Niederbayern Landwirte-Dilemma: Die Idylle ist nicht geruchsfrei

Der niederbayerische Bauernpräsident Gerhard Stadler hält Holzkirchen für einen Einzelfall. (Symbolbild) Foto: Collage Stefan Karl/BBV

Jahrelang hat ein Ehepaar aus Holzkirchen in Oberbayern einen regelrechten Kreuzzug gegen die Milchviehhalter in seiner Nachbarschaft geführt. Die Eheleute fühlten sich belästigt vom Geruch der Kühe, von den Fliegen – allen voran aber vom Lärm der Kuhglocken. Die gemeinhin verbreitete Vorstellung von Landidylle und die Realität der Landwirtschaft passen eben nicht immer zusammen. 

Von Konflikten mit Nachbarn können auch Landwirte in Ostbayern berichten – dabei geht es allerdings nicht um Kuhglocken, sagt der Kreisobmann und Niederbayern-Präsident des Bayerischen Bauernverbands (BBV), Gerhard Stadler. Trotzdem haben Konflikte zwischen Landwirt und Anwohner schon zuweilen Klagen nach sich gezogen. Auch, wenn nichts davon bisher an Dauer und Leidenschaft an den Causa Holzkirchen herangereicht habe.

Der Fall Holzkirchen legt nahe, dass Verhältnis zwischen Landwirten und Nachbarn durchaus konfliktbeladen sein kann. Kuhglocken und Almabtrieb sind bei uns wohl kein Thema, oder?

Gerhard Stadler: Bei uns ist die klassische Almwirtschaft nicht so verbreitet. Ich glaube aber, dass Holzkirchen auch in Oberbayern ein Einzelfall ist. Wenn ich dort in Urlaub bin, erstaunt es mich selbst immer, wie interessiert die Leute an diesen Traditionen sind - und solche Dinge sollten geschützt und nicht verboten werden. Kultur und Tradition sind ja auch ein wichtiger Teil unserer Identität und machen unsere Attraktivität als Tourismusregion aus.

Gibt es in Niederbayern in anderen Bereichen ein ähnliches Konfliktpotenzial zwischen Bauern und ihren Nachbarn?

Stadler: Natürlich gibt es da immer wieder unangenehme Berührungspunkte. Egal, ob das Stallgerüche oder laute Maschinen sind. Es gibt immer wieder Dinge, die von Anwohnern als Beeinträchtigungen wahrgenommen werden. Gülle ausbringen ist auch so ein Thema. Wir fordern deshalb zur gegenseitigen Rücksichtnahme auf.

Wie sieht das aus?

Stadler: Wir sagen unseren Bauern zum Beispiel, dass man am Samstag nicht unbedingt Gülle entlang der Wohngebiete ausbringen muss. Genauso muss die Ernte auch nicht unbedingt nachts direkt an der Siedlung stattfinden. Allerdings ist es oft aus Witterungsgründen nicht anders möglich. Und jeder weiß, der sich auf dem Land ansiedelt, dass zum „Land“ eben auch die Landwirtschaft dazu gehört.

Also geht die Empfehlung an die Landwirte eher Richtung „Prävention“. Wo liegt Ihrer Erfahrung nach das meiste Konfliktpotenzial?

Stadler: Wenn ein Bauer seinen Stall neu bauen will, gehen die Nachbarn schon manchmal auf die Barrikaden. Wenn wir aber eine Weiterentwicklung in Sachen Tierwohl und Tierschutz wollen, dann muss eben auch neu gebaut werden. Man sollte das durchaus fördern, weil ein neuer Stall Tierwohlbestimmungen in der Regel besser umsetzt. Ansonsten drängen wir die Landwirtschaft immer mehr zurück.

Bringen neue Ställe auch bessere Vorrichtungen zur „Geruchsprävention“?

Stadler: Nicht zwingend. Da haben wir durchaus Zielkonflikte. Zum Beispiel hatten wir früher geschlossene Ställe mit sehr ausgefeilten, hoch technisierten Lüftungen. Jetzt kommt vielfach die Forderung, Freilaufhaltung zu machen und den Tieren mehr Auslauf zu verschaffen. Das führt aber natürlich zu höheren Emissionen.

… heißt, es stinkt dann auch mehr?

Stadler: Das kann auch sein. Aber vor allem, wenn es um die Klimaschutzziele geht, ist eigentlich diese Haltungsform dann im Vergleich schlechter. Die Landwirtschaft ist mittlerweile aufgefordert, Klimaziele einzuhalten. Viele neugebaute Ställe bewirken aber eher das Gegenteil. Diesen Zielkonflikt müssen wir auflösen, da brauchen wir klare Ansagen. Wenn man nun sagt „Tierwohl hat Vorrang vor den anderen Themen“, dann können wir das gerne umsetzen. Die Entwicklung ist nicht so einfach, wie das von außen ausschaut.

Kann Landwirtschaft in der Nähe von Wohngebieten trotzdem grundsätzlich funktionieren?

Stadler: Manchmal ist etwas Abstand schon wichtig. Es gibt nicht umsonst Gesetze und Vorgaben wie die sogenannte Privilegierung, dass wir Betriebe auch außerhalb der Ortschaften bauen können. Bauen im Außenbereich ist ansonsten nicht ohne Weiteres möglich, für landwirtschaftliche Betriebe ist es gewollt – aus unserer Sicht ist es wichtig, dass das so bleibt.

 

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