Nordhessen Im Nationalpark Kellerwald-Edersee gehen Wanderer auf Naturzeitreise

Die Försterin Inka Lücke genießt den Blick über den Nationalpark Kellerwald-Edersee, der dominiert ist von Buchen. Foto: Heinke

Sonnenlicht hüpft durch die dicht belaubten Buchenkronen. Dazwischen blitzen kleine, strahlend blaue Fetzen. Ist das Himmel oder Wasser? Inka Lücke lacht. Wie an so vielen Stellen im bergig-hügeligen Kellerwald kann das selbst die Försterin nicht immer mit Gewissheit sagen.

„Es ist der Edersee“, weiß sie nun sicher. Die 39-Jährige im Wanderoutfit, die auch als Pressesprecherin beim Nationalpark arbeitet, ist mit Kamera und Schreibzeug auf Kontrollgang unterwegs. Ihr heutiges Expeditionsrevier: der Urwaldsteig. Der 68 Kilometer lange Wanderweg verläuft – bergauf, bergab – in mehreren „Etagen“ am Edersee entlang. So wie sich der angestaute Eder-Fluss als schmaler, langgestreckter See durch das formenreiche Bergland schlängelt, tut es ihm der Rundweg nach. Aufmerksam gleicht Inka ihn mit ihren Karten ab und notiert Beobachtungen.

Eine Heimat für Baumsenioren

Nicht weit vom Wanderparkplatz Kirchweg bei Bringhausen bleibt sie vor einer wunderschönen alten Eiche stehen. „Eine Hute“, sagt die Försterin. „In der Vergangenheit hütete man unter solchen einzeln stehenden Bäumen – meist Eichen oder Buchen – Schweine und anderes Vieh“, erklärt sie. Die Tiere ernährten sich von deren Früchten wie auch von Pflanzen, die darunter wuchsen. So hielten sie den Hutebäumen Platz zum Wachsen frei, düngten sie und sorgten für Gedeih und gutes Futter in Form von Eicheln oder Eckern. Ganze Wälder wurden so zu Weideland – ohne dass der Wald gerodet werden musste. Finkenschlag und Bienensummen: Zwischen glatten Schieferfelsen plätschert eine Quelle. Viele Hundert davon sprudeln aus den Tiefen des Gesteins und suchen ihre Wege durch den Wald. Hin und wieder tauchen Eichen auf und Ahorn, auch Birken, Ulmen oder Nadelbäume. Dazwischen stehen Haselnuss- und Weißdornsträucher. Dominiert wird dieser Lebensraum jedoch von Buchen.

Schon fast 10.000 Jahre sind sie hier daheim. „Kein anderer Baum hat unseren Kontinent seit der letzten Eiszeit so geprägt“, sagt Inka und streichelt einen Stamm, den dichtes Moos wie Fell bedeckt. Gut zwei Jahrhunderte ist diese Buche alt, schätzt sie. Weil die Baumart so flexibel ist, kommt sie mit ganz verschiedenen Bedingungen zurecht. Sie gedeiht sowohl im Küstenraum als auch im Bergland. Übrig ist heute von ihren einstmals flächendeckenden Beständen nur noch sehr wenig. Letzte Refugien sind die großen Buchenurwälder der ukrainischen und slowakischen Karpaten sowie zahlreiche kleine alte Buchenwälder in zwölf europäischen Ländern. 92.000 Hektar stehen unter UNESCO-Schutz. Eines der fünf deutschen Welterbegebiete liegt im Nationalpark Kellerwald-Edersee. Mit 1.400 Hektar nimmt es knapp ein Viertel seiner Fläche ein. Neben vielen jungen, dünnstämmigen und glattrindigen Exemplaren mittlerer bis mächtiger Statur sind es vor allem hochbetagte, vom Alter krumme Bäume mit tief zerfurchter Borke, die den Charakter dieser Gemeinschaft prägen. Manche sind bald 300 Jahre alt. „Urwaldrelikte“ nennt Inka Lücke diese „Baumseniorenwohngebiete“. Eines der schönsten im Nationalpark ist die sogenannte Wooghölle an den steilen Nordhängen des Arensbergs.

Die Bäume ähneln verwunschenen Gestalten

Wie verwunschene Gestalten ragen die bizarren Protagonisten dieser Landschaft aus dem kargen Boden. Oft stehen sie auf nacktem, dunkelgrauem Sedimentgestein: Tonschiefer und Grauwacke – geschaffen von den Wassermassen eines Urzeitozeans vor hunderten von Jahrmillionen. Die knorrigen, bemoosten Holzgespenster sind teils stark durchlöchert. Aus manchen gähnen schwarze Höhlen. Durch den ganzen Wald hallt das Gehämmer ihrer Schöpfer: Bunt-, Schwarz-, Grün-, Grau-, Klein- und Mittelspechte.

