Nordsee Rendezvous mit Tölpel auf Helgoland

Steil und mächtig: Eher ein Kunstwerk als ein Fels ist die aus dem Meer ragende Naturstatue "Lange Anna". Foto: Manfred Lädtke

Fanny Girl" ist in Tanzlaune. Auf der Fahrt von Büsum nach Helgoland rockt das Motorschiff die aufgewühlte Nordsee. An Deck halten Passagiere Spucktüten parat, andere versuchen mit einem beherzten Sprung der spritzenden Gischt zu entkommen. Nach zweieinhalb Stunden gibt der Klabautermann Ruhe. Helgoland in Sicht!

Endlich schaukelt "Fanny Girl" im ruhigen Gewässer, da nähern sich vom Hafenkai auch schon offene Boote. Einsteigen und zusammenrücken! Seit fast 200 Jahren schippern die Börteboote Touristen zur Landungsbrücke. Weil das Linienschiff nicht im Inselhafen ankern darf, werden Besucher bis zum Spätherbst "ausbootet", das heißt, an Land gebracht.

Mit dem Fahrstuhl vom "Unterland" ins "Oberland"

Auf der Landungsbrücke wartet Gästeführerin Iris Schneider. "Riecht ihr was?" Nur Meer und Salz. Kein Motorenlärm, keine Abgase auf der autofreien Insel. Ein salziges, staubfreies Lüftchen weht auf dem 4,2 Quadratkilometer kleinen Nordseeflecken in der Deutschen Bucht. Und beim Durchfluten der Lunge mit reiner Seeluft, bietet das weitläufige Inselchen auch reichlich Platz zum Abstandhalten.

Der Fußmarsch vom "Unterland" in die zweite Inseletage zum "Oberland" führt über einen Fahrstuhl - oder eine zick-zackförmige Treppe. Als es Lift und Elektrokarren noch nicht gab, mussten die Bewohner sämtliche Lasten mit Muskelkraft ins Oberland schleppen.

Auf Absätzen vor den 184 kurzen Stufen konnten sie durchschnaufen. Wer heute "unbelastet" zur Aussichtspromenade hinaufsteigt, blickt über eine Wasserstraße auf ein abgetrenntes Düneneiland. Eine Sturmflut riss Helgoland 1720 in zwei Teile.

Strategische Überlegungen an das Nordsee-Idyll planerisch Hand anzulegen, entwickelten in den 1930er Jahren die Nazis. Das Projekt "Hummerschere" scheiterte zwar, zog am Ende des Zweiten Weltkriegs aber die totale Zerstörung Helgolands nach sich. Im April 1945 bombardierten fast 1.000 Flugzeuge der britischen Luftwaffe militärische Anlagen und legten die Insel mit der Operation "Big Bang" in Schutt und Asche. 285 Soldaten starben, die meisten Einheimi-schen retteten sich in tief gelegenen Luftschutzbunker. Nach der Evakuierung der Insel nutzten die Briten Helgoland als Übungsziel für Bombenabwürfe. Erst 1952 gaben sie die verwüstete Insel frei, die Insulaner durften zurückkehren. Bunker und gewaltige Krater lassen Besucher 75 Jahre nach Kriegsende immer noch in einen finsteren Abgrund schauen.

Eisturmvogel, Basstölpel und Trottellumme

Ilse Töpfer ist eigentlich Requisiteurin, hat sich aber entschieden, Touristen die Reize ihrer Wahlheimat zu zeigen. Rund 1.270 Menschen, zahlreiche Kegelrobben und mehr als 400 Vogelarten teilen sich die Insel. Eissturmvogel, die Trottellumme oder Basstölpel haben in den steilen Wänden der Felseninsel ihr Brutquartier. Vogelbeobachtern bietet sich insbesondere im Frühjahr und Herbst aus nächster Nähe ganz großes Kino.

Der Rundgang auf dem Klippenrandpfad ist der direkte Weg in ein Naturparadies mitten im Meer. "Ein Paradies mit von Menschen verursachten Schönheitsfehlern", relativiert Ilse Töpfer als ihre Gruppe an der Nordwestspitze die "Lange Anna" erreicht. Tausende schnatternder Vögel tummeln sich auf dem 47 Meter aus dem Meer ragenden Naturdenkmal der deutschen Nordsee und auf dem nahen schroffen Lummenfelsen. Überhaupt nicht tölpelhaft stoßen Basstölpel von den rostroten Felswänden hinab ins Meer. Auf ihrer Jagd nach Hering und Makrele erreichen die Luftakrobaten bis zu 100 km/h. Auch die Trottellumme führt ihren Namen ad absurdum, wenn sie auf dem Wasser pfeilschnell nach kleinen Fischen taucht.

Und was leuchtet da rot, gelb und blau in den Felsspalten? Nester mit Plastik! Ihre Kinderstuben bauen die Basstölpel auch mit Müll und Kunststoffen, die sie in der Nordsee finden. Oft verschlucken sich die Eltern an dem Unrat, sterben elendig und können ihre Küken nicht mehr ernähren, weiß Iris Töpfer.

Ein letzter Blick zu flatternden Austernfischern und Dreizehenmöwen, dann geht es von der Unterstadt mit der Dünenfähre nach "Robbenland". Himmlische Stille. Nur manchmal ist vom benachbarten Flugplatz das Brummen des Küstenfliegers zu hören.

Am Nordstrand fläzen massigen Flossenfüßer gemächlich in der Sonne. Auch hier gilt: Abstand halten. Mindestens 30 Meter, mahnt ein Ranger. Kegelrobben könnten nicht nur kräftig zubeißen, sie hätten auch eine infektiöse Maulflora.

Wenn ab November die Babyrobben zur Welt kommen würden uneinsichtige Besucher leider allzu oft dem Nachwuchs mit Kameras auf den weißen Pelz rücken, bedauert der Ranger. Die sensible Phase der Jungtiere werde so erheblich gestört.

Der Knieper ist auf der Insel in aller Munde

Einem anderen Meeresbewohner dürfen Inselgäste indes ohne Einschränkung näher kommen. Als delikate Insel-Spezialität ist der Knieper ("Kneifer") in aller Munde. Meistens kommt der unverwüstliche Taschenkrebs aus dem nährstoffreichen Seewasser mit Baguette oder Toast, Cocktailsoßen und einem kühlen Weißwein auf den Tisch. Andere eiweißreiche Hochgenüsse wie zum Beispiel frische Fischbrötchen werden in Helgolands Hummerbude gereicht.

Die in den 1950er Jahren nachgebauten bunten Holzhäuschen reihen sich wie Farbwürfel in einem Malkasten die Hafenstraße entlang. In den Schuppen lagerten Fischer früher Hummerkörbe, Aalstecher und Stellnetze.

Heute sind auf der Touristenmeile Kneipen, Cafés, Galerien sowie das James-Krüss-Museum untergebracht. In seinem Kinderbuch "Mein Urgroßvater und ich" hat Helgolands Schriftsteller 1959 dem Leben auf dem Felssockel und den Buden ein Denkmal gesetzt. Warum der Poet die Schuppen jedoch vom Hafen ins Oberland verlegt hat, bleibt sein Geheimnis.

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