einmal auf Hochglanz bürstete. Gemeinsam mit ihm schreitet er am Samstag nach Ostern dreimal stolz um den Altar der Kirche, das dicke Fell mit bunten Blumen und Bändern geschmückt. Ein Schafbock wie aus dem Bilderbuch, den die Menschen aus Virgen und Prägraten einmal jährlich opfern. So jedenfalls sollen sie es um das Jahr 1635 versprochen haben, als im Tal wie auch andernorts in Tirol die Pest wütete.

Weißer Widder vertreibt Sensenmann aus dem Tal

Damals, erzählt die Legende, hätten sich die Menschen keinen anderen Rat mehr gewusst, als die Zuflucht bei Gott. Also pilgerte man zur Kirche. Unterwegs sei ihnen der Tod in Gestalt eines schwarzen Sensenmannes begegnet, den sie betend in seine Schranken verweisen wollten. Dabei kam ihnen ein weißer Widder zu Hilfe, der dem schwarzen Tod seine mächtigen Hörner in die Seite rammte. Beim dritten Stoß sei der Sensenmann zusammengebrochen, hätte sich die Pest aus dem Tal verabschiedet. Eine Geschichte, die nicht nur die Legende, sondern auch ein barockes Votivbild erzählt, das heute in der Kirche Maria Schnee hängt. Eine Kopie ziert noch heute einen Bildstock an der Straße zwischen Virgen und Niedermauern, markiert die Stelle, bis zu der sich einst die Särge der Pesttoten gestapelt hätten.

"Auch Gott", predigt der Pfarrer beim Festgottesdienst in der Wallfahrtskirche mit Verweis auf das alttestamentarische Widderopfer Abrahams, "hat sich das Opfer ausgesucht, sein eigener Sohn wird als Lamm ohne Fehl und Makel die Sünden der Welt hinweg nehmen. Sein Erbarmen bringt einen Wendepunkt im Leben." Von der Bibel zur Gegenwart schlägt der Prediger so den Bogen. Für ihn wird der weiße Widder, der draußen vor der Kirchentür steht, zum religiösen Symbol. Zum Opfer, das die Brücke zwischen Gott und den Menschen schlägt. Theologische Gedanken sind das, die den Menschen im Virgental ihr Widderopfer näher bringen soll, es mit christlichem Sinn belegen. Von den Wallfahrern aber sind einige schon mit ihren Gedanken draußen vor der Tür, wo sich die Geschenke der Tombola stapeln. Gaben, welche die Bürger für die große Verlosung nach dem Festgottesdienst gestiftet haben. Ihr Hauptgewinn ist der weiße Widder, der Star beim schönsten Brauch im Virgental.

Erste Prozessionen dauerten zwei Tage lang

Über das Widderopfer ist viel gerätselt worden. Die meisten sehen in ihm ein Gelöbnis aus der Pestzeit wie man es auch aus anderen Regionen Österreichs kennt. Andere wollen in ihm die Reste mittelalterlicher Zehntablieferungen sehen oder gar nur Requisit eines Heischebrauches. Hatte der Halter des Tieres doch früher das Recht in der Talschaft um Kom zu betteln. Heute braucht er das nicht mehr, seit 1988 gibt es für seine Arbeit eine Aufwandsentschädigung aus der Gemeindekasse.

Die ersten Widderprozessionen führten übrigens in die über 50 Kilometer entfernte Wallfahrtskirche nach Lavant und erstreckten sich über zwei Tage. In manchen Jahren wurde auch nicht nur ein, sondern mehrere Widder gestiftet, mit denen man aus dem Virgental zur Wallfahrtskirche nach Lavant zog. Für die Städter in Lienz war das immer ein großes Fest. Geschäftsleute, so erzählt man sich, hätten den Widdern schöne Bänder ins Fell geknüpft, im Gegenzug aber auch manches Haar ausgerissen, aus deren Zahl man gern auf die noch zu verbleibenden Lebensjahre schloss. Für die Tiere waren das harte Tage, trieb man sie doch durch Häuser und Höfe, wo sie mit allerlei Süßigkeiten gefüttert wurden. Am Ende der Prozession jedenfalls wurden sie der Lavanter Kirche geschenkt, versteigert und geschlachtet, kam ihr Fleisch den Armen zugute.

Widder gilt als Hauptgewinn der Tombola

Im Virgental verfolgte man die Entwicklung der Prozession mit Sorge, so dass die Räte von Virgen und Prägraten am 15. Februar 1920 beschlossen, den Opferwidder "statt unter Mühen und unter Spötteleien Auswärtiger nach Lavant zu liefern, lieber hierorts jährlich zu veräußern". Ein Beschluss, der ganz auch im Sinn des Pfarrers war, waren die Zweitages-Touren nach Lavant doch immer wieder ausgeartet. Seitdem wird der Widder jährlich nach Maria Schnee in Obernmauern geführt, wo er anfangs "amerikanisch" versteigert wurde, seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts aber verlost wird.

Nicht der einzige Brauch zu Ostern

Die Widderprozession findet immer am "Weißen Samstag" statt, dem ersten Samstag nach Ostern. Genauer sind es zwei Prozessionen, die am frühen Morgen in Virgen und Prägarten starten und sich unterhalb der Wallfahrtskirche treffen. Die Widder werden jeweils sieben Jahre von der Gemeinde Virgen gestellt, anschließend fünf Jahre von Prägraten. Um 9 Uhr ist Gottesdienst, anschließend wird der Widder auf dem Kirchhof verlost.

Auch in Ötting im benachbarten Mölltal gibt es am Freitag vor Palmsonntag eine Widderprozession, die ihren Ursprung ebenfalls auf die Pest zurückführt.

Weitere Informationen: www.virgen.at

 
 
 

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