Gleich sechs Arten der geschickten Vögel sind im Nationalparkareal daheim. Beliebt sind ihre Baumbehausungen etwa auch bei Eulen, Siebenschläfern sowie Fledermäusen. Einige der greisen Buchen klammern sich, die lichte Krone immer noch erhoben, fast kriechend an den Felsen fest. Auch bei denen, die bereits Ruinen oder Körpern ohne Glieder ähneln, sprießt noch immer junges Grün. Und selbst die toten Bäume, die liegenbleiben dürfen, stecken voller Leben. Vor einem hat sich Inka hingehockt. Mit dem Blick einer Kennerin scannt sie den morschen Stamm. Wie dicke Elefantenfüße schauen ganze Zunderschwammfamilien aus dem bröseligen Holz. Schon seit langer Zeit machen es die Scheibenpilze sich darin gemütlich.

Paradies für Insekten aus der Urzeit

Auch ganze Völker von Insekten haben sich hier häuslich eingerichtet. Neben Ameisen und Hautflüglern interessieren die Expertin insbesondere die Totholzkäfer, für die der weiche, nährstoffreiche Mulm der Buchenleichen das Schlaraffenland bedeutet. „Da ist einer!“, ruft Inka hocherfreut und zeigt auf ein unscheinbares, etwas mehr als einen Zentimeter langes, bläulich-schwarzes Krabbeltier: „Ein Veilchenblauer Wurzelhalsschnellkäfer.“ Als sogenannte Urwald-Zeigerart genießt der vom Aussterben bedrohte Winzling Kultstatus im Nationalpark. Ihre sehr spezielle Lebensweise mit langwierigen Entwicklungszyklen bindet diese wenig bewegungsfreudigen Käfer auf lange Zeit an einen Standort. „Sie brauchen totes Holz und gleichbleibende Umweltbedingungen wie Feuchtigkeit und Temperatur. Das bietet ihnen nur ein sehr alter und auf sich selbst gestellter Wald“, sagt die Expertin. Dass am Edersee so viele Urwaldreste überdauern konnten, verdankt man nicht zuletzt der Jagdlust und dem Egoismus einer Hand voll Adliger.

Da die „Ederhöhen“ Exklusivrevier von Waldecks Fürsten waren, blieb außer den gelegentlichen Schießereien die Natur in großem Maße unter sich. Selbst rare Spezies wie der scheue Schwarzstorch oder die andernorts schon längst verschwundene, bis in den Juli hinein zwischen Felsen blühende Pfingstnelke überlebten. Viel Wald vernichtet wurde dennoch. Denn mangels Regeln fand vom Mittelalter bis etwa 1800 stellenweise regelrechter Kahlschlag statt. Erst im 19. Jahrhundert wurde aufgeforstet. Felsenböden wie auch steile Hänge verhinderten auf weiten Flächen eine Nutzung. Die Waldwirtschaft war hier nie wirklich von Bedeutung. Stück für Stück ging sie im 20. Jahrhundert zurück. Der große Tier- und Pflanzenreichtum rief den Naturschutz auf den Plan. Am Ende stand der Neuanfang: 2004 wurde der Nationalpark Kellerwald-Edersee gegründet.

Weitere Informationen


Unterkünfte/Essen:

Gemütliche Zimmer und gute regionale Küche bietet das Parkhotel Emstaler Höhe, Tel.: 05624/5090, www.emstaler-hoehe.de, sowie das Flair-Hotel Werbetal, Tel.: 05634/ 97960, www.hotel-werbetal.com.
Für Wanderer und Genießer ist das Restaurant im Nationalparkzentrum Kellerwald eine gute Anlaufstelle, Tel.: 05635/993457.

Aktivitäten:

Einer der Hauptwanderwege im Nationalpark sowie im Naturpark Kellerwald-Edersee ist der Urwaldsteig Edersee (68 km). Er ist in sechs Etappen aufgeteilt und kann in drei bis sechs Tagen erwandert werden. 19 kurze Rundwege für Tagestouren ergänzen die Hauptroute. (www.urwaldsteig-edersee.de)

Das Nationalparkzentrum Kellerwald vermittelt jede Menge Wissen – multimedial und interaktiv – auf erlebnisreiche und unterhaltsame Weise für die ganze Familie. Tel.: 05635/992781, www.nationalparkzentrum-kellerwald.de Der 250 Meter lange, bis 30 Meter hohe Baumkronenpfad Tree Top Walk bietet lehr- und erlebnisreiche Spaziergänge in luftiger Höhe mit Aussichten auf den Edersee und Schloss Waldeck. (www.baumkronenweg.de) Im Wildtierpark Edersee gibt es viele Vertreter der einheimischen Fauna zu sehen. (www.wildtierpark-edersee.eu)

Auskunft:

  • www.grimmheimat.de
  • www.nationalpark-kellerwald-edersee.de
  • www.edersee.com
 

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